Obergericht Zürich
Sturz vom Dach: Freispruch für Auftraggeber und Arbeitskollege

Bei Bauarbeiten ist ein Mann von einem Dach gestürzt: Dessen Auftraggeber und ein Arbeitskollege sind nun vom Vorwurf der fahrlässigen schweren Körperverletzung freigesprochen worden. Neun Operationen mögen zwar beschwerlich sein, reichen aber für eine Verurteilung noch nicht aus, befand das Zürcher Obergericht.

Merken
Drucken
Teilen
Das Obergericht befand, dass neun Operationen nicht für eine Verurteilung ausreichen, zumal kein wichtiges Organ betroffen gewesen war oder ein Körperteil verstümmelt sei.

Das Obergericht befand, dass neun Operationen nicht für eine Verurteilung ausreichen, zumal kein wichtiges Organ betroffen gewesen war oder ein Körperteil verstümmelt sei.

Keystone

Ein Mann stürzte am 4. Juni 2012 ungesichert aus einer Höhe von sechseinhalb Metern zu Boden: Als er auf dem Dach die letzte von mehreren beschädigten Zementfaserplatten auswechseln wollte, zerbrach jene Platte, auf der er stand.

Beim Arbeitsunfall zog sich der Mann verschiedene Frakturen an seinen linken und rechten Unterschenkeln, Fersenbeinen und Schienbeinen zu. Er musste in der Folge neun Mal operiert werden und einen Monat im Spital verbringen. Für acht Monate wurde ihm dann zu 100 Prozent eine Invalidenrente zugesprochen.

Die Frage der Schwere

Der Auftraggeber und ein Arbeitskollege, die den später Verunfallten allein auf dem Dach gelassen hatten, wurden in erster Instanz vom Bezirksgericht Winterthur wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung zu bedingten Geldstrafen verurteilt.

Die beiden legten Berufung ein: Sie bestritten nicht den Unfall und die Verletzungen an sich - sie stuften vielmehr die Verletzungsfolgen als nicht derart gravierend ein, dass es zu einem Schuldspruch kommen dürfte.

Das Obergericht stimmte ihnen nun zu. Damit eine Körperverletzung rechtlich als schwer gilt, muss unter anderem entweder ein wichtiges Organ oder ein Körperteil verstümmelt sein, muss die Beeinträchtigung zu einer bleibenden Arbeitsunfähigkeit führen oder müssen andere ähnlich schwere Schädigungen vorhanden sein.

Keine Bagatelle, und doch einfach

Die Verletzungen seien zwar nicht zu bagatellisieren, hält das Obergericht fest: "Die mehrfachen Operationen, der längere Spitalaufenthalt und die zeitweise Arbeitsunfähigkeit stellen für kompliziertere, mehrfache Knochenfrakturen weitreichende Folgen dar."

Der Heilungsprozess habe zudem "unzweifelhaft einige Zeit in Anspruch genommen" und sei "sicherlich beschwerlich" gewesen. Schliesslich spüre der Mann auch noch immer gesundheitliche Folgen des Unfalls und klage über eine gewisse Gehbeeinträchtigung.

Doch habe der Verunfallte in der Zwischenzeit als Allrounder bei Bergbahnen gearbeitet und sei auch wieder im landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern tätig gewesen, hält das Gericht weiter fest. Dies spreche eher dafür, "dass die Einschränkungen in der Gehfähigkeit nicht erheblicheren Ausmasses sind".

Das Obergericht sprach den Auftraggeber und den Arbeitskollegen deshalb vom Vorwurf der fahrlässigen schweren Körperverletzung frei.

Eine einfache Körperverletzung dürfte indes objektiv vorliegen. Das Obergericht ging darauf aber nicht weiter ein. Denn eine solche wird - anders als eine schwere - nur auf Antrag des Verletzten verfolgt. Der vom Dach gestürzte Mann hatte auf einen Strafantrag aber ausdrücklich verzichtet.