Street Parade
Streetparade: Volksgaudi, Saufgelage oder Touristenmagnet?

Das nächste Woche stattfindende Massenspektakel ist laut Stadt noch immer eine «private Veranstaltung»

Michael Rüegg
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Streetparade 2010

Streetparade 2010

Keystone

«Bumbum», «Nznznz»: Nächstes Wochenende herrscht rund ums Zürcher Seebecken einmal mehr akustischer Ausnahmezustand. Für die einen ist die Street Parade der Event des Jahres; ein grandioses, friedliches Fest - für die anderen ein unerträgliches Gedränge. 900 000 Feiernde wollen die Veranstalter letztes Jahr gezählt haben. Bei gutem Wetter rechnen sie am kommenden Samstag wieder mit 800 000 bis 900 000. Aus dem einstigen Ravertreff ist längst ein Volksfest geworden. Und das, obwohl so mancher Zürcher die Nase rümpft und sich damit rühmt, seit Neunzehnhundertsoundso nicht mehr dabei gewesen zu sein.
Die «Bad News» landen in der Zeitung. Während sich Fotografen auf die Suche nach schrillen Outfits begeben, warten schreibende Journalisten gespannt auf die Anzahl Verletzter, Toter und Verhafteter. Doch die Zahlen erregen von Jahr zu Jahr weniger Aufmerksamkeit. 670 Paraden-Besucher mussten sich letztes Jahr vor Ort medizinisch behandeln lassen. Neben aufgeschnittenen Füssen und Wespenstichen entfielen 267 der Einsätze auf Alkohol- und Drogenkonsum. Der bekannte DJ Energy verstarb kurz nach seinem Auftritt an einem Medikamentenmix.
Um den Schaden zu minimieren, macht die Jugendberatung Streetwork der Stadt Zürich bereits zum zehnten Mal Aufklärungsarbeit und bietet einen Drogen-Check an. «Illegale Substanzen sind das eine, aber auch legale Substanzen, die über das Internet zum Beispiel getarnt als Badesalz vertrieben werden, und Alkohol das andere Problem», sagt Donald Ganci, Bereichsleiter der Jugendberatung Streetwork. Von beiden rät Ganci grundsätzlich ab, bleibt jedoch realistisch: «Die Schweizer Drogenpolitik basiert auf vier Säulen, zwei davon sind Prävention und Schadensminderung.» Auf diese beiden stützt sich die Jugendberatung bei ihren Empfehlungen für alle, «die es trotzdem nicht lassen können». Sie raten davon ab, Substanzen zu mischen und solche mit unbekannter Dosierung einzunehmen. Wenig Verständnis hat Ganci für Eltern, die ihre Babys an die Parade mitnehmen. Und Familien mit Kindern rät er dringend, Ohrstöpsel zu verwenden. «Kinder haben ein viel sensibleres Gehör, das kann leicht Schaden nehmen», so Ganci

Love Parade in den Köpfen

Die Tragödie im deutschen Duisburg mit mehreren Toten und über 500 Verletzten im Jahr 2010 hatte Zweifel an der Sicherheit von Grossveranstaltungen dieser Art geweckt. Doch die Stadtpolizei Zürich gibt Entwarnung: Nach der Katastrophe in Deutschland hat sie das Konzept überprüft und diverse Veränderungen vorgenommen, wie Mediensprecher René Ruf sagt: «Wir haben Hindernisse entfernen und Zugänge verbreitern lassen.» Zudem setzt man auf Bildschirme, mithilfe derer man Teilnehmerströme lenken kann.
Gemäss Ruf verläuft die Parade selber jeweils sehr friedlich. Zu Streitigkeiten und Körperverletzungen komme es erst in den Abendstunden, wenn der Alkohol die Hemmschwellen gelockert habe. Die Stadtpolizei ist am Street-Parade-Wochenende sowohl mit uniformierten als auch mit zivilen Beamten präsent.
Einer, der mit dem vielerorts vorherrschenden Image der Street Parade als Drogen- und Saufparty nichts anfangen kann, ist Franz Käppeli. Für den Gründer und CEO von «medica», einer Gruppe von medizinischen Laboratorien, ist der Technoevent ein friedliches und sicheres Fest: «Gemessen an den vielen Teilnehmern gibt es an der Street Parade sehr wenig medizinische Notfälle.» Käppelis Laboratorien treten als Sponsor der Street Parade auf: «Ich bin ein Fan dieses Anlasses. Als ich gehört habe, dass die Stadt die Abfallentsorgung nicht mehr übernehmen will, bin ich eingesprungen.» Im Gegensatz zu anderen Sponsoren bringe ihm sein Engagement finanziell nichts. «Wir wollen Prävention machen, indem wir zum Beispiel Ohrenstöpsel verteilen», sagt Käppeli, «Unsere Botschaft ist aber, dass man nicht nur die Ohren sondern den ganzen Körper schützen soll.» Damit meint er vor allem HIV, denn «medica» führt einen grossen Teil der Bluttests zum Nachweis des HI-Virus durch - und stellt fest, dass die Leute heute beim Sex sorgloser umgehen, vor allem wenn ausgelassene Stimmung die Sicht auf Gefahren vernebelt.
Käppeli, der selber drei Kinder im «Street-Parade-Alter» hat, findet die Veranstaltung wichtig für Zürich. «Ich verstehe nicht, wieso die Stadt für die Schäden bei den mutwilligen Zerstörungen am 1. Mai aufkommt, aber den Abfall der friedlichen Street Parade nicht entsorgen will. Und das, obwohl der Anlass den Tourismusbetrieben und dem Gewerbe Millionen in die Kassen spült, von denen wiederum ein Teil als Steuereinnahmen in die Stadtkasse fliesst.»