Zürich
Statische Meisterwerke: Das sind Zürichs abgehobene Hochhäuser

Ein SBB-Gebäude macht vor, wie man Tonnen von Stahl und Beton zum Schweben bringt. Jetzt folgt ein einzigartiger Wohnturm auf dem Löwenbräu-Areal, bei dem ein Drittel der Fläche überhängend ist. Der Aufwand für die Erdbebensicherheit ist gross.

Marius Huber
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Die Obergeschosse des Löwenbräu-Wohnhochhauses überlappen ihren Sockel ebenso wie es diejenigen des SBB-Baudienstzentrums tun

Die Obergeschosse des Löwenbräu-Wohnhochhauses überlappen ihren Sockel ebenso wie es diejenigen des SBB-Baudienstzentrums tun

zvg/Marc Dahinden

Jedes Kind, das einmal mit Bauklötzen gespielt hat, versteht, warum die ägyptischen Pyramiden zu den ältesten erhaltenen Bauwerken der Welt gehören: Sie sind breit an der Basis und laufen gegen oben zusammen. So etwas ist stabil. Die Schwerkraft hält die Quader zusammen. In der Stadt Zürich dagegen scheinen derzeit Bauwerke im Trend, die die Gesetze der Schwerkraft verspotten. An der Basis dünn, gehen sie gegen oben auseinander.

Den Anfang machte vor einem Jahr der Prime Tower der Architekten Gigon/Guyer, bei dem die auskragenden Elemente noch relativ bescheiden ausfallen. Aber bei zwei anderen Bauten sind sie so verblüffend, dass dem Beobachter nur das Rätseln bleibt, wie so etwas hält. Da ist einmal jener Neubau, den die SBB im sogenannten Kohlendreieck zwischen den Gleisfeldern bezogen haben. Das grün schimmernde Baudienstzentrum, entworfen von den Architekten von Ballmoos Krucker, ist in den oberen Stockwerken nicht bloss eine Spur breiter als an der Basis, sondern gleich doppelt so breit.

Das vielleicht spektakulärste Beispiel aber befindet sich derzeit noch im Bau: der luxuriöse schwarze Wohnturm auf dem historischen Löwenbräu-Areal, auch er ein Entwurf der omnipräsenten Gigon/Guyer, diesmal zusammen mit dem Atelier WW. Ein guter Teil der oberen zwölf Stockwerke hängt hier einfach in der Luft, und dies nicht einmal symmetrisch ausgewogen, sondern einseitig zur Strasse hin. Dieser Gebäudeteil ist 2300 Tonnen schwer, was etwa neun Zürichsee-Dampfschiffen oder fast sechzig grossen Lastwagen entspricht.

Zurzeit, so der Eindruck, kippt das Gebäude nur deshalb nicht um, weil es sozusagen an Krücken geht: Bis die Bauarbeiten abgeschlossen sind, liegt der auskragende Teil auf vier gewaltigen Stahlträgern auf. Erst im Frühjahr kommen sie weg. Bei den SBB wie auf dem Löwenbräu-Areal kamen die Architekten aus drei Gründen auf die ungewöhnliche Form, wie auf Anfrage zu erfahren ist: weil sie unten auf einen denkmalgeschützten Altbau Rücksicht nehmen mussten, weil sie mehr Gebäudefläche bekommen wollten und nicht zuletzt auch aus ästhetischen Überlegungen. Immerhin können die Bauherren des schwarzen Wohnturms diesen jetzt als «herausragendes Wahrzeichen» von «kühner Form» vermarkten.

Andererseits mussten sie auch in Rechnung stellen, dass solche Bauten besondere Tücken haben, was die Statik angeht. Tücken, die zur Geltung kommen, wenn ein Sturmwind auf die Fassade drückt. Oder wenn die Erde stark bebt, wie es auch in Zürich vorkommen kann. Dass dies nicht unproblematisch ist, suggeriert eine Karikatur, die die Titelseite einer Broschüre des Bundes über erdbebensicheres Bauen in der Schweiz ziert: Sie zeigt einen stolzen Architekten neben einem Entwurf für ein Gebäude, das den Zürcher Neubauten verblüffend ähnlich sieht. «Nein, so nicht!», steht darunter.

Ganz so absolut sieht es der Verfasser des Papiers allerdings nicht. Der emeritierte ETH-Professor Hugo Bachmann, heute tätig bei der Stiftung für Baudynamik und Erdbebeningenieurwesen, ist vielmehr der Ansicht, dass solche Auskragungen in der Regel keine wesentlichen Nachteile mit sich bringen, solange ein erfahrener Erdbebeningenieur mit entsprechenden Zusatzausbildungen die Sache durchgerechnet habe. Es gebe allerdings auch hier Grenzen. Wenn der auskragende Teil zum Beispiel mehr als einen Viertel des Grundrisses ausmache, könne der notwendige bautechnische Zusatzaufwand stark zunehmen – «bis hin zum gar nicht mehr Sinnvollen». Beim SBB-Gebäude beträgt dieser Wert sogar die Hälfte, und beim Löwenbräu-Turm liegt er mit etwa einem Drittel ebenfalls höher.

Die SBB haben für ihren Pilzbau 20 Millionen Franken bezahlt; die andere Bauherrin, die Immobiliengesellschaft PSP, gibt keine Zahlen bekannt. Beide können oder wollen den Zusatzaufwand nicht in Franken beziffern, der für die besondere Konstruktion nötig war. Laut dem Ingenieurbüro, das für den Löwenbräu-Turm zuständig ist, macht dort die Tragstruktur aber etwa einen Drittel der Gesamtkosten aus.

Gelöst haben die Architekten und Ingenieure das Problem hier wie dort auf ähnliche Weise, und hier wie dort sind sie überzeugt, dass ihr Gebäude auch grossen Erschütterungen standhalten würde. Die Böden der überhängenden Räume tragen sich nicht etwa selbst, wie man es von einem Balkon kennt; stattdessen sind sie aufgehängt an einem gewaltigen Bügel sozusagen, der zuoberst auf dem Gebäude liegt.

Beim Löwenbräu-Turm besteht dieser aus einem Gerippe von vier Längs- und zwei Querträgern aus Stahlbeton, je 3 Meter hoch und einen halben Meter dick. «Die sind vergleichbar mit Trägern, wie man sie sonst im Brückenbau braucht», sagt der verantwortliche Bauingenieur Roland Zeller. In diesen Trägern verankert sind mit Stahlkabeln versehene Betonstützen, die die Geschosse tragen. Trotz der enormen Kräfte, die auf das Gebäude wirken, ist seine Lebensdauer laut Zeller nicht geringer, als sie es bei konventioneller Bauweise wäre: etwa 100 Jahre. Danach müsse man den Turm wieder instand stellen. Apropos: Die ägyptischen Pyramiden stehen schon seit 4500 Jahren – ohne Instandstellung, wohlgemerkt.