Zürich

Tierpräparator Hans-Peter Walther im Interview: «Lebendig haben mir die Tiere eindeutig besser gefallen»

In seinem Keller hat Tierpräparator Hans-Peter Walther eine kleine Sammlung seiner Lieblingsstücke.

Tiere präparieren war sein Beruf, doch Hans-Peter Walther hat auch Angebote bekommen, aus verstorbenen Menschen Totenmasken herzustellen – jetzt geht er in Rente.

Afrikanische Musik läuft im Hintergrund, als Tierpräparator Hans-Peter Walther auf seine Wand zeigt. Dort hängen Warzenschweinwaffen, wie er die Zähne der Wildtiere nennt. Daneben hängen Schädel und Geweihe. Felle liegen auf den Stühlen und dem Sofa. Für die präparierten Tiere hat der Zürcher einen eigenen Raum im Keller. Die Luft drückt, Spinnennetze hängen von der Decke. Auf Regalen stehen Tiere aller Art: von kleinen Mäusen und Vögeln bis zu Robben und Luchsen. Manche sehen schon ziemlich alt aus, andere noch recht frisch. Es sind die letzten Exemplare, die Walther präpariert hat, denn der 62-Jährige ist vor zwei Monaten in Rente gegangen. Im Interview erzählt er von seinem ungewöhnlichsten Auftrag und verrät, warum es so schwierig ist, Haustiere zu präparieren.

Sie sind Tierpräparator. Im Volksmund spricht man von «Tieren ausstopfen». Kann man das so sagen?

Hans-Peter Walther: Nein, auf keinen Fall. Das ist falsch. Tiere können nicht ausgestopft werden, das geht nicht. Von «ausstopfen» zu reden, ist ein Irrtum. Wir präparieren Tiere.

Seit wann präparieren Sie Tiere?

Seit meinem ersten Lehrjahr. Da war ich ungefähr 16 Jahre alt. Ich kann mich erinnern, als wäre es gestern gewesen. Mein erstes Tier war eine Krähe.

Ist das ein übliches Präparat?

Ja, aber auch viele Rehböcke von der Jagd. Die Zürcher Jagdgesellschaft hat mir oft Tiere gebracht.

Sie haben also hauptsächlich Jagdtiere präpariert. Wie sieht es mit Haustieren aus?

Ja, das stimmt. Haustiere waren aber auch immer ein grosses Thema. Es gibt vor allem viele Katzenliebhaber, die ihre Katzen präpariert haben wollen.

Haben Sie auch Ihre eigenen Tiere präpariert?

Ich persönlich habe keine eigenen Haustiere präpariert – das wollte ich nie. Aber mein Vater hat mal einen meiner Kanarienvögel präpariert. Den habe ich immer noch.

Wieso wollten Sie nie eigene Tiere präparieren?

Lebendig haben mir die Tiere eindeutig besser gefallen.

Wie viel muss ein Katzenliebhaber für sein Tier bezahlen?

Zirka 1'000 Franken hat es früher gekostet. Die Arbeit dauert immerhin zwei bis drei Tage. Heute sieht es mit den Kosten anders aus. Die Kunden sind nicht mehr gewillt, so viel zu zahlen.

Was sind das für Kunden?

Ganz verschiedene. Einmal habe ich sogar ein Tier für eine Buddhistin präpariert.
Sie wollte ihren kleinen Hund bei sich haben, ihn aber nie wieder anschauen müssen – also kam der präparierte Hund in eine Kiste.

Ist das Ihr aussergewöhnlichster Auftrag gewesen?

Aussergewöhnlich kann man das nicht wirklich nennen. Für mich ist alles gleich, Arbeit ist Arbeit. Ich habe auch Tiere für Werbungen präpariert – das war etwas spezieller. Für eine Strumpfwerbung zum Beispiel, da habe ich mal eine Katze, die einen Buckel gemacht hat, präpariert. Das war wirklich cool.

Haben Sie auch für bekannte Marken präpariert?

Ja, ich habe mal eine Elster präpariert - das war die grösste Werbung. Das Bild war für ein Putzmittel von der Migros. Das Plakat hing überall, sogar an einem Bus. Das war natürlich ein grossartiges Gefühl. Für die Migros habe ich schon oft arbeiten dürfen. Einmal habe ich eine Kuh präpariert. Die wurde dann bei der Landesausstellung in Biel präsentiert.

Gibt es Tiere, die besonders schwierig sind?

Es gibt sicher welche, die mehr Probleme bereiten, als andere. Es kommt halt sehr darauf an, wie sehr die Tiere verunfallt sind.

Abgesehen von den verunfallten.

Haustiere, würde ich sagen. Die Herrchen kennen ihr Tier in- und auswendig, also haben sie eine genaue Vorstellung davon, wie das Tier dann letztendlich aussehen soll. Das Haustier genauso hinzukriegen wie es war, ist natürlich schwer. Das Gleiche gilt für die Renovationen.

Was heisst das?

Ich habe viel für Zoologische Sammlungen in Schulen renoviert. Da habe ich geschaut, dass die präparierten Tiere immer gepflegt aussahen und hier und da Korrekturen vorgenommen.

Ist das heutzutage noch gefragt?

Eher weniger. Gegen Ende habe ich keine Aufträge mehr erhalten, weil die präparierten Tiere arsenbelastet sind. Die Lehrer verstehen das natürlich, die Eltern hingegen nicht. «Mein Kind kann man dem doch nicht aussetzen – das ist giftig», sagen sie. Aber das ist ein Witz, weil die eingesetzte Menge sehr gering ist.

Wie muss man sich das vorstellen? Wie funktioniert das Präparieren?

Präpariert werden im Endeffekt nur die Haut bzw. die Federn oder das Fell. Alles, was verderben kann, muss vorher mechanisch weg. Mit Schere oder Messer.

Die Knochen beispielsweise.

Auch, genauso wie die Augen. Das, was bleibt, muss man mit Insektenpestiziden behandeln, damit es erhalten bleibt – da kommt das Arsen ins Spiel. Sonst würde es, meiner Meinung nach, nicht genug konserviert sein.

Haben Sie auch mal einen Auftrag abgelehnt?

Ja, als es um etwas Humanes ging. Ich habe Nachfragen für eine Totenmasken-Herstellung bekommen.

Totenmasken?

Ja, Masken aus den Gesichtern der Toten – aber das mache ich nicht. So etwas interessiert mich nicht. Da hat jemand meinen Beruf nicht verstanden.

Ihr Beruf wird generell nicht wirklich verstanden.

Ja, das stimmt. Es ist eigentlich genau das Gleiche wie vor vielen Jahren, es hat sich nicht wirklich etwas geändert. Meinen Beruf können nicht alle nachvollziehen. Die Amerikaner wissen in dem Sinn viel mehr.

Inwiefern?

Sie achten den Beruf sehr. Genauso wie die Afrikaner. Das hat mich auf meinen Reisen immer sehr erstaunt – hier sieht das leider ganz anders aus.

Stossen Sie oft auf Vorurteile?

Definitiv. Bei Tierschützern zum Beispiel: Die haben Angst. Sie sagen, sie schützen Tiere und ich würde das Gegenteil machen - vollkommener Blödsinn. Wir erhalten die Tiere ja nur und präparieren sie erst dann, wenn sie schon tot sind. Wir töten sie schliesslich nicht selbst.

Allzu viele Tierpräparatoren gibt es nicht.

Ich habe das Gefühl, dass der Bedarf nicht wirklich da ist. Es gibt immer weniger Menschen, die ein präpariertes Tier wollen. Früher war das anders. Da galt man als gehoben, wenn man zuhause präparierte Tiere aufgestellt hat. Heute ist dieser Drang nicht mehr vorhanden.

Hat Präparieren dann überhaupt noch eine Zukunft?

Präparieren ist lange nicht mehr so notwendig wie früher, vielleicht wird es deswegen wertvoller. Mittlerweile kann man ja auch viel über digitale Programme über die Tiere lernen, da braucht es keine präparierten Tiere mehr.

Haben Sie deshalb aufgehört?

Ja. Aber auch, weil ich genug gearbeitet habe – jetzt, nach über 40 Jahren im Beruf, will ich das Leben endlich geniessen.

Sie sind seit knapp zwei Monaten pensioniert. Vermissen Sie den Beruf bereits?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe gewonnen, bin erlöst und befreit von dieser Arbeitswelt.

Wird das so bleiben?

Auf jeden Fall. Ich werde nie wieder arbeiten, da bin ich mir sicher. Ich bin nicht mal mehr dafür ausgerüstet. Jetzt will ich meine Ruhe.

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