Jacqueline Fehr, Chantal Galladé, Priska Seiler, Sabine Sieber: So heissen die vier SP-Kandidatinnen, die Regierungsrätin im Kanton Zürich werden wollen. Die Reihenfolge ist alphabetisch, spiegelt also nicht unbedingt die Chancen der einzelnen Frauen. Allerdings sind die beiden Winterthurer Nationalrätinnen Fehr und Galladé weit bekannter als die Kantonsrätinnen Seiler und Sieber. 170 Parteidelegierte entscheiden am 27. September in Winterthur, wen sie neben dem bisherigen Sicherheitsdirektor Mario Fehr in den Wahlkampf schicken. Ihr Entscheid hat Gewicht. Da die SP lediglich den Sitz von Regine Aeppli im Regierungsrat ersetzen will, darf die Auserwählte damit rechnen, im nächsten April auch vor dem Volk bestehen zu können. Macht sie (oder die Partei) nicht alles falsch, erhält sie den Prestigejob mit einem Jahresgehalt von rund 350 000 Franken.

Die zwei Favoritinnen

Qualifiziert sind alle vier, wenn auch nicht gleichwertig. Für Fehr und Galladé spricht, dass sie es auf der nationalen Bühne zu etwas gebracht haben. Das gilt insbesondere für die 51-jährige Fehr. Sie ist mit allen politischen Wassern gewaschen, begann als Kantonsrätin und Präsidentin des kantonalen Gewerkschaftsbundes und gehört schon seit 1998 dem Nationalrat an. 2010 war sie Bundesratskandidatin. Wenn die Partei eine Wahlkämpferin brauchte, stand Fehr zur Verfügung. Sie zog zwar mehrfach den Kürzeren, was ihrem Engagement aber keinen Abbruch tat. In ihren Dossiers, zu der die Gesundheits- und Familienpolitik zählen, kämpft sie jeweils wie eine Löwin, wie der laufende Abstimmungskampf für die Einheitskasse illustriert. Fehr taktiert geschickt und versteht es, Allianzen zu schmieden. Auf ihrem langen politischen Weg hat sie aber auch Leute vor den Kopf gestossen. Die älteste Geschichte ereignete sich vor 14 Jahren und dreht sich um das rätselhafte Verschwinden der Politlegende Ursula Koch, der damaligen Parteipräsidentin. Ihre ehemalige Parteikollegin Vreni Müller-Hemmi schrieb Fehr eine erhebliche Mitschuld an Kochs Fall zu. Mühe hatten kürzlich einige Parteikollegen auch damit, wie Fehr alle überrumpelte, als sie ihre Regierungskandidatur ankündigte und so raffiniert als Erste das Feld besetzte.

Die Politkarriere der fast zehn Jahre jüngeren Chantal Galladé (42) kann sich ebenfalls sehen lassen. Zunächst fiel sie im Kantonsrat als Jungtalent auf, die sich in Bildungsfragen hervortat. Kurz darauf schaffte sie es 2003 in den Nationalrat und engagierte sich in der Bildungs-, Sicherheits- und Armeepolitik. Landesweit bekannt wurde Galladé, als sie sich — auch aus persönlicher Betroffenheit — dafür einsetzte, dass Armeewaffen ins Zeughaus kommen. Als Präsidentin der Sicherheitspolitischen Kommission agierte sie kompetent und setzte mit ihrem Auftritt erfrischende Akzente. Gelegentlich ging ihr Engagement aber Parteigenossen gegen den Strich. So 2007, als sie an der Seite ihres späteren Partners Daniel Jositsch für ein Zwölf-Punkte-Programm gegen Jugendgewalt warb, das in der Partei als populistisch und bürgerlich kritisiert wurde. Später nervte sie die Genossen, als sie sich für die freie Schulwahl einsetzte. Dass sie beim Volk durchaus Chancen hat, bewies Galladé 2007, als sie gegen die Grünliberale Verena Diener zur Ständeratswahl antrat und im ersten Wahlgang mehr Stimmen machte als die Alt-Regierungsrätin. Galladé liess im zweiten Wahlgang trotzdem Diener den Vortritt. Sie wolle verhindern, dass der damalige SVP-Parteipräsident Ueli Maurer Ständerat werde, begründete sie den Rückzug. Jetzt will sie aber nicht mehr zurückstehen. Auch nicht hinter Jacqueline Fehr, die sie als Gotte in den Nationalrat einführte.

Sabine Sieber (links), Sternenberger Gemeindepräsidentin, erzeugt wenig Resoinanz. Priska Seiler (rechts) punktet mit Exekutiverfahrung aus dem Klotener Stadtrat.

Sabine Sieber (links), Sternenberger Gemeindepräsidentin, erzeugt wenig Resoinanz. Priska Seiler (rechts) punktet mit Exekutiverfahrung aus dem Klotener Stadtrat.

Erfahrung in der Exekutive

Eine andere Ausgangslage finden die 46-jährige Priska Seiler und 54-jährige Sabine Sieber vor. Seit den Roadshows, bei denen die vier Frauen vor einem SP-Publikum auftreten durften, wird die Klotener Stadträtin als Geheimtipp gehandelt. Ihr Auftritt überzeugte viele. Zudem hat Seiler im Unterschied zu den beiden Nationalrätinnen Exekutiverfahrung. Ihre Chance besteht darin, dass sie für all jene Delegierten eine Alternative sein kann, die sich weder für die eine noch die andere Nationalrätin entscheiden wollen. Zugute kommt Seiler dabei, dass sie noch kein so scharfes Profil wie Fehr und Galladé hat, das Widerspruch erzeugen könnte. Etwas in den Hintergrund geraten ist in letzter Zeit hingegen die Sternenberger Gemeindepräsidentin Sabine Sieber. Auch sie hat zwar Exekutiverfahrung, konnte aber mit ihrem ländlich geprägten Programm wenig interne Resonanz erzeugen. Aussichtslos ist ihre Lage aber nicht. Ein guter Auftritt vor den Parteidelegierten kann viel bewirken. Das gilt allerdings auch für ihre Konkurrentinnen.

Wenn die SP-Delegierten demnächst in geheimer Wahl ihre Stimme abgeben, produzieren sie nicht nur eine Siegerin, sondern auch Verliererinnen. Allerdings trifft eine Absage nicht alle gleichermassen schmerzlich. Erhält Jacqueline Fehr einen Korb, muss man dies als unfreundlichen Akt, wenn nicht gar als Affront werten. Sie bringt am meisten Erfahrung mit, hat sich während langer Jahre für die Partei verdient gemacht und musste diverse Niederlagen einstecken. Nach der verpassten Wahl in den Bundesrat verwehrten ihr die Parteikollegen sogar den Fraktionsvorsitz im Nationalrat. Wenn sie ihr nun in ihrem Heimatkanton den Weg in die Regierung versperren, ist dies eine deutliche Zurückweisung. Denn zweifellos hätte Fehr das Format für ein Regierungsamt. Von ihr ist auch zu erwarten, dass sie den manchmal etwas behäbig wirkenden Zürcher Regierungsrat aufmischen würde.

Eine Nichtnomination dürfte auch für Chantal Galladé schwer verdaulich sein. Allerdings scheint bei ihr die Fallhöhe etwas geringer als bei Fehr, weil sie an einem anderen Punkt ihrer Biografie steht. Galladés Niederlage wäre sicher weniger imageschädigend als bei Fehr, weil ihr dank ihrer Jugend noch viele Türen offen stehen. Bei Priska Seiler liegt der Fall nochmals anders. Übergehen sie die Delegierten, hat dies weniger den Charakter einer Niederlage. Gegen zwei bekannte Nationalrätinnen zu verlieren — das wäre das zu erwartende Szenario —, ist keine Schande. Ein nächster oder übernächster Anlauf ist problemlos möglich. Entsprechend gelassen kann Seiler der Ausmarchung entgegensehen und an ihrem Auftritt feilen — der ihr vielleicht sogar das grosse Los einbringt. Sorgen braucht sich auch Sabine Sieber nicht zu machen. Sollte es ihr nicht reichen, kann sie sich zugutehalten, die Ausmarchung belebt und den Genossinnen und Genossen eine valable Alternative geboten zu haben.