Zürich
Start-up-Jungunternehmen fordern Änderungen - Ernst Stocker stellt sich der Kritik

Der Kanton Zürich hat bessere Steuerbedingungen für Start-ups eingeführt. Doch die Jungunternehmer sind nicht zufrieden und fordern mehr.

Katrin Oller und Florian Niedermann
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Für Start-ups ist die Vermögenssteuer in den ersten Jahren eine grosse Belastung.

Für Start-ups ist die Vermögenssteuer in den ersten Jahren eine grosse Belastung.

Keystone

Der Kanton Zürich ist ein attraktives Pflaster für Jungunternehmen. Laut dem Internetportal startup.ch wurden seit 2001 35 Prozent aller Schweizer Start-ups in Zürich gegründet. Heute zählt das kantonale Steueramt 457 Jungunternehmen. «Mir ist es ein Anliegen, dass diese hierbleiben», betonte Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP) gestern an einem Mediengespräch.
Eingeladen hatten Stocker und das Steueramt, um ihre neue Steuerpraxis für Start-ups zu verteidigen. Seit dem 1. März müssen Jungunternehmer in den ersten drei Jahren weniger Vermögenssteuern bezahlen. Weil Start-ups in der ersten Zeit hohe Investitionen in die Entwicklung tätigen, sind sie auf viel Fremdkapital angewiesen. Zugleich machen sie keinen Gewinn. Deshalb werden die Geldspritzen Dritter nicht einberechnet in die Vermögenssteuer. Nach dieser Schonfrist zählen die Investitionen stufenweise stärker, bis die Vermögenssteuer nach sechs Jahren den Normalzustand erreicht hat.

Parlamentarier verlangen fairere Besteuerung

Die Kritik der Jungunternehmer an der neuen Besteuerungspraxis des Kantons beschäftigt auch den Zürcher Kantonsrat. Die FDP, SVP und CVP kündigten gestern an, an der Sitzung vom kommenden Montag ein dringliches Postulat einzureichen. Darin fordern sie unter anderem, dass Finanzierungsrunden bei neu gegründeten Unternehmen bei der Berechnung der Vermögenssteuer nicht mehr berücksichtigt werden. Die neue Bemessungspraxis sei inhaltlich falsch und könne zu exorbitanten zusätzlichen Kosten für Start-ups führen, heisst es im dringlichen Postulat. Für den Fall, dass die schweizerische Steuerkonferenz nicht innert nützlicher Frist auf das Thema eingehe, müsse eine Änderung des kantonalen Gesetzes geprüft werden. Nicht nur die FDP, SVP und CVP setzen sich im Kantonsrat derzeit für die Jungunternehmer ein: Auch GLP-Kantonsrätin Judith Bellaiche (Kilchberg) hat eine Motion zum Thema eingereicht. Und mit Nationalrätin Jacqueline Badran (SP, Zürich) setzt sich auf Bundesebene auch eine Linke mit einer parlamentarischen Initiative für eine fairere Besteuerung von Jungunternehmen ein. (fni)

Aktienpreis als Indikator

Nötig wurde die Anpassung, weil seit der Einführung der Unternehmenssteuerreform II für das Steueramt Finanzierungsrunden besser sichtbar wurden. Wenn ein Investor in einer Finanzierungsrunde einem Unternehmen Aktien abkauft, gibt der Preis einen Hinweis auf den Verkehrswert, also den Wert des Unternehmens auf dem Markt. Seither nimmt das Steueramt die Finanzierungsrunden als Indikator für die Berechnung der Vermögenssteuer.

Dies ist für die Start-ups der Knackpunkt. Drei Jahre Schonfrist reichten nicht. Am liebsten wäre es der Branche, wenn die Finanzierungsrunden gar nicht als Indikator verwendet würden, sondern Substanz- und Ertragswert – entsprechend der sogenannten Praktikermethode.
Stefan Steiner vom Start-up-Förderverein Venturelab, der ebenfalls am Mediengespräch zugegen war, sagte: «Gründer können ihre Aktien vor dem Verkauf der Firma aufgrund der vertraglichen Vereinbarungen mit den Investoren meist nicht verkaufen. Sie bezahlen also Steuern, die auf virtuellen Werten beruhen.» Dies könne dazu führen, dass Gründer wegen der hohen Vermögenssteuer in existenzielle Krisen rutschten. Bei Investitionen im zweistelligen Millionenbereich resultierten rasch mehrere hunderttausend Franken Steuern bei einem tieferen Einkommen, rechnet Urs Haeusler, Präsident der Swiss Start-up Association, vor. «Würde das Zürcher Modell schweizweit Schule machen, würden gerade die erfolgreichen Start-ups ins Ausland vertrieben.» Alternativ könnte sich Haeusler vorstellen, dass der Verkehrswert erst relevant wird für die Vermögenssteuer, wenn ein Ertrag erwirtschaftet oder wenn das Unternehmen verkauft wird, aber bei 80 Prozent der Start-ups komme es gar nie so weit.

Auf die Finanzierungsrunden als Indikator könne man nicht verzichten, sagte Marina Züger, Leiterin des Steueramts. Schliesslich hätten nicht nur Start-ups Vermögen, die keinen Ertrag abwerfen. «Würden wir uns an den Erträgen orientieren, könnten wir die Hälfte der Vermögenssteuer nicht erheben», sagte Züger. Es gebe jedoch einen Spielraum, in welchem Mass Verkehrswert und Substanzwert berücksichtigt werden.

«Rebellion der Start-ups»

Generell geht der Kanton von kleineren Zahlen aus als Urs Haeusler. Das Steueramt orientiert sich an den sechs Einsprachen, die in den letzten zwei Jahren von Start-ups zur Vermögenssteuer eingingen: Die höchste Vermögenssteuer betrug dabei 14 500 Franken bei einem Steuerwert von 3,4 Millionen.

Der Finanzdirektor will sich dafür einsetzen, dass Start-ups im Kanton Zürich mindestens gleich gute steuerliche Bedingungen haben wie anderswo in der Schweiz. Bereits heute unterscheide sich die Zürcher Praxis kaum von anderen Kantonen. Stefan Steiner zweifelt jedoch an der Richtigkeit dieser Aussage: Venturelab arbeite mit 1500 Jungunternehmen in der ganzen Schweiz zusammen. Bis jetzt habe sich ausserhalb des Kantons Zürich noch niemand darüber beschwert, dass Finanzierungsrunden zur Berechnung der Vermögenssteuer beigezogen wurden. Er sprach von einer «Rebellion der Zürcher Start-ups».

Man habe eine adäquate Lösung gesucht für viele, sagte Stocker, diese könne nicht für alle adäquat sein. Die grosse Herausforderung sei die Gleichbehandlung aller Steuerpflichtigen, denen er als Finanzdirektor verpflichtet sei. Er sei jedoch bereit, die Problematik zu beobachten und bei neuen Erkenntnissen die Praxis im Rahmen der Möglichkeiten zu ändern.
Das Steueramt biete Einzelfallbetrachtungen an etwa für sehr erfolgreiche Start-ups, sagte Marina Züger. Zudem richtet das Steueramt eine neue Anlaufstelle für Steuerfragen von Jungunternehmern ein.

Mathias Haussmann: «Ich wurde über Nacht zum Papier-Millionär»

Herr Haussmann, seit vier Jahren zahlen Start-up-Gründer Vermögenssteuern, die auf dem Wert der Aktien beruhen. So steigen die Steuern mit jeder Geldspritze von Investoren an. Im März änderte der Kanton nun diese Praxis für die ersten Jahre nach der Gründung der Firmen. Wie zufrieden sind Sie damit?

Mathias Haussmann: Gar nicht. Für mich steht fest: Wenn die nächste Finanzierungsrunde unserer Investoren ansteht, und der Kanton an dieser Praxis festhält, verlegen wir unseren Firmensitz ins Ausland.

Sie drücken sich vor den Steuern?

Die Uepaa AG zahlt Steuern wie jede Firma auch, und ich wie jeder andere Steuerzahler. Doch nach der nächsten Finanzierungsrunde werde ich wohl rund 150 000 Franken Vermögenssteuern berappen müssen, obwohl wir noch weit davon entfernt sind, Gewinne zu erwirtschaften. Daran ändert auch die neue Besteuerung in den ersten Jahren nach der Gründung nichts.

Warum?

Wir sind bereits im fünften Geschäftsjahr. Somit werden die Investorengelder bereits zu einem grossen Teil berücksichtigt. Mit der nächsten Geldspritze steigt der Wert der Uepaa-Aktien so stark, dass aus Sicht des Steueramts auch mein Vermögen ins Uferlose wächst. Eine solche Steuerrechnung könnte ich schlichtweg nicht stemmen.

Sie könnten einen Teil Ihrer Aktien abstossen.

Nein, ich kann meine Aktien gemäss dem Vertrag mit den Investoren erst beim Verkauf der Firma veräussern. Ihren Gegenwert kann ich vorher also nie realisieren.

Was wäre für Sie ein gangbarer Weg bei der Besteuerung?

Die Rückkehr zur sogenannten Praktikermethode. Früher wurden Firmen mit nicht handelbaren Aktien wie normale KMU aufgrund ihres Substanz- und Ertragswerts bewertet. Das änderte sich vor vier Jahren, kurz nach der Gründung von Uepaa als ETH-Spin-off. Wegen der neuen Besteuerungspraxis im Kanton wurde ich damals über Nacht zu einem Papier-Millionär. Die im März vom Regierungsrat festgelegten Schonfristen sind also eigentlich nur eine Korrektur der Verschlechterung von 2012.