Locker schreitet Thomas Heiniger in der Gesundheitsdirektion an der Stampfenbachstrasse die Treppe herunter. Pünktlich. Mit einem gewinnenden Lachen. Sportlich-elegant gekleidet – wie immer.

Dabei kommt er von einem Termin mit dem Behindertensportverband Schweiz. Chantal Cavin hat er getroffen, die blinde Ausdauersportlerin. «Es ist eindrücklich», sagt Heiniger, während er tastend den Sitz von Frisur und Hemdkragen überprüft. Am Pressetermin von Plusport ist er eben noch gelaufen, der sportbegeisterte Gesundheitsdirektor, als Guide von Chantal Cavin, durch einen Bändel am Arm mit ihr verbunden.

«Blinde Läufer und ihre Helfer müssen unglaublich synchron sein», sagt er beeindruckt. «Die müssen immer als Team unterwegs sein. Anders geht es nicht.» Nachdenklich fügt er hinzu: «Irgendwie gilt das ja für viele Bereiche im Leben; ausgesprochene Einzelkämpfer sind in wenigen Bereichen erfolgreich.

Causa Balgrist als Tolggen

Das aus dem Mund des fokussierten, entscheidungsfreudigen und leistungsorientierten Adliswilers zu hören, ist bemerkenswert. Alles in allem seien seine zwölf Jahre als Gesundheitsdirektor eine tolle Zeit gewesen, wechselt er ins staatsmännische Register. Schliesslich sei die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem Gesundheitssystem in den letzten zehn Jahren gestiegen.

Vergällt wird ihm die letzte Zeit im Amt einzig durch die Causa Balgrist. Nach Vorwürfen durch den ehemaligen kantonalen Ombudsmann, die Gesundheitsdirektion habe in einem Streitfall mit der Uniklinik Balgrist rechtsmissbräuchlich gehandelt, steht der Entscheid der parlamentarischen Sonderkommission aus. Heiniger erwartet ihn am 2. Mai, seinem zweitletzten Tag im Amt.

Ein animal politique

Politik hat der bald 62-Jährige, der sich heute als Präsident der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren auch auf nationalem Parkett bewegt, schon früh betrieben. 1982 ist er in die Schulpflege Adliswil eingetreten. Danach war er Stadtrat, Stadtpräsident und Kantonsrat.

Beruflich war der promovierte Jurist bis 2007 als Partner in einer Anwaltskanzlei tätig. «2007 habe ich Politik zu meinem Beruf gemacht», sagt Heiniger, «es war eine Aufgabe, die mir als Mensch mit grossem Gestaltungswillen entgegengekommen ist.» Bis zum Schluss nimmt er seine Aufgabe ernst. Eben erst hat er den Entwurf fürs neue Spitalgesetz in die Vernehmlassung geschickt. Eine ruhige Kugel zu schieben – das ist nicht seine Art.

Grundlegendes hat sich in Heinigers Amtszeit geändert im Zürcher Gesundheitssystem. So wurde 2012 die neue Spitalfinanzierung eingeführt. Seither deckt der Staat keine Defizite der Spitäler mehr, und diese verrechnen ihre Leistungen mit Fallpauschalen. Das ist nicht ohne Einfluss auf die Spitallandschaft geblieben. So haben etwa im Bezirk Horgen die beiden Spitäler Zimmerberg (Horgen) und Sanitas (Kilchberg) zum See-Spital mit zwei Standorten fusioniert.

Wie beurteilen Sie die Wirkung der neuen Spitalfinanzierung vor dem Hintergrund des Spitals vor Ihrer Haustür?

Thomas Heiniger: Zum Spital vor meiner Haustür kann ich gar nicht viel sagen. Adliswil ist mir ans Herz gewachsen, ich wohne bald seit 40 Jahren dort. Aber ich musste mich lösen vom Lokalen. Als Regierungsrat muss ich den ganzen Kanton im Blick haben. Wer nur seine Region im Blick hat, ist vielleicht ein guter Kantonsrat, aber ein schlechter Regierungsrat.

Aber Sie müssen doch mitbekommen haben, wie hohe Wellen es geworfen hat, als die Spitäler Sanitas und Zimmerberg fusioniert haben und die Geburtenabteilung in Kilchberg geschlossen worden ist?

Ich habe sogar weiter zurückliegende Erfahrungen gemacht. Ich habe noch demonstriert für den Erhalt des Krankenhauses Adliswil. Als das zugegangen ist Ende der 1980er-Jahre, war ich junger Stadtrat. Und ich hatte den Eindruck, ohne das Spital Adliswil breche die Gesundheitsversorgung im Sihltal zusammen.

Das ist nicht geschehen.

Nein, ich lernte, dass wir uns entwickeln, das System sich aber auch. Dank der Mobilität und den kürzeren Spitalaufenthalten kommt es immer weniger auf das Spital direkt vor der Haustür an. Heute haben auch die Adliswilerinnen und Adliswiler ihren Arzt in Zürich oder in Horgen und gehen ins Unispital. Im Spital verbringt man drei, vielleicht sechs Tage. Da ist die Lokalität weniger entscheidend. Anders sieht das in der Langzeitpflege aus.

Es ist dieses Spannungsfeld, das Thomas Heiniger an seiner Tätigkeit fasziniert: Dass Gesundheit etwas Individuelles und Intimes ist, von dem jeder betroffen ist, gleichzeitig aber etwas Generelles, Systematisches. Zwischen diesen beiden Polen gelte es, Lösungen zu finden.
Heiniger hat das Gesundheitswesen auch schon mit einer Tinguely-Maschine verglichen. Also einer komplexen Konstruktion mit zahllosen Rädchen, wobei es Auswirkungen auf die ganze Konstruktion hat, wenn man an einem Rädchen dreht. Er ist sich bewusst, dass seine Ideen, mit denen er die Spitallandschaft auf Effizienz und Qualität trimmt, konkrete Auswirkungen auf die Menschen hat, die im Gesundheitswesen arbeiten.

Sie gelten als jemand, der bisweilen den Kontakt zur Basis verliert. Wie ist es Ihnen als Zürcher Gesundheitsdirektor gelungen, die Bodenhaftung zu behalten?

Ich lebe nicht im Elfenbeinturm. Und ich habe immer wieder Praxistage eingeschaltet. War mit der Spitex unterwegs, habe im Spital Betten gestossen, war in der Psychiatrie, habe Rettungssanitäter bei ihren Einsätzen begleitet. Jedes Mal war ich beeindruckt. Notfallsanitäter müssen, wenn sie zu einem Töffunfall gerufen werden, innert Sekunden entscheiden, was zu tun ist. Sie können nicht so wie ich im Büro zunächst einmal zum Kühlschrank gehen und die Entscheidung hinausschieben. Und sie treffen ihre Entscheidungen in einer Ruhe und Konsequenz, die ich mich tief beeindruckt.

Sind Sie oft mit dem Vorwurf konfrontiert worden, die Administration nehme Überhand im Vergleich zur Arbeit mit dem Patienten?

Oh ja. Und ich habe volles Verständnis für die Haltung, dass die Arbeit am Bett wichtiger ist als Administration. Aber der Staat braucht Daten, wenn er nicht willkürlich handeln will. Und die muss jemand erheben.

Es ist noch nicht lange her, dass Sie selbst einen Spitalaufenthalt erlebt haben.

Ja, im letzten November bin ich an der Schulter operiert worden. Es war eine wertvolle Erfahrung für mich, zu sehen, was es bedeutet, abhängig zu sein. Und nach einer einzigen Nacht – noch recht hilfsbedürftig – nach Hause entlassen zu werden.

Sie sind blutig aus dem Spital entlassen worden?

Nein, die neue Spitalfinanzierung hat allen Unkenrufen zum Trotz nicht zu blutigen Entlassungen geführt. Auch in meinem Fall nicht. Aber ich habe gemerkt, wie eingeschränkt ich in den ersten Tagen zu Hause war, wie abhängig von der Unterstützung meiner Frau. Es ist mir stark bewusst geworden, wie wichtig solche Hilfe ist.

Genau in diesem Bereich dürfte Heiniger künftig tätig sein. Er ist vorgeschlagen als Präsident des Schweizerischen Roten Kreuzes und von Spitex Schweiz. Beide Mandate würden ihn sehr freuen. «Sie würden mir erlauben, nach der Politik noch auf einer anderen wichtigen Ebene tätig zu sein, nämlich jener der Humanität.» Die Wahlen finden im Mai und Juni statt.

Wie sein Alltag ab kommendem Montag aussehen wird, weiss er noch nicht. Heiniger rechnet – nach erfolgreichen Wahlen – mit zwei Tagen pro Woche in Bern. Ansonsten werde er oft im Sihltal unterwegs sein, wo er sich sehr wohl fühle, insbesondere in der Natur. Der begeisterte Marathonläufer hofft, mehr Zeit für portionierteres Training zu haben, das seinen Gelenken und Bändern eher mehr gerecht wird.

Nachdem er dieses Jahr den Zürich-Marathon wegen seiner Schulteroperation auslassen musste, hofft er, nächstes Mal wieder dabei zu sein. Nicht mehr als auf sich konzentrierter Läufer, sondern als Pacemaker für andere. «Ich muss nicht jedes Jahr erleben, wie ich zwei Minuten langsamer werde», sagt Heiniger. «Ganz gleichmässig zu laufen, mit einem Schnitt von 5:38 Minuten pro Kilometer und vier Stunden Endzeit, ist für mich jetzt die Herausforderung.» Sagt er – und eilt zum nächsten Termin.