Die Bedingungen in der U-Haft seien zu streng und Insassen würden in Einzelhaft sozial isoliert, was das Risiko eines Suizides erhöhen könne, wurde kritisiert, nachdem sich die junge Frau vor zehn Tagen in ihrer Zelle stranguliert hatte.

Am Samstag nun hat der Häftlingsverein Reform 91 beim Kantonsrat eine Petition eingereicht. Darin fordert er eine unabhängige Kommission «zur Untersuchung der Todesfälle in Untersuchungshaft.» Diese habe sachdienliche Vorschläge und Massnahmen zu erarbeiten, heisst es weiter. Bei den Todesfällen bezieht sich der Verein vermutlich auf die bereits vier Selbstmorde in Zürcher Untersuchungshaft seit Anfang Jahr. In der Petitionsschrift weist Reform 91 am Fall von Nathalie K. auf die «Problemlagen» der U-Haft hin. Grundsätzlich sei nicht verwunderlich, dass sich Untersuchungsgefangene fünf mal häufiger das Leben nähmen als Gefangene im ordentlichen Strafvollzug: Ein Mensch werde innert kürzester Zeit aus seinem Umfeld herausgerissen und isoliert — «von nun an wird über diesen Menschen nur noch verfügt».

Zürcher Justizdirektorin Jacqueline Fehr nimmt Stellung zum Fall Flaach

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Trotz dieser schwierigen Situation ist der Häftlingsverein überzeugt: «Es gibt Möglichkeiten, Suizide zu verhindern.» Vorweg müsse das Gefängnispersonal in Untersuchungsgefängnissen auf die «Symptome» eines bevorstehenden Selbstmordes sensibiliert werden. Denn «Suizidgedanken und -pläne sind nur für den geschulten und aufmerksamen Beobachter zu erkennen», schreibt Reform 91. Ehepartner, Familie oder Freunden würde die Absicht zum Suizid nicht offenbart, «sondern eher Psychologen und Seelsorgern.»

Neben einer Sensibilisierung der Gefängnisangestellten schlägt der Verein Selbsthilfegruppen vor, in denen die Verhafteten unter Anleitung das Thema Suizid diskutieren können. Und weiter: «Wichtig wäre auch ein sinnvolles Beschäftigungsprogramm , das die Verhafteten auf andere Gedanken bringt», schreibt Reform 91 weiter.

Abschliessend übt der Verein in der Petition grundlegende Kritik am System der Untersuchungshaft. Die Verhaftung solle die Ausnahme sein, findet Reform 91 und verweist auf die Strafprozessordnung und die darin definierten Voraussetzungen der Untersuchungshaft. Diese seien bei Nathalie K. nicht erfüllt gewesen, ist der Verein überzeugt. Sie habe gestanden und eine «Fluchtgefahr wurde nie behauptet, eine Kollusionsgefahr (Verdunkelung) auch nicht und eine Wiederholungsgefahr war nicht auszumachen». Nach dem ersten Suizidversuch von Nathalie K. hätte es für Reform 91 deshalb eigentlich nur einen gangbaren Weg gegeben: «Auf freien Fuss mit Auflagen bis zur Gerichtsverhandlung.» Dazu allenfalls die Weisung, psychologische Betreuung in Anspruch zu nehmen.

Die Kritik der vergangenen Tage scheint unabhängig von der Petition bereits bei der für den Vollzug zuständigen Justizdirektion angekommen zu sein: Deren Vorsteherin Jacqueline Fehr äusserte sich am Wochenende im Interview mit dem «SRF-Regionaljournal» bezüglich einer Unterbringung für Untersuchungshäftlinge, die zwischen Untersuchungshaft und Psychiatrie liegt. Es werde die Möglichkeit geprüft, ein Massnahmenangebot zwischen Haft und Psychiatrie zu entwerfen. Des weiteren solle die Justizdirektion alle Suizidfälle nochmals genau untersuchen, erklärte Fehr. (Hae)