Kunstszene
«Station 21» - wo Nachwuchskünstler sich entfalten können

Die steigenden Mieten in Zürich könnten zu einer Verdrängung von Kunstschaffenden führen. Die «Station 21» ist ein Beispiel, wie dem entgegengetreten wird.

Flurina Dünki
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Im Rahmen der Ausstellung «How to be yourself» werden auch die Fensterflächen der «Station 21» zur Kunstunterlage. ZVG/Anke Hoffmann

Im Rahmen der Ausstellung «How to be yourself» werden auch die Fensterflächen der «Station 21» zur Kunstunterlage. ZVG/Anke Hoffmann

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Schlendert man im Dreieck von Weststrasse und Zweierstrasse in Zürich Wiedikon den Häuserzeilen entlang, so stechen einem die eingepackten Hausfassaden ins Auge, die seit der Beruhigung der früheren Autobahn-Verbindungsachse Weststrasse, symbolisch für die Aufwertung des Quartiers stehen. Einige der Fassaden präsentieren sich schon im neuen Kleid und sehen aus wie aus dem Ei gepellt.

An einer dieser Häuserecken steht in schlichten Lettern «Station 21» auf einem breiten Fenster. Es ist keines dieser neu eröffneten Lokale, die auf die Geldbeutel der neuen, wohlhabenderen Mieterschaft der Gegend warten. Die «Station 21» ist ein Kunstraum, der, von einem Verein geführt, jungen Kunstschaffenden eine Plattform bietet, ihre Werke und Visionen an ein grösseres Publikum heranzuführen.

Oft sind es Künstler der Off-Kunst-Szene, die dem kulturellen Anstrich einer Stadt das besondere Etwas geben und der Stadt als positiver Faktor des Standortmarketings dienen. Zürich will ein solcher kulturell lebendiger Ort sein. Es will nicht nur als Finanzplatz, sondern auch als kulturelles und kreativwirtschaftliches Innovationszentrum wahrgenommen werden.

Raum für Kreative wird knapp

Die seit einigen Jahren stattfindende Gentrifizierung, also die Aufwertung von einst ärmeren oder industriell geprägten Quartieren, könnte der Stadt Zürich längerfristig einen Strich durch die Rechnung machen. Denn die Subkulturen und autonomen Zonen, aus denen neue kreative Tendenzen hervorgehen, brauchen bezahlbare Räume.

Christina Tschopp, Präsidentin des Vereins, der die «Station 21» organisiert, schrieb ihre Masterarbeit in Arts Management über die Fördermassnahmen der Stadt Zürich hinsichtlich der Raumknappheit von Kreativschaffenden. Tschopp kam zum ernüchternden Fazit, dass sich Kreative trotz Eingriffen der öffentlichen Hand von der Verdrängung bedroht sehen.

Christina Tschopp.

Christina Tschopp.

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Statt Trübsal zu blasen, handelte sie. Als der Verein, der die «Station 21» bis Ende 2012 unterhalten hatte, sich auflöste, gründete sie ihren eigenen, um dem Kunstraum ein Fortleben zu ermöglichen. Mehrere in der Szene verankerte Kuratoren stiegen mit der Zeit in das Projekt ein und ermöglichen Ausstellungen mit verheissungsvollen Künstlern.

Nicht am Marktinteresse orientiert sich die «Station 21», sondern am Zeitgeist, an Kontroversen, an Kunst, die herausfordert und hinterfragt. So ging mit «women at work» kürzlich eine Ausstellung zu Ende, deren Künstlerinnen sich mit der Konstruktion von Identität und sozialer Stellung der Frau durch Arbeit auseinandersetzten.

Mit Kunst experimentieren

Ab Ende Juli werden zwei Künstlerinnen im Rahmen eines Sommerateliers gemeinsame Arbeiten entwickeln, die im Herbst Inhalt der nächsten Ausstellung sind. Experimentierfreude ist willkommen, sollen sich doch junge Künstler in der «Station 21» weiterentwickeln können.

«Anders als kommerzielle Galerien stehen wir nicht unter dem Druck, Arbeiten von Künstlern verkaufen zu müssen. Das gibt der ‹Station 21› Freiheit zu Innovativem», sagt Kuratorin Anke Hoffmann, verantwortlich für die kulturelle Gestaltung des gemeinnützigen Kunstraums. Die Kulturwissenschaftlerin engagiert sich wie die anderen Vereinsmitglieder freiwillig, aber gleichzeitig sehr enthusiastisch für den Non-Profit-Kunstraum.

Anke Hoffmann.

Anke Hoffmann.

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Für diese Freiheit muss harte Knochenarbeit ins Fundraising investiert werden. Durch die Kunstkonzepte der «Station 21» konnten bereits Stadt und Kanton Zürich und das Migros-Kulturprozent als Partner überzeugt werden. Daneben jedoch gilt es für Christina Tschopp, monatlich die restlichen Gelder reinzuholen. Neben den Berufsalltag und zehnmonatigen Zwillingen kein Zuckerschlecken, aber eine Mühe, die sich auszahlt. Denn so hat auch das gentrifizierte Wiedikon noch eine lebendige Off-Kunstszene.