Annette Racine, wie hat sich der Beruf der Tiermedizinischen Praxisassistenten (TPA) in den letzten 30 Jahren gewandelt?

Annette Racine: Der Beruf hat sich von einem Hilfsjob zu einem Spezialistenberuf gewandelt. In der Tiermedizin haben sich Wissen und Techniken zur Behandlung oder Diagnose von Krankheiten stark weiterentwickelt. Dies bedingt, dass wir vermehrt TPA brauchen, die mithalten können.

Mit der Erstellung des Bildungsplans vor zehn Jahren wurden die Ausbildungsstandards präzisiert und höher gesetzt. Meiner Meinung nach muss das Ziel der Ausbildung sein, dass unsere TPA nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland als gefragte Fachkräfte geschätzt werden und eine entsprechend bezahlte Anstellung finden.

Inwiefern hat sich denn der Inhalt der Ausbildung diesen neuen Anforderungen angepasst?

Heute wird für diesen Beruf ein Sek-A- oder ein sehr guter Sek-B-Abschluss gefordert, weil die Ausbildung inhaltlich anspruchsvoller wurde. Es gibt für alle Berufskundefächer detaillierte Semesterpläne und fordernde Lernziele.

Anatomie zum Beispiel ist ein zentrales Fach. Die TPAs lernen auch Latein. Das ist zwingend notwendig, denn sie sind die Vermittler zwischen der Welt der Veterinäre und der Tierbesitzer, die oft Laien sind.

TPA müssen am Telefon selbstständig agieren und sicher einschätzen können, ob es sich um einen Notfall oder eine Bagatelle handelt. Laborarbeiten dagegen werden heutzutage oft extern ausgelagert. Oder es stehen teure Laborgeräte in der Praxis, die korrekt bedient und deren Resultate richtig interpretiert werden wollen.

Im Bereich der medizinischen Bildgebung geht der Trend hin zum digitalen Röntgen, in spezialisierten Kliniken sogar bis zur Computer- oder Magnetresonanztomographie. Vernetztes Denken und Handlungskompetenzen sind gefragt.

Wie haben sich die Lernenden, die sich für den Beruf interessieren, verändert?

Mir fällt auf, dass immer weniger einen landwirtschaftlichen Hintergrund haben. Es ist ein typischer Frauenberuf, der oft aus einem Jö-Effekt heraus gewählt wird. Jedes Tier hat aber einen Besitzer, eine TPA muss auch kommunikativ und geschickt im Umgang mit Menschen sein.

Oft klären die Lernenden nicht ab, was sie nach der Lehre verdienen. Den Beruf wählt man nicht des Geldes wegen. Im Vordergrund steht immer der Wunsch, mit Tieren arbeiten zu dürfen.

Was verdient ein TPA denn?

Nach erfolgreicher Ausbildung sind es jährlich brutto etwas über 48 000 Franken. Das ist lediglich eine von der Gesellschaft Schweizerischer Tierärzte vorgegebene, aber nicht verpflichtende Lohnempfehlung. Pro Dienstjahr kann der Lohn um bis zu 1800 Franken steigen.

Der Lohn steht damit in Diskrepanz zu den inhaltlichen Anforderungen.

Definitiv. Ein TPA muss im Gegensatz zum Humanmediziner nicht nur über eine Art von Lebewesen, sondern über viele Tiere Bescheid wissen. Teilweise fehlt es auch an Wertschätzung für diesen vielseitigen Beruf.

Eine moderne Tierarztpraxis funktioniert aber nur mit motivierten, empathischen und loyalen Mitarbeitenden. Der Lohn spielt hier, neben Aufgaben, Verantwortung und Kompetenzen, eine entscheidende Rolle.

Der Beruf ist im Umbruch. Wo müsste man ansetzen?

Ich bin dafür, die derzeit in Revision stehende Bildungsverordnung so zu formulieren, dass es nur für Sek-A-Schüler möglich ist, die Ausbildung zu absolvieren. Grundsätzlich könnte man auch über eine zweiteilige Ausbildung nachdenken, mit Englisch als Fremdsprache für jene, die im Ausland oder in einer spezialisierten Klinik arbeiten wollen.

Einzelpraxen sind Auslaufmodelle, der Trend geht hin zu Gemeinschaftspraxen und Kompetenzzentren. Solche inhaltlichen Aufwertungen sollte der neue Bildungsplan berücksichtigen. Die Schweiz verfügt über die finanziellen und strukturellen Voraussetzungen, um die besten Berufsleute in diesem Berufsfeld auszubilden. Das muss unsere Vision sein.

Bleiben die Lernenden nach dem Lehrabschluss im Beruf tätig?

Ich erstelle bei all unseren Lernenden regelmässig Umfragen dazu. Etwa die Hälfte bleibt im Beruf. Der Wechsel kann diverse Gründe haben: Entweder sie haben die Ausbildung für eine spätere Zweit- oder Weiterbildung benötigt oder aber sie wechseln, weil sie mit den Lohnentwicklungen unzufrieden sind.

Die momentanen Weiterbildungsmöglichkeiten sind begrenzt. Unsere Schulen bieten jedoch die Möglichkeit, sich als Medizinischer Praxiskoordinator weiterzubilden. Das ist eine Ausbildung mit Berufsprüfung auf der Tertiärstufe.

Wie hat sich das grundlegende Interesse an dieser Ausbildung verändert?

Unsere Zahlen sind seit Jahren konstant. Das liegt sicher auch daran, dass es in der Schweiz eine bestimmte Anzahl an Tierarztpraxen gibt, von denen nicht alle jedes Jahr Lehrstellen anbieten.

Pro ausgeschriebene Lehrstelle auf dem Portal lena.ch gibt es wohl zwischen 30 und 50 Bewerbungen. Ob das Interesse an der Ausbildung steigt, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Wir haben 2017 jedoch einen Rekordwert an Auszubildenden verzeichnet.

Gibt es für die ausgebildeten TPA genügend Arbeitsplätze?

Mir ist nicht bekannt, wie viele TPA in ihrer Ausbildungspraxis bleiben können. Der Tenor der Tierärzteschaft lautet aber ganz klar: Eine gut ausgebildete TPA findet immer eine Stelle.

Wie wird sich das Berufsfeld in den nächsten Jahrzehnten verändern?

Ich hoffe, dass der Beruf künftig mehr Wertschätzung erfährt und sich die Löhne und die Arbeitsinhalte angemessen entwickeln. Unsere Schweizer TPA-Ausbildung sollte europaweit führend sein. Sie muss veterinärmedizinisches Fachwissen, aber auch betriebswirtschaftliches Verständnis beinhalten sowie die Möglichkeit zur späteren Spezialisierung bieten –beispielsweise diejenige zur Nutztier-TPA, was derzeit diskutiert wird.

Das angloamerikanische Modell sollte unser Vorbild sein. Dort gibt es diese Spezialisierungen bereits, zum Beispiel in der Veterinäranästhesie oder im Praxismanagement. Zentral organisierte Fort- und Weiterbildungen mit anerkannten Abschlüssen, die wirkliche Karriereschritte ermöglichen, müssen entwickelt werden.