Die Geisterstunde war längst vorüber, als der 25-jährige Fernmeldespezialist Patrick Meier am frühen Montagmorgen schlicht seinen Augen nicht traute. Denn seinen Angaben zufolge tauchte im Lichtkegel seines Autoscheinwerfers in der Nähe von Russikon ZH plötzlich ein Wolf auf der Strasse auf. «Etwa eine halbe Minute lang rannte er vor mir her und konnte weder nach links noch nach rechts ausscheren, weil es überall Zäune hatte», erzählte Meier gestern gegenüber «Tagesanzeiger.ch».

Der junge Mann, der als Fernmeldespezialist in der Gegend einen Schaden beheben musste, ist überzeugt, dieses hierzulande eher seltene Raubtier tatsächlich gesehen zu haben. Denn etwas später begegnete er dem scheuen Tier in der Nähe von Rumlikon, das ebenfalls zur Gemeinde Russikon gehört, gleich noch einmal. Dort gelang es Meier dann auch, den «Wolf» auf einem Foto festzuhalten. «Er hat mich direkt angesehen. Die Schnauze, das Fell, der buschige Schwanz: So sieht kein Hund aus.»

Handelt es sich beim beobachteten Tier also tatsächlich um einen Wolf? Das Foto wurde inzwischen auch von Urs Philipp, Leiter der Fischerei und Jagdverwaltung des Kantons Zürich, begutachtet. «Aufgrund der vorliegenden Fotografie kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, ob es sich beim gesichteten Tier um einen Wolf handelt oder nicht», sagt Philipp. «Es gibt zwar sicher einige Merkmale, die dafür sprechen, aber es sind nur Indizien, Beweise sind es nicht.»

Emotionale Ständeratsdebatte: Darf der Wolf gejagt werden?

Emotionale Ständeratsdebatte: Darf der Wolf gejagt werden?

Bern - 9.3.16 - Nach einer emotionalen Debatte sagte der Ständerat mit 26:17 Stimmen Nein zu einer Motion, welche es erlauben sollte, den Wolf künftig ganzjährig zu jagen. Motionär Beat Rieder (CVP/VS) und Roberto Zanetti (SP/SO) mit den Pro- und Contra-Argumenten.

Ähnlich sieht es Wolffachmann David Gerke, Präsident der Gruppe «Wolf Schweiz». Das Tier, das man auf dem Foto sehe, könne zwar durchaus ein Wolf sein, «aber eine absolute Gewissheit gibt es nicht». Sowohl er wie auch Philipp sind aber der Ansicht, dass es sich durchaus um ein männliches Jungtier handeln könnte, das aus dem Calanda-Gebiet stamme.

Beunruhigt über die Spekulationen um den Wolf zeigt sich der Russiker Gemeindepräsident Hans Aeschlimann. «Falls es sich bewahrheiten sollte, dass es sich beim beobachteten Tier um einen Wolf handelt, fände ich das schon nicht so toll.» Denn das Tier sei in einem relativ dicht besiedelten Gebiet gesehen worden. Besonders kritisch würde er die Situation insbesondere dann betrachten, wenn der Wolf sich in der Gegend niederlassen sollte. Und gar als «verheerend» empfände es Aeschlimann, wenn sich in der Nähe von Russikon ein Wolfsrudel bilden würde. Abgesehen davon, dass Schaf- und andere Nutztierhalter um ihre Tiere fürchten müssten, «so könnte ich auch nicht meine Hand dafür ins Feuer halten, dass Kleinkindern nichts passiert».

Experten entwarnen

Doch Wolfexperte Gerke gibt Entwarnung: «Angriffe von Wölfen auf Menschen kommen extrem selten vor.» Denn man finde den Menschen nicht im Beuteraster des Wolfes. «Dort, wo es passiert ist, waren die Wölfe entweder tollwütig oder sie wurden aktiv von Menschen gefüttert«, erklärt Gerke.

Aber die Fachleute geben auch noch aus einem anderen Grund Entwarnung. Falls es sich beim abgelichteten Tier tatsächlich um einen Wolf handeln sollte, so dürfe man davon ausgehen, dass es ein Tier sei, «das sich auf der Durchreise befindet, sich also nicht im Zürcher Oberland niederlassen wird», sagt Urs Philipp von der Jagdverwaltung. «Der Wolf dürfte auf der Suche nach einem Weibchen sein und wird irgendwann einmal ein Rudel bilden wollen.» Aber mit «grosser Wahrscheinlichkeit nicht im Kanton Zürich», meint Philipp. «Oder höchstens noch im Wildschongebiet Tössstock», ergänzt Gerke. «Abseits von Menschen.»