Winterthur

Stefanini-Stiftung lässt Laien entscheiden, wohin die Kulturgelder fliesen

Der Sitz der "Terresta Immobilien- und Verwaltungs AG, B. Stefanini Verwaltungen" im Januar 2015.

Der Sitz der "Terresta Immobilien- und Verwaltungs AG, B. Stefanini Verwaltungen" im Januar 2015.

Eine halbe Million Franken will die Stefanini-Stiftung jährlich in Winterthurer Kulturprojekte stecken. Die Verteilung ist ein Experiment.

Gute Nachrichten für die Kultur- und Museumsszene: Die Winterthurer Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG), bekannt als Stefanini-Stiftung, will ab 2021 landesweit jährlich drei Millionen Franken an Kulturprojekte verteilen, die das Kulturerbe fördern.

Dabei sollen die Besucherinnen und Besucher eine aktive Rolle einnehmen. Sie gestalten mit, bringen sich ein, werden Teil der Ausstellung und prägen diese mit. Anfassen, Mitreden und Mitdenken sind nicht nur erlaubt, sondern Teil des Konzepts. «Partizipation» heisst dieser Ansatz, der in der Kulturvermittlung immer populärer wird. «Ziel ist es, dass die Menschen in der Schweiz sich vermehrt mit ihrem Kulturerbe auseinandersetzen, es schätzen und kritisch hinterfragen», heisst es in der Förderungsstrategie der Stiftung, die in dieser Woche öffentlich wurde.

Vorbilder in Bern, Neuenburg und Lenzburg

Museen, die Wissen nur durch die Glasvitrine vermitteln, dürften also nicht in den Genuss der Stiftungsmillionen kommen. «Museen müssen bereit sein, ein Stück Deutungshoheit an die Besucherinnen und Besucher abzugeben», sagt Andreas Geis, der Leiter Förderung der SKKG.

In einem Grundlagenpapier zum Kulturerbe in der Schweiz listet die SKKG Museen und Projekte auf, die «Partizipation» heute schon vorbildlich umsetzen. Dazu gehören zum Beispiel das Alpine Museum der Schweiz in Bern, das Musée d’Ethnographie in Neuenburg – oder das Stapferhaus in Lenzburg: Dort ging Ende Juni die Ausstellung «Fake» zu Ende, bei der die Aussteller das Museum zum «Amt für die ganze Wahrheit» erhoben, im Zentrum die omnipräsente Lüge. Was ist echt, was ist wahr und was gelogen? Wem können wir und wem sollten wir vertrauen?

Die Besucher konnten Alltagslügen bewerten oder anonym dreiste persönliche Lügengeschichten beichten. In einem Online-Lügenarchiv sind die Ergebnisse nun öffentlich zugänglich und auch Lehrmaterial für die Schule. «Man lässt etwas da und nimmt etwas mit», sagt die Medienverantwortliche Noemi Fraefel. Auch die nächste Ausstellung «Geschlecht» wird partizipativ. Nach Eindrücken, Informationen und Inputs geht es im zweiten Stock um Selbstreflexion und darum, das Thema persönlich zu diskutieren. Besucher können sich dafür in Dialog-Kapseln zurückziehen.

Die Stefanini-Stiftung versucht mit gutem Beispiel voranzugehen – und zwar in Winterthur. Wer hier Fördergeld bekommt, entscheidet nämlich nicht ein Fachgremium, sondern soll nun von einer Gruppe von «Winterthurerinnen und Winterthurern» diskutiert werden. Es handelt sich um Laien, die von einem externen Projektteam betreut werden. Teilhabe an der Kulturförderung ist hier die Idee.

Die Zusammensetzung der Fördergruppe wechselt voraussichtlich alle zwei Jahre. Anfang 2021 geht es los, vorerst bis und mit 2024. Es geht um viel Geld. Im Topf sind 500'000 Franken, die jährlich frei an lokale Kulturprojekte verteilt werden können. «Es ist mit einem gewissen Risiko verbunden, aber wir sind gern bereit, dieses einzugehen, und sind gespannt auf die Ergebnisse», sagt Geis.

80'000 Objekte im Sammlungshaus

Vor einem Monat wurde bekannt, dass die Stefanini-Stiftung ihr Sammlungshaus im Winterthurer Stadtteil Neuhegi baut, zwischen Hegifeld und Eulachpark. Dort wird ab dem Jahr 2026 die auf rund 80'000 Objekte geschätzte Sammlung des 2018 verstorbenen Immobilienbesitzers und Kunstsammlers Bruno Stefanini untergebracht und geordnet. Geprüft wurden auch andere Standorte ausserhalb der Stadt.

Dass die Stiftung nun so viel Geld in die lokale Kultur investiere, sei die zweite «hocherfreuliche Nachricht» für die Stadt innert kurzer Frist, sagt Stadtpräsident Michael Künzle (CVP): «Das zeigt, dass die Stiftung ihre gesellschaftliche Verantwortung ernst und wahrnimmt.» Von der Stadt gehen netto rund 6,8 Millionen Franken pro Jahr an die Museen. Eine halbe Million pro Jahr, so Künzle, sei «sehr grosszügig», gerade von einer privaten Institution.

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