Die USA verfügt über 1,2 Millionen Soldaten, Russland über 960'000, die Schweiz über 22'000. Nach offizieller Lesart sind sie dazu da, abzuschrecken und Kriege zu verhindern.

Die Besuche der 1939 im deutschen Lindau geborenen Fotografin Herlinde Koelbl auf militärischen Übungsplätzen und Häuserkampfanlagen in rund 30 Ländern provozieren einen Perspektivenwechsel. Ihre Bilder zeigen: Soldaten werden gedrillt, den Feind zu töten, ohne Wenn und Aber. "Der Feind, das Schlechte, ist immer der andere", sagte Koelbl am Donnerstag vor den Medien. "Dort ist schwarz, hier ist weiss. Grautöne gibt es nicht."

Das dokumentieren auch Interviews, die Koelbl mit Soldaten geführt hat. Die Hörstation mit solchen Gesprächen, die auf Deutsch, Französisch und Englisch nachgelesen werden können, vermittelt etwa diese Aussage: "Ich habe nie Schuld empfunden, Leute zu töten, die den Tod verdienten. In meinen Augen haben sie den Tod verdient, weil sie der Feind sind. Ich bin darauf trainiert, so zu denken."

Lebende Soldaten als Ziele

Ihre erste Zielscheibe (Target) fotografierte Herlinde Koelbl vor 30 Jahren. Mitte der 1990er Jahre setzte sie das Projekt während sechs Jahren fort und bereiste die ganze Welt. 200 ihrer so entstandenen teilweise sehr grossformatigen Bilder hat sie nun im Schaudepot des Museums für Gestaltung in Zürich zusammen mit der Kuratorin Karin Gimmi inszeniert.

Fotografiert hat Koelbl auf Übungsplätzen eingesetzte, sehr unterschiedliche Targets: von Büchsen und anderen Objekten über Blechfiguren und Plastikpuppen bis hin zu technisch ausgefeilten Simulationssystemen. Bei letzteren erübrigen sich traditionelle Zielscheiben. "Unsere Ziele sind die lebenden Soldaten", wurde Koelbl informiert. Laserattacken zeigen jeweils, wo das Opfer getroffen worden wäre. Übungsmässiges Töten wird lebensechter.

Wie in James-Bond-Filmen wechseln auch auf den militärischen Übungsplätzen und Häuserkampfanlagen im Laufe der Zeit die Feindbilder. Auch das zeigt die spannungsvolle Schau eindrücklich. War in den USA zur Zeit des Kalten Krieges der Russe der Böse, den es zu eliminieren galt, schiesst man hier aktuell mit Vorliebe auf orientalische Feinde. Ein Araber ist ja immer auch ein möglicher Terrorist. Einen solchen zu töten, darf intensiv geübt werden.

Das Museum für Gestaltung zeigt "Targets" im Rahmen der Manifesta 11, die in Zürich offiziell am 11. Juni startet und wie Herlinde Koelbls Schau bis 18. September 2016 dauert.