Betreuung
Tagesschulen, freiwilligen Horte und Mittagstische sind im Aufwind

Die Folgen der Einführung einer flächendeckenden Halbtagesschule sind noch unklar. Das gemeinsame Mittagessen am Familientisch wird jedoch je länger je mehr zur Seltenheit in Zürcher Familien.

Marius Huber
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Schon heute nutzt fast die Hälfte aller Stadtzürcher Schulkinder die freiwilligen Horte und Mittagstische. (Symbolbild)

Schon heute nutzt fast die Hälfte aller Stadtzürcher Schulkinder die freiwilligen Horte und Mittagstische. (Symbolbild)

Keystone

Auch wenn das traditionelle Familienmodell seine Monopolstellung längst verloren hat: Der Systemwechsel, welcher der FDP vorschwebt, würde für viele Zürcher Familien noch einmal eine einschneidende Neuerung mit sich bringen. Sämtliche Schulkinder würden dann nämlich über Mittag in der Schule bleiben müssen; das gemeinsame Mittagessen am Familientisch wäre definitiv Geschichte. Flächendeckende Halbtagesschule heisst das Zauber- oder Reizwort – je nach Optik.

Einige Skepsis im Rat

Die Vorstellung, per staatlichem Diktat derart stark ins Familienleben einzugreifen, bereitet vielen Mühe. Das war am Montag im Kantonsrat während der Diskussion eines entsprechenden FDP-Vorstosses unüberhörbar. Leila Feit, Carmen Walker Späh (beide Zürich) und Sabine Wettstein (Uster) hatten vom Regierungsrat einen Bericht darüber verlangt, welche finanziellen und rechtlichen Folgen es hätte, wenn eine Gemeinde für alle den durchgehenden Schulbetrieb von morgens bis nachmittags einführen würde. Wobei der Unterricht wegen der verkürzten Mittagspause neu schon um 15 Uhr beendet wäre.

Dass die FDP ein Obligatorium im Sinn hat, löste im Rat zwar einige Skepsis aus. Für eine generelle Auslegeordnung fand sich am Ende aber trotzdem eine komfortable Mehrheit. Gegen den Vorstoss stimmten nur SVP, EDU und einige Grünliberale.

Unterstützung links wie rechts

Auch sonst befinden sich Tagesschulmodelle im Aufwind. Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) bekennt sich dazu, schon lange eine Befürworterin zu sein. Entsprechend wohlwollend hat die Regierung auf den FDP-Vorstoss reagiert.

Ermunternde Signale von Aeppli gab es jüngst auch an die Adresse der Stadt Zürich. Dort will Schulvorstand Gerold Lauber (CVP) laut «NZZ am Sonntag» in mehreren Schulhäusern einen Versuch mit einem Tagesschul-Obligatorium wagen. Darüber hinaus möchte er auch den FDP-Ansatz einer kürzeren Halbtagesschule weiterverfolgen. Der Hintergrund: Schon heute nutzt fast die Hälfte aller Stadtzürcher Schulkinder die freiwilligen Horte und Mittagstische. Laut Prognosen des Schulamtes dürften es in absehbarer Zeit sogar um die 70 Prozent sein.

Das treibt auch den Zürcher Stadtpräsidiumskandidaten Filippo Leutenegger (FDP) um, selber Gründer eines Horts. Er hat das Thema in seine Wahlkampfagenda eingebaut und bewirbt Halbtagesschulen als günstigere Alternative zu subventionierten Horten und Mittagstischen. Die Betreuung nach der Schule müssten die Eltern selbst zahlen.

Den Eltern die Wahl lassen?

Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands, will Tagesschulen ebenfalls zu einem grösseren Thema machen. Im Januar wird der Verband eine breite Umfrage dazu durchführen, um die Akzeptanz auszuloten. Aus Lehrerinnensicht spricht laut Lätzsch vor allem eines für Tagesschulen: dass die Kinder gut betreut in den Unterricht zurückkommen, statt dass sie über Mittag herumhängen. Ein Obligatorium lehnt sie allerdings dezidiert ab.

Auch im Kantonsrat sprachen sich gestern grundsätzliche Tagesschul-Befürworter dagegen aus, den Eltern die Wahlfreiheit zu nehmen. Das FDP-Modell gehe zu weit. Man müsse auch Müttern und Vätern Rechnung tragen, die ihre Kinder über Mittag zu Hause haben wollen. Einzig von der Linken war kein derartiges Bekenntnis zu hören.