Ethik

Tierversuche: Viele offene Fragen, kaum klare Antworten

Die Position der Tierschützerin ist klar: «Der gesellschaftliche Konsens, dass man die Würde des Tieres im Namen höherer Interessen verletzen darf, ist sicher infrage zu stellen.»

Sind Tierversuche ethisch vertretbar?

Die Position der Tierschützerin ist klar: «Der gesellschaftliche Konsens, dass man die Würde des Tieres im Namen höherer Interessen verletzen darf, ist sicher infrage zu stellen.»

In Alternativen zu Tierversuchen wird heute noch zu wenig investiert, kritisiert Tierschützerin Claudia Mertens. Sie ist überzeugt, dass es sich viele Beteiligte in Hinblick auf die heikle Thematik zu einfach machen.

Frau Mertens, braucht es Tierversuche?

*Claudia Mertens: Mit Ja oder Nein lässt sich diese Frage nicht beantworten. Klar ist aber: Von den vielen Tierversuchen, die heute stattfinden, ist ein ganz grosser Teil infrage zu stellen. Auf der biomedizinischen Front wird geforscht wie wild, mit höchst fragwürdigen Versuchen. Es gibt aber auch Bereiche, in denen man Tierversuche, zumindest basierend auf der heutigen gesetzlichen Grundlage, nicht ablehnen kann.

Da schwingt Skepsis mit. Meinen Sie: Aus ethischen Gründen schon?

Aus ethischen wie auch wissenschaftlichen Gründen, ja. Schauen wir nur mal die Labortierhaltung an und lassen Versuche an sich noch vorneweg: Die ist oft alles andere als tierschutzkonform. Jedoch nicht aus gesetzlicher, sondern aus Sicht des Tiers.

Ist es für Sie vertretbar, Menschen- über Tierwohl zu stellen?

Der gesellschaftliche Konsens, dass man die Würde des Tieres im Namen höherer Interessen verletzen darf, ist sicher infrage zu stellen. Ich respektiere die derzeit gültigen Normen. Diese verlangen aber in jedem einzelnen Fall eine sorgfältige Güterabwägung. Das heisst: Das Versuchsziel muss relevant und erreichbar sein, Alternativen müssen nachweislich fehlen. Nur dann sind Tierversuche vertretbar.

Das steht aber ja heute schon im Gesetz.

Ja, aber es wird nicht sauber umgesetzt. Das Problem ist: Die Forscher müssen diese Güterabwägung im Rahmen des Bewilligungsverfahrens selbst vornehmen. Sie sind dabei natürlich stark befangen. Das Forschungsziel steht für sie über allem. Und die Bewilligungsorgane teilen diese Sicht meistens. Ich gebe zu: Die Prüfung dieser Gesuche ist alles andere als einfach. Aber man macht es sich heute auch viel zu einfach.

Um das Tierleid tief zu halten, hat sich die Forschung aber doch dem sogenannten 3-R-Grundsatz («replace, reduce, refine») verschrieben. Greift diese Strategie nicht?

Doch, bis zu einem gewissen Punkt schon. Vor allem in der akademischen Forschung wird das Prinzip aber, obwohl es ständig beschworen wird, noch viel zu wenig angewendet. Zudem wird es viel zu oft zum Vorteil des Forschenden und nicht des Tiers ausgelegt: Beim Gebot «refine» etwa wird häufig die wissenschaftliche Verbesserung des Versuchs und nicht die Schonung des Tiers geltend gemacht. Gemeint wäre aber letzteres.

Also finden Sie, dass es beim Lippenbekenntnis bleibt?

Ein Stück weit, ja. Man muss auch sehen: Nur eines der drei R-Prinzipien — das «Replace» — betrifft den kompletten Ersatz des Versuchstiers, was unser eigentliches Ziel ist. In den letzten 20 Jahren wurde in der Forschung nach Alternativen zwar viel erreicht. Wir glauben aber, dass noch viel mehr möglich ist. Dafür braucht es Dreierlei: wissenschaftlichen Fortschritt, Geld für die Forschung nach Alternativen und vor allem ein Umdenken.

Gäbe es denn heute schon gleichwertige Alternativen zu Tierversuchen?

Ja, und zwar nicht wenige. Doch das Tiermodell ist noch derart in den Köpfen zementiert, dass Alternativen gar nicht in Betracht gezogen werden.

Auch alternative Methoden müssen erst mal entwickelt werden. Wird dafür genug Geld investiert?

Nein, definitiv nicht. 100 bis 200 Millionen Franken — nur schon an staatlichen Geldern — fliessen jährlich in die akademische biomedizinische Forschung. Vergleicht man das mit den 500 000 Franken für die Stiftung «Forschung 3R», sieht man, wo die Prioritäten gesetzt werden.

Tierschützer bemängeln auch, dass Erkenntnisse aus Tierversuchen — selbst die vielversprechendsten — gar nicht auf Menschen übertragbar sind.

Eine gewisse Übertragbarkeit ist natürlich schon gegeben. Doch sie ist limitiert und wird in der heutigen Forschung massiv überschätzt. In vielen Forschungsbereichen wäre Tier wie auch Mensch sehr damit geholfen, wenn man auf humanes Zellmaterial zurückgreifen würde.

In Bern lancierten Tierschützer gerade ein Referendum gegen einen Laborneubau. Auch am Irchel soll langfristig mehr Platz für die Tierhaltung geschaffen werden. Wird der Zürcher Tierschutz hier aktiv?

Das ist offen. Klar ist: Solche Pläne zeigen, dass die Tierversuchsbranche nicht daran ist, sich zu verkleinern, im Gegenteil. Das behagt uns natürlich nicht. Bei solch hochpolitischen Entscheiden wie der Erweiterung am Irchel hat ein Tierschutzverein aber nur beschränkte Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen. Im Moment nutzen wir die Möglichkeit, über den Einsitz in der kantonalen Tierversuchskommission möglichst viel Tierschutz in den Vollzug einzubringen.

*Claudia Mertens ist diplomierte Biologin, Tierversuchsexpertin beim Verein Zürcher Tierschutz und Präsidentin der Stiftung Animalfree Research. Zudem hatte sie 13 Jahre lang Einsitz in der kantonalen Tierversuchskommission.

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