Heimat
«Sternenberg»-Regisseur: «Das ist eine Katastrophe, das ist richtig traurig.»

Der Regisseur von «Sternenberg» Christoph Schaub bedauert das Verschwinden der Gemeinde sehr. Die höchste Gemeinde im Kanton Zürich habe auch politisch etwas Eigenwilliges.

Sabine Arnold und Fabio Mauerhofer
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Christoph Schaub im Gasthof Sternen in Sternenberg.

Christoph Schaub im Gasthof Sternen in Sternenberg.

Christoph Schaub

Christoph Schaub kam 1958 in Zürich zur Welt. Der Regisseur und Filmemacher wurde vor allem durch seine Filme «Sternenberg», «Jeune Homme», «Happy New Year» oder «Julias Verschwinden» bekannt. Daneben hat er auch zahlreiche Dokumentarfilme gemacht und das Kino Riffraff in Zürich sowie das Bourbaki in Luzern mitbegründet. Er lebt mit seiner Frau in Zürich und hat einen erwachsenen Sohn.

Herr Schaub, Sie haben im Frühling 2003 hier in Sternenberg den Film «Sternenberg» gedreht. Sind Sie seither zurückgekehrt?

Christoph Schaub: Ja, ich war seither ein paarmal hier: für Pressetermine vor der Veröffentlichung des Films, später wieder für Interviews.

Sie kommen nur geschäftlich nach Sternenberg?

Nein, auch privat, wenn es mir in der Stadt zu viel wird und ich den Kopf verlüften muss. Dann spaziere ich hier herum, gehe manchmal Käse kaufen. Die Käserei hier ist sehr gut.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie hörten, dass Sternenberg von der politischen Landkarte verschwinden soll?

Das ist eine Katastrophe, das ist ja richtig traurig. Schliesslich haben wir in der Schule gelernt, dass Sternenberg die höchstgelegene Gemeinde im Kanton ist. Zudem hat Sternenberg auch politisch etwas Eigenwilliges an sich. Solschenizyn hat sich einst hier versteckt. Verschwindet der Name denn auch?

Ja. Sternenberg will mit Bauma fusionieren. Die neue Gemeinde wird voraussichtlich Bauma heissen.

Oh, ausgerechnet mit dieser SVP-Hochburg! Das ist wirklich sehr schade. Sternenberg klingt als Gemeindename einfach schön, so mystisch. Der Berg, der so hoch ist, dass man beinahe die Sterne berühren kann. Auch als Ausflugsziel ist der Name für die Umgebung wichtig.

Sternenberg ist kein Einzelfall. Etliche kleine Gemeinden überlegen sich, mit Nachbarn zu fusionieren. Was halten Sie von dieser Tendenz?

Ich finde es jammerschade, wenn diese kleinräumigen Strukturen zerstört werden. Das ist doch etwas Urschweizerisches. Als ich ein Kind war, sind wir in den Ferien jeweils in die kleine Bündner Gemeinde Ausserferrera gefahren. Dort haben sie in den 60er-Jahren die Schule geschlossen, weil zu wenige Kinder da waren. Schliesslich wurde das Militär im Schulhaus einquartiert. Das Dorf hat nachher nicht mehr gelebt.

Wie im Film gibt in der Realität der Spargedanke den Ausschlag. Es rentiert nicht, für jedes winzige Dorf eine Verwaltung zu betreiben.

Ich sage ja auch nicht, dass jeder Weiler mit 50 Einwohnern eine eigene Verwaltung haben sollte. Aber ich finde es falsch, nur auf die Effizienz zu achten. Man müsste auch andere Modelle prüfen, überlegen, ob man nicht irgendwie kinderreiche Familien in abgelegene Gemeinden bringen kann.

Im Film besteht Sternenberg aus der Schule, einem Gasthof und der Postautohaltestelle. Was macht eine richtige Gemeinde aus?

Schule und Kinder entscheiden über Leben oder Tod eines Dorfes. Noch besser ist es, wenn es funktionierendes Gewerbe und Läden gibt. Und natürlich Menschen, denen man auf der Strasse begegnen kann.

Im Film ist die Gemeindeversammlung ein munterer Haufen, der einen richtigen Coup schafft. Sind Sie Fan der direkten Demokratie?

Der Film ist eine Komödie und deshalb auch die Versammlung auf ironische Art zugespitzt. Der Clou ist, dass es die Bevölkerung durch Schlauheit schafft, die Schule zu retten. Mir gefällt, dass sie mit einem Schildbürgerstreich ein Problem löst. Franz findet ja eine Gesetzeslücke: Er beruft sich auf das Recht auf Bildung, in dem das Alter nicht vermerkt ist.

Schliesslich retten aber drei tamilische Kinder die Schule. Ist das Ihre subversive Botschaft?

Das ist für mich die Hauptaussage des Films: Man muss auch mal etwas Ungewohntes wagen, offen sein, das Fremde zulassen. Ganz konkret könnten ja auch kinderreiche Ausländerfamilien Schulen füllen, denen die Schliessung droht. Eine solche Flexibilität fehlt heute.

In abgelegenen Gemeinden sperrt sich die Bevölkerung halt meist gegen Asylzentren.

Das finde ich wahnsinnig eng gedacht. Hier müsste ein Umdenken stattfinden. Es muss ja nicht gleich ein Asylheim, sondern es könnten auch günstige Wohnungen sein. Klar ist das in der politischen Realität vielleicht illusorisch, aber in dieser ist generell wenig Fantasie vorhanden. Sie ist vor allem von Angst bestimmt.

Sind Sie ein Weltenbummler oder bleiben Sie gern zuhause?

Nach der Matur habe ich eine Filmschule in Paris besucht. Aber die Leute redeten mir zu schnell, ich kam einfach nicht nach, verstand praktisch nichts. Die Schule hat mir auch nicht so viel gebracht. Sie war mir zu theoretisch. Deshalb habe ich sie nach nur vier Monaten abgebrochen.

Wie haben Sie trotzdem zum Film gefunden?

Ich habe mich autodidaktisch ausgebildet in einer Gruppe, dem «Videoladen», während der Jugendbewegung der 80er-Jahre. Wir haben einige Filme über die Bewegung gedreht. Danach habe ich einen Dokfilm über die Teddyszene gemacht. Die Teddys waren damals Gegner der Bewegung. Mir wurde prompt vorgeworfen, dass ich nicht «Züri brännt 2» gemacht habe. Ich fand es jedoch immer spannender, auch die Gegenseite anzusehen, immer weiter zu gehen.

Lehrerin Eva findet ihr Glück erst im Hippie-Bus des tamilischen Arztes, der mit ihr ans Nordkap reist. Sind Sie auch ein Reisender?

Ich bin immer wieder nach Zürich zurückgekehrt, weil ich dort die bes-ten Arbeitsbedingungen vorgefunden habe, mit der Zeit auf die besten Beziehungen und auch Geldquellen zurückgreifen konnte. Was soll ich also in Paris oder Berlin immer wieder bei null anfangen? Natürlich reise ich ins Ausland, aber vor allem zum Arbeiten. Das finde ich inspirierend. Das Reisen in der Freizeit gefällt mir weniger. Das ist eher ein oberflächliches Aufnehmen von Eindrücken.

Wo sind Sie aufgewachsen?

Am Zürichberg. Aber nicht in einer Villa, sondern in einer Mietwohnung, in recht bescheidenen Verhältnissen.

Wo leben Sie heute?

Immer noch in Zürich. Im Kreis 5.

Wo sind Sie daheim?

Früher hätte ich gesagt: dort, wo meine Beziehungen sind, wo meine Familie ist. Heute würde ich anfügen, dass es mir gefällt, wenn man sich kennt im Quartier. Wenn ich in der Migros einen Schwatz halten kann, wie früher meine Mutter. Dabei habe ich mich als Kind genervt, wenn das Einkaufen deshalb eine halbe Stunde länger gedauert hat.

Was ist Heimat?

Das ist sicher die Familie, aber das sind eben auch Dinge wie das Quartier, in dem man lebt. Das Heimterrain, wo man wiedererkannt wird und Wärme spürt.