Zürich
Tierischer Holzfäller: In Höngg ist ein Biber am Werk

Im Zürcher Quartier Höngg platscht ein Baum ins Wasser – ein Anwohner hat den Biber bei seinem Geknabbere beobachtet.

Fabio Lüdi
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Der Biber ist los in Höngg
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In Höngg ist ein Biber am Werk.
In Höngg ist ein Biber am Werk.
In Höngg ist ein Biber am Werk.

Der Biber ist los in Höngg

Zur Verfügung gestellt

Ein Höngger Anwohner macht einen Nachtspaziergang entlang der Limmat. Das Wasser plätschert, hie und da brummt der Motor eines Fahrzeugs. In der Nähe vom Hardturmsteg mischt sich allerdings noch etwas anderes in die nächtliche Geräuschkulisse. «Ich hörte ein Nagegeräusch von den Bäumen am Ufer», erzählt der 32-Jährige.

Neugierig geworden, lässt er seinen Blick über das Ufer schweifen. «Da habe ich diesen massiven Biber entdeckt, der sich an einem Baum zu schaffen macht.» Das Tier in der Grösse eines «richtig fetten Corgis» lässt sich von seinem menschlichen Zuschauer in seinem Tun nicht beirren.

«Der hat einfach weitergeknabbert», sagt der Anwohner, der die Szene filmte, amüsiert. Dann bricht plötzlich der Stamm und fällt in die Limmat, dicht gefolgt vom tierischen Baumfäller. Holz und Biber verschwinden gemeinsam in der Dunkelheit.

Der Höngger bemerkte bereits Anfang Jahr Bissspuren an den Uferbäumen. «Ich war sehr aufgeregt darüber, aber ich habe leider nie einen Biber gesehen.» Vor einigen Wochen schliesslich seien wieder Bäume angeknabbert worden. «Da dachte ich mir: Ah, der Biber ist zurück. Ich hätte aber nicht gedacht, dass ich ihn je mit meinen eigenen Augen sehe.»

Der Biber fördert die Biodiversität im Fluss

Tatsächlich liegt in Höngg das einzig etablierte Biberrevier der Stadt Zürich. Seit mindestens vier Jahren hat sich dort ein Paar eingenistet. «Darum überrascht es mich überhaupt nicht, dass in Höngg ein Biber gesichtet wurde», sagt Urs Wegmann, Leiter der kantonalen Biberfachstelle.

Aber was wollte der Nager mit dem Baumstamm, etwa das Höngger Wehr verstopfen? Wegmann gibt Entwarnung: Der Biber hat lediglich sein Essen «to go» genommen. «Im Winter frisst er Rinde und die Knospen aus der Baumkrone», weiss der Experte.

Die isst er gerne an einem ungestörten Ort. Zurück lässt er einen Baumstumpf und einen abgenagten Stamm. Für die Natur ist das nicht schlimm. Solches Totholz bietet Laichmöglichkeiten für Fische, wenn es im Wasser landet. «Aus natürlicher Sicht ist der Biber ein Förderer der Biodiversität», sagt Wegmann.

Aber wie sieht die Hüterin der städtischen Flora, Grün Stadt Zürich, den Holzfrevler? «Dass der Biber sich in Zürich wieder heimisch fühlt, ist grundsätzlich ein Kompliment an die Stadt», sagt deren Sprecher Lukas Handschin. Er sei ein Teil des natürlichen Gleichgewichts. Als Pflegemassnahme entferne zuweilen auch die Stadt Bäume und Büsche aus der Uferzone.

«Wenn der Biber das gleiche tut wie Grün Stadt Zürich, kann man nicht von einem ‹Schaden› sprechen, den der Biber anrichtet», sagt Handschin. Bäume, die als schützenswert gelten, würden jedoch mit Drahtgittern vor den Nagern geschützt.

Im Kanton leben rund 400 Biber – ein Erfolg

Dass die Biber zurück sind in der Stadt, ist ein Erfolg. Ab Mitte des letzten Jahrhunderts wurde das in der Schweiz ausgestorbene Tier wieder angesiedelt, in den 1970er-Jahren auch im Kanton Zürich, an der Tössegg. Die Tiere kamen aus Frankreich, Norwegen und der Sowjetunion. Seither breitet sich der Nager kontinuierlich aus. Kürzlich wurden auch an der Reppisch in Dietikon Biberspuren gesichtet.

Die Biberfachstelle des Bundes schätzt den Schweizer Bestand heute auf rund 3500 Tiere, knapp 400 davon leben im Kanton Zürich. In den kommenden drei Monaten zählt die Zürcher Biberfachstelle wieder nach. Dann zeigt sich auch, ob es in der Stadt mittlerweile weitere von Bibern beanspruchte Reviere gibt.