Suizid
Suizid bei Jugendlichen - wo muss die Prävention ansetzen?

Suizide stellen die zweithäufigste Todesursache von Schweizer Jugendlichen dar. Gregor Berger vom Notfalldienst der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich klärt auf, was für Prävention vonnöten ist und weshalb Jugendliche besonders gefährdet sind.

Michel Wenzler
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Schweizweit begehen pro Jahr 30 bis 50 Jugendliche Suizid, wobei pro Suizid 200 Suizidversuche kommen.

Schweizweit begehen pro Jahr 30 bis 50 Jugendliche Suizid, wobei pro Suizid 200 Suizidversuche kommen.

Keystone

Herr Berger, heute ist Welttag der Suizidprävention. Wie aktuell ist das Thema jetzt, während der Coronakrise?

Gregor Berger: Als Leiter des Notfalldienstes der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie habe ich einen Anstieg suizidaler Absichten bei Jugendlichen festgestellt, als der Lockdown zurückgefahren wurde. Es gab eine richtige Welle von Jugendlichen, die überfordert waren, wieder in den Alltag einzusteigen. Meist handelt es sich um eher ängstliche und schüchterne Jugendliche. Ihnen kam der Lockdown entgegen. Sie erlebten nicht mehr jeden Tag den Druck der Schule. Vielleicht fühlten sie sich auch nicht wohl in der Klasse oder wurden gar gemobbt. Für manche ist die Schule wie ein Schlachtfeld, und dorthin mussten sie nun wieder zurück. Viele dachten: Ich schaffe das nicht, lieber sterbe ich.

Wie wurde man auf sie aufmerksam?

Ein klassisches Beispiel ist, dass ein Jugendlicher im Klassenchat eine Botschaft wie ein «Tschüss zäme» postet oder das Bild eines Kreuzes. Das macht schnell die Runde und wir werden dann von Lehrern oder Eltern kontaktiert. Wir schauen, dass ein solches Kind möglichst schnell zu uns gebracht wird, damit wir eine Risikoeinschätzung machen können. Wir suchen das Gespräch mit ihm und versuchen, die Eltern einzubeziehen. Dabei machen wir eine Auslegeordnung, um herauszufinden, was das Kind belastet. Zudem gehen wir systematisch verschiedene Krankheitsbilder durch.

Gehen Suizidgedanken also auf eine psychische Erkrankung zurück?

Ja. Die Depression ist das häufigste Störungsbild, das mit Suizidalität verbunden ist. Sie wird im Jugendalter oft nicht erkannt. Jungen Menschen fehlen häufig die Worte, um ihre Gefühle auszudrücken. Besonders männliche Jugendliche schämen sich oft, sie überspielen es. Und je länger eine unbehandelte Depression anhält, desto schlechter ist die Prognose.

Es bahnt sich also alles über lange Zeit an. Gibt es somit den Suizidversuch als Kurzschlussreaktion gar nicht?

Diese Idee ist zwar verbreitet, es handelt sich aber um ein grosses Missverständnis. Der gesunde Jugendliche, der sozial eingebunden ist, gute und tragfähige Beziehungen sowie keine Probleme in der Ausbildung hat, springt nicht einfach aus einer Kurzschlussreaktion von einer Brücke, weil ihn plötzlich etwas belastet. Über 90 Prozent jener, die im Jugendalter suizidal werden, hatten im Jahr zuvor eine psychische Krankheit, häufig eine klinische Depression. Oft bestanden multiple Belastungsfaktoren. Der impulsive, sichtbare Teil eines Suizids ist meist nur die Spitze des Eisbergs. Da liegt sehr viel unter dem Wasser.

Das nimmt Eltern, Lehrer, Geschwister und Freunde in die Pflicht. Sie müssten früh erkennen, wenn etwas nicht stimmt. Wie kann das gelingen?

Das ist gar nicht so einfach. Zurzeit führen wir eine Studie durch, in der wir depressive Jugendliche über neun Monate hinweg untersuchen. Dabei geht es auch um die Frage, wie sie sich selbst wahrnehmen und wie dies die Eltern tun. Das Ergebnis: Die Eltern schätzen die Depression immer schwächer ein als die Jugendlichen. Selbst jene, die sehr nah an ihrem Kind sind, konnten den Seelenschmerz nicht richtig erfassen, weil die Kinder es vor ihnen stark verbergen.

Wie können es die Eltern trotzdem erkennen?

Sozialer Rückzug, ein unerklärlicher Leistungsknick, Gereiztheit, keine Lust auf das Lieblingsessen, verändertes Freizeitverhalten, keine Freude mehr an Aktivitäten, die sie früher gerne ausübten und entsprechende Äusserungen in Chats sind Anzeichen.

Tragisch ist es, wenn ein Jugendlicher seinen Suizidversuch nicht überlebt. Welche Langzeitfolgen hat das für die Zurückgebliebenen?

Der Suizid eines Jugendlichen traumatisiert nebst der Familie auch ganze Schulklassen. Die Forschung geht davon aus, dass nach einem Suizid eines Erwachsenen durchschnittlich sieben Menschen lebenslang eine Beeinträchtigung verspüren. Bei einem Jugendsuizid gibt es keine Zahl dazu. Ich gehe aber davon aus, dass sie deutlich höher ist. Die Hinterbliebenen tragen die Last jahrelang mit sich herum. Nach Vorträgen von mir kamen schon Leute auf mich zu, deren Kind sich vor 40 Jahren das Leben genommen hatte, und die sagten: Es gab seither keinen Tag, an dem ich nicht daran dachte. Das sind sehr berührende Momente.

Immerhin gibt es einen Lichtblick: Die Suizidrate ist in der Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen. Sind wir auf dem richtigen Weg?

Es zeigt, dass Prävention nützt. Über alle Altersgruppen betrachtet haben wir in der Schweiz jährlich etwas mehr als 1000 Suizide. Gesunken ist die Rate aber nur bei den älteren Erwachsenen. Bei den Jugendlichen ist die Zahl in den letzten zehn Jahren konstant geblieben. Sie bewegt sich bei 30 bis 50 Suiziden pro Jahr. Die Zahl mag auf den ersten Blick tief erscheinen. Doch Suizide sind bei Jugendlichen nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache, noch vor Krankheiten wie Krebs. Beunruhigend ist zudem nicht nur die Zahl der Suizide, sondern auch die Zahl der Suizidversuche.

Ist sie bei Jugendlichen höher als bei Erwachsenen?

Ja. Bei Erwachsenen gehen wir davon aus, dass auf einen Suizid etwa 60
Suizidversuche kommen. Bei Jugendlichen sind es etwa 200. Internationale Studien zeigen, dass die Zahl der Suizide bei Jugendlichen sogar zunimmt, insbesondere bei jungen Frauen.

Fokus der Prävention liegt auf Erwachsene - Junge

Wieso ist es nicht gelungen, dieser Entwicklung beizukommen, wenn die Suizidprävention doch nützt?

Das liegt daran, dass sich die Bemühungen bisher auf die Erwachsenen konzentriert haben. Für Junge gab es lange keine spezifischen Programme zur Suizidprävention, besonders nicht nach Suizidversuchen. Aber da sind wir jetzt dran. Ein zweiter Grund sind die hohen Anforderungen an die Jugendlichen. Sie sind in den letzten zwanzig Jahren deutlich gestiegen.

Was ist der Grund dafür?

Einerseits beginnen die pubertären Probleme heute deutlich früher. Andererseits dauert die Adoleszenz länger. Früher waren viele junge Erwachsene Anfang 20 bereits recht selbstständig und im Berufsleben angekommen. Heute ist das häufig erst mit 25 oder 30 der Fall. Das ist belastend für sie. Hinzu kommen weitere Faktoren.

Welche?

Ich glaube, dass der Medienkonsum eine grosse Rolle spielt. Er führt dazu, dass die Jugendlichen pro Tag ein bis zwei Stunden weniger schlafen als früher. Das dürfte ein Grund für den Anstieg depressiver Symptome sein. Etwa ein Zehntel der Jugendlichen entwickelt einen dermassen starken Mediengebrauch, dass wir von einer Abhängigkeit sprechen würden, die sich negativ auf die Entwicklung auswirkt und depressiogen wirkt. Mädchen wenden sich eher sozialen Medien wie Tiktok, Snapchat und Instagram zu, bei den Knaben sind es Games. Der Umgang damit kann so exzessiv werden, dass sie nachts aufstehen, um zu spielen.

Das heisst: Suizidprävention muss in Bereichen beginnen, an die man im ersten Moment gar nicht denkt.

Ja. Der Aufbau der eigenen Widerstandskraft, das heisst die Förderung eines gesunden, achtsamen Umgangs mit sich, ist wichtig. Dazu gehört Schlaf, aber auch körperliche Aktivität. Viele Jugendliche hören mit 13 oder 14 Jahren mit ihren Hobbys auf und sind nur noch mit ihrer Peer-Group zusammen. Wir müssen uns deshalb überlegen: Wie können wir die Hobbys, sei es nun Sport oder Musik, attraktiv machen für die Jungen?

Welche Rolle spielt Drogenkonsum?

Den gilt es zu minimieren. Cannabis, Alkohol und Designerdrogen sind oft mitverantwortlich für suizidales Verhalten. Gerade Cannabis ist für das junge Gehirn sehr schädlich. Es gibt bei Jugendlichen einen ganz klaren Zusammenhang zwischen Cannabis-Missbrauch und erhöhtem Suizidrisiko bis ins junge Erwachsenenalter hinein. Meistens spielen verschiedene Faktoren zusammen – eine Suchterkrankung und psychische Erkrankungen gleichzeitig. Man geht davon aus, dass eine von fünf Personen irgendwann im Jugendalter eine psychische Störung entwickelt – von der Lese- und Rechtschreibstörung bis hin zu ADHS oder zur Depression. Die Verhinderung von psychischen Krankheiten und Suchtverhalten ist somit auch Suizidprävention.

picture-2113138207-accessid-64052042 Gregor Berger ist Leiter des Notfalldienstes der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich

picture-2113138207-accessid-64052042 Gregor Berger ist Leiter des Notfalldienstes der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich

Gregor Berger