Die Ameisenbärendame Estella mag an diesem Morgen nicht so recht in Gang kommen. Eingekugelt und durch ihren aufgefächerten Schwanz vollständig zugedeckt, will sie nichts davon wissen, dass draussen die Sonne scheint. Doch Tierpflegerin Bettina Aeschbach lässt nicht locker: Sanft, aber unnachgiebig stupft sie Estella an und spricht ihr gut zu, bis das Tier seine lange Nase aus dem Schwanzversteck streckt.

«Bei den Ameisenbären muss man aufpassen», sagt Aeschbach. Die Tiere seien unberechenbar, weil sie keine Mimik haben, dafür umso schärfere Krallen - eigentlich zum Aufbrechen von Termitenhügeln. Doch heute scheint Estella gut gelaunt; jedenfalls lässt sie sich ohne weitere Umstände aus dem Stall im Keller des Südamerika-Hauses des Zürcher Zoos führen und blinzelt, draussen im Gehege angekommen, in die Sonne.

Putzfrau und Entertainerin

Bettina Aeschbach ist seit 23 Jahren Tierpflegerin im Zoo Zürich. An diesem Morgen ist sie zuständig für die Tiere im Bereich Tapir, der in der im März eröffneten Pantanal-Anlage angesiedelt ist. Neben Tapir und Ameisenbär sind hier auch Wasserschweine, verschiedene Papageienarten und ein Tschaja-Vogel zu Hause.

«Die Leute haben das Gefühl, dass wir den ganzen Tag nichts anderes tun als füttern und streicheln», sagt Aeschbach. Dabei umfasst die Tierpflege noch viel mehr. Einen Grossteil ihrer Arbeitszeit verwendet die Tierpflegerin für Putz- und Gehegeunterhaltsarbeiten. Und für das Vorbereiten vom Futter, das die Tiere, je nach Art, zwei- bis fünfmal täglich bekommen.
«Die Fütterungen sind auch dazu da, die Tiere zu beschäftigen», sagt Aeschbach, während sie eine Kiste mit Salat und Gerste füllt.

Überhaupt besteht die grösste Arbeit darin, ständig neue Unterhaltung für die Tiere zu finden, damit ihnen nicht langweilig wird. «Es ist wie mit kleinen Kindern», sagt Aeschbach lachend. «Sobald die neuen Spielzeuge ein paar Tage alt sind, verlieren sie das Interesse daran.»

Doch so viele Baumstämme und Essvorrichtungen die Tierwärter auch aufstellen - die beste Beschäftigungstherapie sei immer noch die Fortpflanzung. Dazu sind Jungtiere im Zoo auch immer ein Besuchermagnet. Letzte Woche kam ein neues Gorillababy zur Welt, und auch die Tapirdame Amapa ist zurzeit trächtig. Wenn die Fortpflanzung jedoch zu weit geht, kann es auch vorkommen, dass einem Weibchen ein Verhütungsimplantat eingesetzt wird. Kastriert wird im Zoo Zürich aber kein Tier; das würde dem Ziel der Artenerhaltung widersprechen.

«Manche schauen auf einen herab»

Dass hinter den Kulissen im Zoo meist auch vor den Kulissen ist, daran hat sich Aeschbach längst gewöhnt. Viele Arbeiten müssen während der Öffnungszeiten verrichtet werden, und die 45-Jährige hat in ihren 23 Jahren als Tierpflegerin schon einige unangenehme Erfahrungen gemacht.

«Man spürt schon, dass manche Leute auf einen herabschauen, weil man vor Publikum Gehege putzt», sagt sie. Sprüche wie «Schau mal, ein blauer Affe» - die Tierwärter des Zoos Zürich tragen eine blaue Uniform - können verletzen.

Von solchen Vorfällen müsse man sich distanzieren können; und sich in Erinnerung rufen, dass man von den Besuchern abhängig ist. «Ausgestellt zu sein, gehört zu diesem Job einfach dazu», sagt Aeschbach und schiebt nach: «Es gibt natürlich auch viele gute Begegnungen mit dem Publikum.» Wenn jemand an den Tieren interessiert sei und sie als Auskunftsperson ernst nehme, dem helfe sie noch so gerne. Doch eines bleibt klar: «Für uns Tierpfleger stehen die Tiere im Vordergrund, nicht die Besucher.»