Die Zürcher Suchtexpertin Barbara Meister fordert anlässlich des heutigen UNO-Tages gegen Drogenmissbrauch neue politische Strategien, um das Problem zu bekämpfen.

Anfang der 90er-Jahre sorgte die offene Drogenszene am Zürcher Platzspitz weltweit für Schlagzeilen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sich heute an damals erinnern?

Das war die grosse Ohnmacht und Heimatlosigkeit. Da waren Menschen mit Abszessen und Geschwüren inmitten von stinkendem Abfall. Das Elend wurde sichtbar. Freiwillige Organisationen haben auf dem Platzspitz Suppe ausgeschenkt. Sie leisteten auch erste Hilfe und verarzteten Junkies. Gleichzeitig meldete sich die Politik zu Wort. Allen war klar: So kann es nicht weitergehen. Zunächst wurde die Drogenszene aber nur an den Letten verlagert.

Das Scheitern der Platzspitz-Schliessung gilt aus heutiger Sicht als drogenpolitischer Wendepunkt: Was hat sich Ihrer Ansicht nach seither verändert?

Man hat erkannt, dass nicht die Drogen dieses Elend verursacht haben, sondern die soziale Ausgrenzung der Drogenabhängigen. Langsam setzte sich die Einsicht durch, dass diese Menschen verschiedene Hilfsangebote brauchen und keine Strafen. Es gab endlich saubere Spritzen wegen HIV und ein Fixerstübli. Es wurden Notschlafstellen eröffnet und nicht zuletzt auf politischen Druck wurde die niederschwellige Methadonabgabe eingeführt.

Heute verfolgt die Schweiz die Vier-Säulen-Politik mit Repression, Prävention, Therapie und Überlebenshilfe. Hat sie sich bewährt?

Sie war sicher ein wichtiger Schritt. Heute brauchen wir aber neue Perspektiven für eine Suchtpolitik, die nicht mehr trennt zwischen illegal und legal und einen ganzheitlicheren Ansatz verfolgt.

Was heisst das konkret?

Suchtpolitik darf nicht nur auf die Abhängigkeit im engeren Sinn fokussieren. Sie muss vor allem auch dem problembehafteten Konsum Rechnung tragen und die sich laufend ändernden Konsummuster berücksichtigen. Gleichzeitig müssen alle Substanzen – auch Alkohol und Nikotin – nach ihrer Schädlichkeit beurteilt werden und nicht danach, ob sie erlaubt oder verboten sind.

Die Schweiz hat ihre Suchtmittelproblematik also noch nicht gelöst?

Eine suchtfreie Gesellschaft haben zu wollen, ist ein Kampf gegen Windmühlen. Unsere Drogen heute sind Alkohol, Tabak und Medikamente, die missbraucht werden. Auch legale Substanzen können Menschen und Familien zerstören. Dieses Bewusstsein hat sich zum Glück durchgesetzt. Heute weiss man, dass Menschen auch medien-, spiel- oder arbeitssüchtig werden können. Statt verschiedene Drogen zu unterscheiden, sollten wir deshalb mehr auf Drogenmündigkeit setzen.

Was meinen Sie mit Drogenmündigkeit?

Wir müssen die Menschen befähigen, mit den Genuss-, Hilfs- und Suchtmitteln umgehen zu können. Viele nehmen heute Medikamente, um den steigenden Leistungsanforderungen am Arbeitsplatz zu genügen oder eine Prüfung zu bestehen. Unser ganz alltägliches Leben wird gedopt und bringt uns in neue Abhängigkeiten. Wir entfernen uns damit vom Bild des Menschen, der aus eigener Kraft Schwierigkeiten angeht und krankmachende Lebensumstände zu verändern versucht.

Wie kann die Gesellschaft dieser Tendenz entgegenwirken?

Das beginnt schon bei der Förderung der sozialen Kompetenzen jedes Einzelnen. Wichtig sind auch Chancengleichheit in unserer Gesellschaft sowie die Bekämpfung von Armut, sozialer Benachteiligung und Vereinsamung. Wir müssen nicht bei den Drogen oder gefährlichen Substanzen ansetzen, sondern bei den sozialen Umständen, die den Missbrauch und die Suchtentwicklung überhaupt erst möglich machen.

Ihr Verein «Die Alternative» hilft jenen, die bereits abhängig sind, und zwar mit einer «umfassenden Suchttherapie». Was genau ist das?

Viele unserer Klienten haben neben ihrer Substanzabhängigkeit noch eine psychische Störung. Früher war Abstinenz von jeglicher Droge das Ziel. Heute haben wir eine Durchmischung von Menschen, die mit Psychopharmaka oder Drogenersatzstoffen behandelt werden. Der Fokus liegt nicht mehr auf der Abstinenz, sondern auf den Entwicklungsmöglichkeiten jedes einzelnen Klienten. Es geht darum, die noch vorhandenen Ressourcen zu entdecken und zu erweitern. Gleichzeitig sollen Entwicklungsdefizite wenn möglich aufgeholt werden. Ziel ist ein Leben in einer möglichst hohen Autonomie, sei es mit oder ohne Hilfsmittel.

Wie haben sich Ihre Angebote für Süchtige über die Zeit verändert?

Wir haben uns in den letzten 40 Jahren prozessartig weiterentwickelt. So haben wir zum Beispiel schon früh erkannt, dass Drogenabhängige Kinder haben und diese mit ihren Eltern auf der Gasse lebten. Bei therapeutischen oder juristischen Massnahmen für die Eltern gingen die Kinder meist vergessen. Daraus entstand das Zweigenerationenmodell, bei dem auch die Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt werden.