Abstimmung
Tagesschulen in der Stadt Zürich: Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Vorlage

Wenn Kinder den ganzen Tag in der Schule verbringen, wird das Lernklima gefördert und Eltern werden bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf entlastet – zu knappe Ressourcen aber können die Idee unter Druck setzen.

Lina Giusto
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Schüler beim Mittagessen in einer Zürcher Tagesschule. (Symbolbild)

Schüler beim Mittagessen in einer Zürcher Tagesschule. (Symbolbild)

Aargauer Zeitung

Worum geht es bei der Vorlage zur Tagesschule 2025 Pilotphase II?

Zurzeit werden in der Stadt Zürich im Rahmen der Pilotphase I sechs Schulen als Tagesschulen geführt. In der zweiten Pilotphase sollen bis ins Jahr 2022 weitere 24 Schulen in das Zürcher Tagesschulmodell überführt werden.

Welche Schulen in der Stadt Zürich sind von der zweiten Pilotphase betroffen?

Zwischen Mitte 2018 und Ende 2022 sollen die Schulen Altstetterstrasse, Balgrist-Kartaus, Bungertwies, Dachslernstrasse-Feldblumen, Fluntern-Heubeeribüel, Hans Asper, Heumatt, Hirzenbach, Hutten, Gubel, Ilgen, Kappeli, Kornhaus, Limmat, Mattenhof, Neubühl, Nordstrasse, Pfingstweid, Riedtli, Scherr, Schütze, Staudenbühl und Weinberg-Turner in Tagessschulen umgewandelt werden.

Wie läuft die Tagesschule ab?

Schülerinnen und Schüler ab dem zweiten Kindergartenjahr bleiben an Tagen mit Nachmittagsunterricht über Mittag in der Schule. In den ersten beiden Jahren betrifft dies zwei Mittage. Bis zur vierten Primarklasse drei Mittage und in der fünften sowie sechsten Klasse drei oder vier Mittage. Sekundarschülerinnen und -schüler bleiben an vier Mittagen in der Schule.

Während der 80 Minuten dauernden Pause zur Mittagszeit beaufsichtigen ausgebildete Betreuer die Schülerinnen und Schüler. Pro Mittag bezahlen die Eltern sechs Franken. In sogenannten Härtefällen kann dieser Betrag auf 4.50 Franken reduziert werden. Vor und nach dem Mittagessen stehen freiwillige Angebote wie ruhiges Spielen, Lesen in der Bibliothek, Basteln oder Zeichnen im Gruppenraum und Bewegung auf dem Pausenplatz oder in der Sporthalle auf dem Programm. Nach dem Unterricht bietet die Schule betreute Aufgabenstunden an. Zudem gibt es weitere Betreuungsangebote ab 7 bis 18 Uhr, welche einkommensabhängig den Eltern verrechnet werden.

Wie viele Schüler besuchen die Tagesschule?

In der aktuell noch laufenden Pilotphase I mit sechs Tagesschulen machen lediglich zehn Prozent der Eltern ihre Kinder vom Tagesschulmodell ab. Für die betreute Aufgabenstunde können die Eltern ihre Kinder ebenfalls abmelden, auch wenn das Kind am Tagesschulbetrieb teilnimmt.

Welche Vorteile hat die Tagesschule für Schüler, Eltern und Lehrpersonen?

Weil fast alle Schülerinnen und Schüler vom Angebot der Tagesschule Gebrauch machen, sind die Kindergruppen konstant, was sich positiv auf die sozialen Kompetenzen der Kinder sowie das Lernklima auswirkt. 86 Prozent der Eltern sind mit der Tagesschule zufrieden, 77 Prozent sind der Meinung, dass sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördert.

In der Tagesschule sind Unterricht und Mittagsbetreuung eng miteinander verbunden, was die Zusammenarbeit zwischen Lehr- und Betreuungspersonen intensiviert, wodurch Kinder nicht nur im Unterricht, sondern in unterschiedlichen Situationen erlebt werden können. Mit der Tagesschule wird die Organisation für Unterricht und Betreuung optimiert, was laut Stadt- und Gemeinderat sowie Präsidentinnen- und Präsidentenkonferenz zu tieferen Kosten für das Gemeinwesen führt.

Welche Herausforderungen gibt es bei diesem Modell zu bewältigen?

Das Schulpersonal nimmt die Intensivierung der Zusammenarbeit von Unterricht und Betreuung wahr, bezeichnet die Mittage aber teilweise als anstrengend. Die Schülerinnen und Schüler erleben die Mittagspause zwar als wertvolle, aber auch ermüdende Zeit. Isabel Garcia, GLP-Fraktionspräsidentin, sagt: «Die Volksschule mit derzeit 25 000 Schülern in der Stadt Zürich ist ein riesiger Tanker. Eine Schulumstellung in diesem Ausmass ist eine grosse Herausforderung – zeitlich, organisatorisch und emotional. Sie lohnt und rechnet sich aber für die Zukunft.»

Markus Kunz, Fraktionspräsident Grüne Stadt Zürich, sieht die Gefahr, dass ein gutes Modell durch zu knappe Ressourcen nicht optimal umgesetzt werden könne. Deshalb ist für Wolfgang Kweitel, Präsident der BDP Stadt Zürich, klar: «Der Grossteil der Bestandteile des Tagesschulmodells muss freiwillig bleiben. Eine Bevorzugung einzelner Familienmodelle lehnen wir ab.»

Warum braucht es für die zweite Pilotphase einen Kredit von über 74 Millionen Franken?

Der Objektkredit umfasst die Betreuung, die Aufgabenstunden sowie die Infrastruktur. Für die Betreuung fallen zusätzliche Kosten für die Mittagszeit und umfassen 29,7 Millionen Franken. Für den Ausbau der Küchenkapazitäten sind 21,8 Millionen Franken und für die Anmietung zusätzlicher Betreuungsflächen sind 0,9 Millionen Franken budgetiert. Für die Schulentwicklung und Weiterbildung der Schulteams rechnet die Stadt Zürich mit knapp acht Millionen Franken. Vorbereitung, Planung und Umsetzung kostet die Verwaltung insgesamt knapp zehn weitere Millionen Franken.

Wer sind die Befürworter und wer die Gegner der Vorlage?

Die Vorlage, über die am 10. Juni in der Stadt Zürich abgestimmt wird, wurde 2012 mit zwei Motionen – eine von der SP und eine von der FDP – angestossen. «Das Tagesschulmodell ermöglicht eine gleichbleibend hochstehende Betreuung über Mittag bei tieferen Kosten», sagt Severin Pflüger, Parteipräsident der FDP Stadt Zürich.

Neben den beiden Parteien unterstützen auch die Grünen, die GLP, die BDP und die AL die Vorlage. Der Fraktionspräsident der Grünen sagt: «Das Tagesschulmodell ist geeignet, die Anforderungen an die Vereinbarkeit von Familie und Beruf abzudecken.» Laut AL sei das jetzige Tagesschulmodell keine Revolution. «Wir unterstützen die Vorlage, weil wir davon ausgehen, dass in der zweiten Pilotphase die notwendigen Korrekturen vorgenommen werden», sagt AL-Gemeinderat Walter Angst.

Die EVP hat Stimmfreigabe beschlossen, obwohl sie die Einführung der Tagesschulen befürwortet: «Die Zusatzbelastung der Lehrkräfte und die Kosten für die Räumlichkeiten unterschätzt werden und deshalb mehr Kosten entstehen als die Stadt zugeben will», sagt Parteipräsident Ernst Danner. Zudem sei eine Mittagspause von 80 Minuten zu kurz für Kinder, die nach Hause gehen wollen. Die SVP lehnt die Vorlage ab. Die Partei bezeichnet in einer Stellungnahme die Vorlage als «kinderunfreundlich», wegen übermässigen Lärms über die Mittagszeit, fehlenden Rückzugsmöglichkeiten für Kinder und Lehrpersonen sowie daraus resultierender Ermüdung von Kindern und Erwachsenen.

Eine Übersicht

Neben der Tagesschule 2025 und der Initiative «Freier Sechseläutenplatz» gibt es zwei Abstimmungen zum Wohnen auf dem Koch-Areal. Zudem befindet das Zürcher Stimmvolk über sechs Objektkredite im Umfang von über 400 Millionen Franken:

- Kredit für das Gartenareal Dunkelhölzli zur Erneuerung des Wirtschaftsgebäudes, zur Bachöffnung und zum Hochwasserschutz für 10,51 Millionen Franken

- Kredit für ein Bürogebäude im Quartier Seebach, welcher die Instandsetzung und bauliche Anpassungen für die städtische Verwaltung für 119,063 Millionen Franken umfasst.

- Kredit für neue kommunale Wohnsiedlung Herdern im Quartier Aussersihl für 28,565 Millionen Franken.

- Kredit für Ausbildungszentrum Rohwiesen in Opfikon, welcher die Erweiterung und Instandsetzung sowie Integration der Sporthalle für die Schule Auzelg für 118,84 Millionen Franken umfasst.

- Kredit für Erweiterung VBZ-Busgarage Hardau und Ersatzneubau des ERZ-Werkhofs für 57,44 Millionen Franken.

- Kredit für Neubau für die Kriminalabteilung der Stadtpolizei Zürich im Escher-Wyss-Quartier für 82,4 Millionen Franken.