Kanton

Tierquälern und Umweltsündern auf der Spur

Die Idylle trügt: Bei diesen Schafen wurde die jährlich vorgeschriebene Wollschur nicht durchgeführt. Die übermässig dicke Wolle und die Verschmutzung schränken ihr Wohlbefinden deutlich ein.

Die Idylle trügt: Bei diesen Schafen wurde die jährlich vorgeschriebene Wollschur nicht durchgeführt. Die übermässig dicke Wolle und die Verschmutzung schränken ihr Wohlbefinden deutlich ein.

Zusammen mit Bern gehörte Zürich zu den ersten Kantonen, in denen sich bei der Polizei Spezialisten der Tier- und Umweltverstösse annahmen. Die Beamte kümmern sich um verwahrloste Tiere und verschmutzte Gewässer.

Umweltverschmutzungen und Tiermisshandlungen werden selten publik. Doch selbst in einem dicht besiedelten und gut kontrollierten Gebiet wie dem Kanton Zürich sind die Vorfälle zahlreich. Alleine gegen Nutztiere wurden vergangenes Jahr 47 Verstösse gezählt (Vorjahr 58) und gegen Heimtiere deren 98 (104).

Mit diesen Fällen befasst sich der Fachdienst Tier- und Umweltschutz der Kantonspolizei Zürich. Um die Breite seines Aufgabengebiets zu erklären, nennt Dienstchef Emil Ott verschiedene Delikte, mit denen sich der Dienst unter anderem schon befassen musste: Ein Hund reisst ein Reh; ein Spital leitet radioaktiv belastetes Abwasser in die Kanalisation; ein Landwirt erschiesst einen geschützten Habicht, weil dieser die Hühner angegriffen hat; ein Schafzüchter vergisst die Wollschur; ein Kleinkraftwerk entleert den Stauraum, worauf der abfliessende Schlamm ein Fischsterben verursacht.

Diese in den Schlachthof angelieferte Kuh wurde ungenügend behandelt.

Diese in den Schlachthof angelieferte Kuh wurde ungenügend behandelt.

Sehr selten begangen werden vorsätzliche schwere Tierquälereien. In solchen Fällen muss der Fachdienst jedoch besonders schnell reagieren. «Denn diese Täter haben in der Regel ein Steigerungspotenzial», sagt Ott. «Zunächst quälen sie ihren Hamster, dann eine Katze, später ein Pferd – und irgendwann könnte ein Mensch ihr nächstes Opfer werden.» Die Früherkennung solcher Täter ist schwierig. Denn gerade im Heimtierbereich ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Was hinter den Wohnungstüren mit Hamstern und Meerschweinchen geschieht, ist kaum zu kontrollieren. Ein misshandelter Hund kann vielleicht noch mit Bellen und Jaulen auf sich aufmerksam machen – oder fällt allenfalls beim Gassigehen auf.

Wo Nachbarn weghören oder gar keine sind, haben aber auch Hunde keine Chance. Emil Ott erinnert sich gut an die 80 Hunde, die in einem abgelegenen Haus gehalten und vernachlässigt wurden. Den Gestank hatte er noch tagelang in der Nase. Genauso streng roch es in dem Stall, in dem ein psychisch angeschlagener Landwirt seine tote Kuh mitten im Vieh liegen liess. Dieser Fall liegt allerdings schon über 15 Jahre zurück. Heute können solche Missstände kaum noch entstehen, da Landwirte wegen des für die Direktzahlung notwendigen ökologischen Leistungsnachweises regelmässig kontrolliert werden.

Im Wesentlichen sei die Tierhaltung in der Landwirtschaft als sehr gut zu bezeichnen, sagt Ott. Am ehesten komme es vor, dass ein Landwirt seine kranke Kuh aufgrund einer Fehleinschätzung zu spät oder ungenügend behandelt oder ihr zu wenig Auslauf gewährt. Mindestens 90 Tage im Jahr müssen es sein, davon 30 im Winter. Die meisten Anzeigen gelangen vom Veterinäramt zum Fachdienst der Kapo. Auch die Fleischschaukontrolleure der grossen Schlachthäuser melden, wenn angelieferte Tiere in einem schlechten Zustand sind. Oder dann geht das Team Hinweisen von Privaten nach. Und auch das kommt vor: Sünder, die sich gleich selber bei der Polizei oder der zuständigen Verwaltungsabteilung melden. «Am meisten Selbstanzeigen erhalten wir von Jägern», sagt Ott, die selber regelmässig auf die Jagd gehen.

Das erstaunt nicht. Jäger sind gut vernetzt, die soziale Kontrolle funktioniert in diesen Kreisen gut. Wer Regeln missachtet, ist schnell bekannt und riskiert, von den Kollegen ausgeschlossen zu werden. Das droht auch jenen, die nachts mit den Autos unterwegs sind, mit Handscheinwerfern das Wild (vor allem Füchse und Wildschweine) ausleuchten und diese dann vom Fahrzeug aus abschiessen. Dieser verbotenen Jagdart, der sogenannten Pirelli-Pirsch, will der Fachdienst der Kapo in diesen Tagen den Riegel vorschieben. Es dürfte schwierig werden, jemanden auf frischer Tat zu ertappen. Doch die Schwerpunktaktionen werden sich in Jägerkreisen schnell herumsprechen und präventive Wirkung erzielen.

Nebst der Aufklärung von Straftaten gehört die Prävention zu den Kernaufgaben des Fachdienstes Tier- und Umweltschutz. Unter anderem schult er angehende Landwirte. «Die vermehrte Sensibilisierung dieser Berufsgattung wird für den Tier- und Umweltschutz immer wichtiger. So arbeitet gerade der Landwirt exponiert auf dem Grat der diversen Gesetzgebungen wie dem Gewässer-, dem Umwelt- und dem Tierschutzgesetz», sagt Emil Ott, der nebenbei selber eine kleine Landwirtschaft betreibt.

Alle seine sechs Mitarbeiter haben früher auf einer Polizeistation gearbeitet und bringen Erfahrungen aus anderen Berufen mit, als Landwirt, Schreiner, Mechaniker oder Chemielaborant. Ott versteht seine Aufgabe nicht als Tieranwalt. Dieser wurde per Ende 2010 abgeschafft. Dafür beschäftigt das Veterinäramt eine vollamtliche Juristin, die das geltende Parteirecht der Tiere übernimmt. «Wir wollen dafür sorgen, dass das Tierschutzgesetz eingehalten wird, sind aber ein Dienst von Praktikern», sagt Ott. «Wir anerkennen, dass die Nutztierhaltung ihre Berechtigung hat.»

Der Tierschutz ist in der Bundesverfassung verankert. Das erste Tierschutzgesetz trat mit der Tierschutzverordnung im Jahre 1981 in Kraft. Davor mussten sich Landwirte noch nicht dafür verantworten, wenn sie angebunden gehaltenen Kühen ihr Leben lang keinen Auslauf gewährten.

Zusammen mit Bern gehörte Zürich zu den ersten Kantonen, in denen sich bei der Polizei Spezialisten der Tier- und Umweltverstösse annahmen. Noch haben längst nicht alle Kantone einen solchen Dienst. «Aber der Druck nimmt zu, weil der Stellenwert des Tier- und Umweltschutzes in der Bevölkerung steigt.»

Die Stadtpolizei Zürich verfügt mittlerweile über eine eigene Fachgruppe; in Winterthur befassen sich zwei Angestellte der Flurpolizei mit Tier- und Umweltdelikten. Für die Polizeien in den übrigen Regionen ist Emil Otts Team eine wichtige Anlaufstelle. Denn je nach Fall kommen weitere Gesetze zur Anwendung. Diese bestehen wiederum aus Verordnungen und Richtlinien, die laufend angepasst werden.

Emil Ott ist deshalb überzeugt, dass sein Dienst an Bedeutung gewinnen wird. Nicht zuletzt in der Hoffnung, dass durch Prävention und konsequente Ahndung die Zahl der Umweltsünden und Tierschutzdelikte stetig abnimmt.

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