Gemeindefusionen
Sternenberg – eine Gemeinde gibt sich auf

Die Landkarte der politischen Gemeinden verändert sich - Dass sich auch Zürcher Gemeinden zusammenschliessen ist keine Seltenheit mehr.

Matthias Scharrer
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Sternenberg
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«Wir haben fest daran gearbeitet. Der grösste Schmerz ist schon verdaut», sagt Sabine Sieber Noch-Gemeindepräsidentin von Sternenberg, das mit Bauma fusioniert.
Ihre Gemeinde würden die Sternenberger nun die «neue Gemeinde Bauma» nennen.
Vom Bahnhof Bauma kurvt der Postauto-Kleinbus nach Sternenberg hinauf.
Sternenberg: Höchstgelegene Gemeinde im Kanton Zürich (900 Meter über dem Meer), fusioniert 2015 mit Bauma. Die Stimmbeteiligten der beiden Dörfer hatten der Fusion im November 2013 deutlich zugestimmt.
«Früher konnte man vieles auf kurzem Weg erledigen, indem man miteinander geredet hat», sagt Brigitte Boller Alt Gemeindepräsidentin von Bertschikon, das jetzt zu Wiesendangen gehört.
Schweizweit hat die Zahl der eigenständigen Gemeinden in den letzten Jahren rasant abgenommen.

Sternenberg

Matthias Scharrer

Herr und Frau Schweizer definieren sich primär über ihre Wohngemeinde, dann als Schweizer, Angehörige ihres Kantons – und irgendwann unter «ferner liefen» auch als Europäer oder Weltbürger. Das ergab eine Studie des Sozialforschungsinstituts GFS. Doch schweizweit hat die Zahl der Gemeinden in den letzten Jahren rasant abgenommen: 1988 waren es noch 3022; seither gaben über 600 Gemeinden ihre Eigenständigkeit auf.

Zunächst konzentrierte sich dieser Trend auf ländliche Kantone. Jetzt hat er auch den Kanton Zürich erfasst. Während Jahrzehnten – genauer: seit 1934 – betrug die Zahl der Zürcher Gemeinden 171. Nun schrumpft sie: Anfang dieses Jahres fusionierten Bertschikon und Wiesendangen. Am kommenden Montag dürfte der Kantonsrat die Fusion von Sternenberg mit Bauma absegnen. Weitere Beispiele werden folgen. Was gewinnen, was verlieren Herr und Frau Schweizer damit?

Sternenberg ist nicht irgendeine Gemeinde. Man kennt das Dorf im Grenzgebiet zu den Kantonen Thurgau und St. Gallen zum einen als höchstgelegene Zürcher Gemeinde. Zum anderen ist sie mit dem gleichnamigen Film von Christoph Schaub zum Inbegriff einer Berggemeinde geworden, die im Wandel der Zeit Halt sucht.

Vom Bahnhof Bauma kurvt der Postauto-Kleinbus vorbei an Einfamilienhaus-Baustellen den Sonnenhang hinauf, hinaus aus dicht besiedeltem Gebiet, auf einer schmalen Strasse, die sich bald zwischen Wiesen und Wäldern durch die Hügel zieht. Nach einer zwölfminütigen Fahrt ist die Kirche von Sternenberg erreicht. Gleich dahinter liegt die Dorfbeiz. Der «Sternen» ist über Mittag voll besetzt an diesem sonnigen Spätsommertag. Wer draussen sitzen will, muss drinnen bestellen und darf seinen Menusalat gleich selber auf die Terrasse mitnehmen.

Sabine Sieber ist die letzte Gemeindepräsidentin von Sternenberg. Seit 2002 amtet die SP-Politikerin, die auch im Kantonsrat sitzt, als höchste Sternenbergerin. Nach ihren Gefühlen vor dem Vollzug der Gemeindefusion gefragt, spricht sie von Wehmut. Und fügt an: «Wir haben fest daran gearbeitet. Der grösste Schmerz ist schon verdaut.» Dann spricht sie vom Nutzen der Fusion: Die beiden Fusionsgemeinden erhalten künftig insgesamt 300 000 Franken mehr aus dem kantonalen Finanzausgleich. Ausserdem subventioniert der Kanton die Fusion mit 3,5 Millionen Franken. Ohnehin haben Sternenberg und Bauma schon bislang in vielen Bereichen wie Spitex, Feuerwehr und der Oberstufenschule zusammengearbeitet. «Durch den Zusammenschluss wird dies einfacher», sagt Sieber. Und: «Bauma bekommt ein Sternchen. Und wir gehören künftig zu den Gemeinden mit Hallenbad. Das ergibt auch für uns eine Aufwertung.»

Ihre Gemeinde würden die Sternenberger nun die «neue Gemeinde Bauma» nennen. Während die Primarschüler weiterhin in Sternenberg zur Schule gehen, müssen die Kindergärtner neu mit dem Schulbus hinunter nach Bauma fahren. Das Schulhaus Sternenberg, in dem früher auch die Oberstufe war, könnte dereinst zur Tagesschule werden, sagt die Noch-Gemeindepräsidentin. Dann fügt sie an: «Was wir aufgeben, sind die kleinen Gemeindeversammlungen. Aber die Gemeindeautonomie war ohnehin an einem kleinen Ort, weil der Kanton alles absegnen musste.» Sternenberg erhielt bislang pro Kopf am meisten Geld aus dem kantonalen Finanzausgleich.

Dass jetzt im Kanton Zürich gleich mehrere Fusionsprojekte in Gang gekommen sind, hängt unter anderem mit dem neuen kantonalen Finanzausgleich zusammen, der seit 2012 in Kraft ist. «Während der alte Finanzausgleich die fusionierten Gemeinden in der Regel schlechter stellte und Fusionen nahezu verunmöglichte, verhält sich der neue Finanzausgleich diesbezüglich neutral», sagt Andreas Locher vom kantonalen Gemeindeamt.

Der Kanton habe früher den finanzschwachen Gemeinden nahezu alles bezahlt, was noch zu bezahlen blieb, wenn der maximale Steuerfuss erreicht war. Unter dem neuen Finanzausgleich können sich die Gemeinden darauf jedoch nun nicht mehr verlassen. Um nicht weiter die Steuern erhöhen zu müssen, fassen daher Gemeinden vermehrt Fusionen ins Auge.

Die nächsten Fusionskandidaten sind Illnau-Effretikon und Kyburg. Der Regierungsrat hat bereits einen Staatsbeitrag in Höhe von 1,9 Millionen Franken für ihren Zusammenschluss bewilligt. Der Fusionsvertrag kommt in beiden Gemeinden voraussichtlich Mitte nächsten Jahres zur Abstimmung. Gespräche über Gemeindefusionen laufen auch zwischen Horgen und Hirzel sowie zwischen Bachs und Stadel.

Bertschikon und Wiesendangen haben die erste Zürcher Gemeindefusion seit 1934 nun seit einem Dreiviertel Jahr vollzogen. Die Bilanz von Brigitte Boller, früher Gemeindepräsidentin von Bertschikon und jetzt Gemeinderätin in Wiesendangen, fällt positiv aus: «Es hätte nicht besser laufen können.» Sie zählt die Vorteile auf: Der Steuerfuss von Bertschikon sank massiv. Die Verwaltung wurde professioneller. Geld für Infrastruktur wie Strassen ist wieder vorhanden. Auch der zuvor bedrohte Schulstandort Bertschikon konnte erhalten werden.

Der erste Nachteil, den sie nennt, hat mit Bauchgefühl zu tun: «Wenn man eine neue Identitätskarte erhält, wird man Wiesendanger. Das tut den alteingesessenen Bertschikern weh.» Und noch etwas sei verloren gegangen: Kleinräumigkeit. «Früher konnte man Vieles auf kurzem Weg erledigen, indem man miteinander geredet hat.» In der grösseren Gemeinde stehe nun der Dienstweg der Verwaltung im Vordergrund.