«Dead Fucking Last»

Themen aus «Dead Fucking Last» führen über Zürich hinaus

Wunderbare Dynamik Michael Neuenschwander, Markus Merz und Mike Müller (v.l.) als Velokurier-Triumvirat Tom, Ritzel und Andi sind für Uwe Lützen eine Idealbesetzung.

Wunderbare Dynamik Michael Neuenschwander, Markus Merz und Mike Müller (v.l.) als Velokurier-Triumvirat Tom, Ritzel und Andi sind für Uwe Lützen eine Idealbesetzung.

Uwe Lützen, der Drehbuchautor von «Dead Fucking Last», spricht im Interview über die Idee zum Zürcher Film über Velokuriere, Fahrräder in Städten, Humor, Ideen und Ideale der 1980er-Jahre.

Ein Zürcher Velokurierfilm. Cool. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Uwe Lützen: Das ist einem Anstoss des Produzenten, Kaspar Winkler, zu verdanken: Er wollte eine Geschichte mit Velokurieren machen - eigentlich eine TV-Serie. Ausgehend von typischen Velokurierbiografien habe ich dann eine Geschichte entwickelt, die über das Milieu hinausführt. Im Kern des Films steht schliesslich die Frage, ob es albern ist, mit Ende vierzig noch zu den Idealen stehen zu wollen, die man als junger Mensch hatte.

Haben Sie Erfahrung als Velokurier?

Nein, aber als Mountainbiker, Tourenfahrer und als Triathlet. Das Fahrrad ist immer noch Teil meines Alltags. Ich fahre täglich in der Stadt. Meine Fahrradsammlung repräsentiert auch ein wenig mein Leben.

Wie haben Sie recherchiert?

Ich habe mich bei einem Zürcher Velokurier umgesehen und Interviews gemacht. Ich habe mich in den Beizen herumgetrieben, in denen die Kuriere verkehren. Ein wesentlicher Teil meiner Recherchen betraf Genossenschaften, wie die Genossenschaft Kreuz in Solothurn, wo ich aufgewachsen bin, eine ist. Und schliesslich meine eigene Biografie - es geht ja bei uns allen immer wieder darum, wie man seine Ideale in die nächste Lebensphase rettet.

«Dead Fucking Last» ist auch ein Film über die alternden Vertreter der 1980er-Bewegung. Was interessiert Sie daran?

Die 1980er-Bewegung war die schweiz- und vielleicht europaweit letzte Jugendbewegung. Also die letzte Utopie einer Jugend, die sich manifestierte. Und eigentlich wäre es heute wieder höchste Zeit für eine solche Bewegung, die eine Gegenkultur schafft, denke ich.

Ist die Idee der Genossenschaft heute obsolet?

Nein. Aber sie muss sich auch in der Zeit verändern, es braucht stetig neue Gründe, sie weiterzuverfolgen.

Im Film wird «Die Genossenschaft» durch «Girls.Messengers» konkurriert. Geht es Ihnen um den Zusammenprall von Alt und Neu?

Nicht wirklich. Es gibt immer Menschen, die ihre Ideale und Ideen umzusetzen versuchen, ihre Freiheit wollen und nach neuen Lebensformen suchen. In den 1980ern versuchte man das mit Genossenschaften, heute ist der Prozess individueller. Man kann von Generationenwechsel sprechen, von unterschiedlichen Techniken und Wegen, um dieses Stück persönliche Freiheit zu erreichen.

«Dead Fucking Last» ist ein waschechter Zürichfilm, der mit Velokurier und Ausschnitten aus dem «Züri brännt»-Video 25 Jahre alternative Stadtkultur aufarbeitet.

Es ist eher eine Momentaufnahme als Aufarbeitung: Wir schauen mit dem Film, wo die Leute heute stehen. Der Film spielt in Zürich, weil es am wahrscheinlichsten ist, dass es da mehrere Fahrrad-Kurier-Dienste gibt. Aber er könnte auch im Zürcher Umland oder in Solothurn spielen. Die Themen, die er aufgreift, führen über Zürich hinaus. Wir haben «Dead Fucking Last» an den Hofer Filmtagen in Deutschland gezeigt. Da war Zürich weit weg, hatte das Publikum keine Ahnung von «Züri brännt», und der Film ist trotzdem sehr gut angekommen. Auch über die Generationengrenzen: Es gab in Hof drei etwa 16-jährige Girls, die uns nach der Vorführung kundtaten, dass sie nun auch Rebellion machen wollten.

Es ist Ihr erstes Drehbuch, das verfilmt wurde. Wie fühlt sich das an?

Gut. Als ich Drehbücher zu schreiben begann, war mir klar, dass Drehbuch und Regie zwei verschiedene Jobs sind. Ich wollte das auch bewusst so handhaben: Ich übergebe als Autor das Buch dem Regisseur, der damit weiterarbeitet, später kommen Schauspieler, Set-Designer, Kamera, Musik, Ton, Schnitt dazu. Es ist schön, das Kind loszulassen und zu sehen, dass jeder aus seinem Bereich das Beste dazu beiträgt, dass es prächtig gedeiht.

Ist der Film so geworden, wie Sie ihn sich vorgestellt haben?

Ich lasse mich als Autor da gerne überraschen. Die schönste Szene, die etwas anders herausgekommen ist, als ich sie geschrieben hatte, ist das Foto-Shooting. Da haben die Schauspieler improvisiert, herumgespielt - und die Szene wurde zum Schluss viel lustiger.

Wieso wurden Sie Drehbuchautor?

Das begann wohl, als ich im Städtebundtheater Biel Solothurn mit 16 erste kleine Rollen spielte. Damals wurde mein Interesse an dramaturgischen Grundfragen geweckt; ich habe später selber Theaterregie geführt. Dann habe ich Filmwissenschaften studiert und gemerkt, dass ich amerikanische Independentfilme cool finde: Sie wagen inhaltlich etwas und spielen zugleich mit dem narrativen Handwerk. So was wollte ich auch machen. Ich war dann in L.A., um es zu lernen.

Durften Sie bei der Besetzung mitreden?

Ja. «Dead Fucking Last» hat als Produzent-Autoren-Projekt begonnen. Relativ bald kam der Regisseur Walter Feistle dazu. Bei der Besetzung der Hauptrollen waren wir uns alle drei schnell einig. In meinen Augen sind Tom, Andi und Ritzel mit Michael Neuenschwander, Mike Müller und Markus Merz ideal besetzt. Die drei entwickeln zusammen eine wunderbare Dynamik. Und dann spielen ja auch noch ein paar echte Velokuriere mit.

Womit Sie mir die nächste Frage - nach der Realitätsnähe - aus dem Mund nehmen.

Das war mir wichtig: eine glaubwürdige Geschichte zu erzählen und eine Komödie zu machen. Das Gute war: Die Velokuriere wollten mitmachen. Sie haben das Drehbuch gelesen, haben gesehen, dass es eine Komödie ist, erkannten sich darin aber auch wieder. Das war für mich ein grosses Lob. Auf dem Set haben sich die Profischauspieler und Kuriere dann gegenseitig beflügelt.

«Dead Fucking Last» ist eine Komödie. Nun aber haben Schweizer Komödien in der Schweiz oft einen schwierigen Stand. Welche Chance geben Sie Ihrem Film?

Humor ist tatsächlich eine heikle Sache, aber nach der Erfahrung von Hof bin ich zuversichtlich. Der Film hat eine emotionale Kraft, die funktioniert.

Was ist Humor?

Hm? ... Humor ist der grosse Bruder des Witzes!

Meistgesehen

Artboard 1