Die Mehrzahl der Autopendler, die den Milchbucktunnel täglich benutzen, haben sich wohl längst daran gewöhnt: an die einspurige Verkehrsführung stadtauswärts. Es existieren zwar nach wie vor drei Spuren im Tunnel, aber der mittlere Streifen dient als Pannenstreifen und ist für Rettungsfahrzeuge reserviert. Früher standen den Autofahrern zwei Spuren stadtauswärts zur Verfügung. Eine davon war – wegen der leichten Steigung – eine Kriechspur für Lastwagen.

Die Spurreduktion ging zunächst weitgehend unbemerkt über die Bühne, weil sie mit dem Bau des Sicherheitsstollens einherging. Der Bau führte nämlich zu mehreren temporären Umstellungen bei den Fahrstreifen. Ende September letzten Jahres wurde es dann aber definitiv: Das Bundesamt für Strassen (Astra) ordnete die einspurige Verkehrsführung stadtauswärts an. Dies, nachdem sie zuvor ein Jahr lang versuchsweise in Betrieb war.

Verringerte Kapazität

Ein Zeitungsbericht in der NZZ zum Spurabbau schreckte die Zürcher Sektion des Automobil-Clubs der Schweiz (ACS) und die SVP auf. Die Partei lancierte Anfragen bei der Kantons- und Stadtregierung, während der ACS sowie eine Privatperson je eine Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht einlegten. Der Automobil-Club monierte, der Spurabbau verringere die Kapazität des Tunnels deutlich und verursache Rückstaus vor dem südlichen Tunnelportal in Zürich.

Das Bundesverwaltungsgericht hiess die Beschwerde am 8. Juni teilweise gut und wies das Astra an, zusätzliche Unterlagen nachzuliefern, damit das Gericht neu urteilen kann. Das Astra stand daher vor der Wahl, das Verdikt entweder ans Bundesgericht weiterzuziehen oder die Anordnung des Bundesverwaltungsgerichts zu befolgen. Gestern teilte das Astra mit, es ziehe Letzteres vor.

«Wir werden die aufgeworfenen Fragen vertieft und ergebnisoffen bearbeiten», sagte Astra-Mediensprecherin Karin Unkrig auf Anfrage. Insbesondere würden die Zufahrtsachsen beim Tunneleingang (Richtung stadtauswärts) und die Wirkung der dort aufgestellten Lichtsignalanlagen nochmals unter die Lupe genommen, und zwar auch mit ortsfremden Experten. Das Astra schätzt, dass dies Zeit bis Frühjahr 2016 braucht. Mit einem Neuentscheid des Bundesverwaltungsgerichts rechnet es bis Mitte 2016. Dieser ist erneut anfechtbar und kann bis ans Bundesgericht weitergezogen werden.

Behinderte Stadtentleerung

«Wir werden sehr genau hinschauen», sagte ACS-Direktor Lorenz Knecht auf Anfrage. Er befürchtet, dass das Astra nun mit aller Kraft die Rechtmässigkeit des in einer «Nacht-und-Nebel Aktion» verfügten Spurabbaus zu belegen versuche. Insbesondere stört ihn, dass das Astra die fragliche Fahrspur im Milchbucktunnel weiter geschlossen hält. Das Bundesverwaltungsgericht hatte das Begehren des ACS, die Spur zu öffnen, abgewiesen.

Bemerkenswert am Konflikt ist, dass der ACS Seite an Seite mit der sonst als «autofeindlich» verschrieenen Stadt Zürich kämpft. Wie der Automobil-Club vertrat nämlich auch die Stadt in einem Gutachten die Ansicht, der Spurabbau führe auf den beiden Hauptzufahrtsachsen vor dem Südportal des Milchbucktunnels zu grossen Staus. Sie erschwere die «Stadtentleerung» zu den abendlichen Stosszeiten. Mit zwei Spuren, so die Stadt, liesse sich dies vermeiden. Ein Zankapfel sind auch die Lichtsignalanlagen vor dem dortigen Tunneleingang. Während das Astra ihnen die Schuld an einer leichten Kapazitätsverringerung zuweist, stellten sich ACS und Stadt auf den Standpunkt, die Signale spielten keine matchentscheidende Rolle.

Die Kantonsregierung stellte sich Anfang 2014, als sie eine SVP-Anfrage zur Spurreduktion beantwortete, auf die Seite des Astra. Während dem Bau des Sicherheitsstollens, als eine der beiden Stadtauswärts-Spuren gesperrt war, habe sich kein Kapazitätsengpass gezeigt, schrieb die Regierung. Zudem sei die neue Verkehrsführung sicherer. Sie mindere das Risiko einer Frontalkollision. Die Regierung vertraute auch auf die Angaben des Astra, wonach die Zahl der Unfälle seit dem Spurabbau stark abgenommen hat.