Einen feinen Wildschweinebraten wollte sich kürzlich ein Schweizer gönnen. Doch als der Gast ennet dem Rhein in einem Restaurant in Hohentengen nach Wildschwein auf der Speisekarte Ausschau hielt, wurde er enttäuscht. «Die Wirtin machte uns höflich darauf aufmerksam, dass sie seit zwei Jahren, wegen des Tschernobyl-Reaktorunfalls, kein Wildschweinfleisch mehr auf der Speisekarte haben.» Mehr als 28 Jahre nach der Reaktorkatastrophe im ukrainischen Atomkraftwerk von Tschernobyl soll entlang des Rheins wirklich noch ein Problem bestehen mit verstrahltem Wildfleisch? In Süddeutschland jedenfalls tauchte in den letzten Jahren nicht selten verstrahltes Wildfleisch auf. Laut der «Südwest-Presse» mussten in gewissen Landkreisen bis zu 55 Prozent des erlegten Schwarzwildes aufgrund der zu hohen Strahlenwerte (über 600 Becquerel/Kilo) vernichtet werden. Besonders betroffen sind die Wildschweine. Denn gerade das Schwarzwild durchwühlt den Untergrund, um an die bevorzugte Nahrung – Wurzeln, Knollen und Pilze – zu kommen. Und weil sich der radioaktive Staub von Tschernobyl aus dem Jahre 1986 im Laufe der Zeit in tieferen Erdschichten abgesetzt hat, ist besonders die Nahrungsquelle der Wildschweine noch heute mit Rückständen belastet.

Zürcher Jäger sollen nun auch Proben liefern «Das ist nicht neu, wir wissen Bescheid», sagt Rolf Etter, Kantonschemiker von Zürich. Dass namentlich Pilze noch heute deutlich feststellbare Mengen des sogenannten «Fallouts» Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe in der damaligen Sowjetunion anreichern, hat man schon im benachbarten Aargau festgestellt. Dort hatte das kantonale Amt für Verbraucherschutz bereits vor zwei Jahren im Informationsbulletin vermeldet, dass 22 von 23 Pilzproben positiv auf das radioaktive Cäsium-137 getestet worden seien. Die Pilze stammten aus den drei Gemeinden Siglistorf, Ehrendingen und Jonen, wovon die am stärksten belasteten Pilze in Siglistorf gefunden wurden.

Es muss also davon ausgegangen werden, dass auch im Kanton Zürich Pilze und somit Wildschweine mit erhöhten Cäsiumwerten existieren. Genaue Strahlenanalysen gibt es jedoch nicht – noch nicht. «Ich hatte in diesem Jahr bereits in Auftrag gegeben, das Wildschweinfleisch genauer zu untersuchen», sagt der Zürcher Kantonschemiker. Da jedoch keine solche Ware in den Handel gelangte, habe er bislang leider nichts erhalten, erklärt er. Flächendeckende Laborkontrollen des Wildfleisches auf radioaktive Strahlung sind in der Schweiz nicht üblich. Zumal die Jäger hierzulande das selbst erlegte Wild oft privat verwerten.

Doch nun will es Etter genau wissen. «In den nächsten zwei Wochen sollten wir erste Proben von den Jägern erhalten.» Es bestehe ein wissenschaftliches Interesse, zu erfahren, wie es um die Strahlenbelastung des Wildschweinefleisches im Kanton Zürich wirklich stehe, sagt der Kantonschemiker.

Urs Philipp, Leiter der Zürcher Fischerei- und Jagdverwaltung, bestätigt, dass die Strahlenbelastung im Schwarzwildfleisch aktuell untersucht werden soll. «Wir wurden vor einer Woche vom Kantonslabor angewiesen, im Dezember und Januar Zungenproben von Wildschweinen zu sammeln und einzuschicken.» Gemäss Philipp wurden im Kanton Zürich im letzten Jahr 480 Wildschweine erlegt, dieses Jahr dürften es etwas weniger sein. «Ich esse selber auch öfters solches Fleisch und habe bislang keine gesundheitlichen Veränderungen festgestellt.»

«Relativ geringe Belastung»

Gemäss Daniel Dauwalder, Sprecher des Schweizer Bundesamtes für Gesundheit (BAG), führt der gelegentliche Verzehr von Wildfleisch und Wildpilzen mit erhöhten Cäsium-137-Werten «zu einer relativ geringen zusätzlichen Strahlenbelastung».

Auch beim BAG in Bern ist man sich der Cäsiumbelastung als Folge von Tschernobyl bewusst. Welche Gebiete stärker oder schwächer betroffen sind, hat mit der damaligen Wetterlage Ende April und Anfang Mai 1986 in der Region zu tun. Während es in Süddeutschland in der Region Oberschwaben und in Teilen des Schwarzwaldes stärker geregnet hatte, sind in der Schweiz gemäss BAG vor allem der Jura und das Tessin vom «Fallout» betroffen. Grössere Strahlenuntersuchungen des Wildschweinefleischs hätten bislang nur im Tessin stattgefunden.

Dabei seien rund zehn Prozent der erlegten Tiere mit einem Cäsiumwert über der Grenznorm aufgefallen. Die jetzt durch den Kantonschemiker Rolf Etter bestellten Proben sollen bis Ende Januar 2015 Klarheit verschaffen über das Ausmass und den Strahlungsgrad der allenfalls betroffenen Wildschweine in Zürcher Wäldern.