Verkehrsmittel
Stadtzürcher lieben den öffentlichen Verkehr: «Wir erleben eine Revolution»

Die Stadt Zürich kommt dem vom Volk verlangten Ziel einer deutlichen Reduktion des Autoanteils näher.

Matthias Scharrer
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In Zürich ist der öffentliche Verkehr Trumpf. Ich bin auch ein Schiff: Werbung für den die VBZ.

In Zürich ist der öffentliche Verkehr Trumpf. Ich bin auch ein Schiff: Werbung für den die VBZ.

zvg

Auto und Töff sind nur noch für einen Viertel der Stadtzürcher Bevölkerung das Hauptverkehrsmittel. Das belegen die neusten, nun für die Stadt Zürich ausgewerteten Zahlen aus dem alle fünf Jahr vom Bund erhobenen Mikrozensus Verkehr. Demnach sank der Anteil des motorisierten Individualverkehrs (MIV) in Zürich 2015 auf 25 Prozent, jener der öffentlichen Verkehrsmittel (öV) hingegen stieg auf 41 Prozent.

Hauptsächlich aufs Velo griffen zuletzt 8 Prozent der in Zürich Befragten zurück. Damit hat sich der Anteil der Velofahrenden seit 2010 verdoppelt. Welchen Anteil E-Bikes daran haben, lässt sich nicht genau beziffern, da sie 2015 erstmals statistisch erfasst wurden, wie Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) gestern vor den Medien sagte. Aufgrund der Verkaufszahlen und der Unfallstatistik sei aber klar: «Der Anteil der E-Bikes nimmt markant zu.» Der Fussgängeranteil hingegen stagniert in Zürich seit der Jahrtausendwende bei gut einem Viertel.

Quelle: Stadt Zürich/ Foto: Severin Bigler

Ganz exakt sind die Zahlen zwar nicht, da viele Leute im Alltag auf verschiedene Verkehrsmittel zurückgreifen, indem sie etwa mit dem Velo zum Bahnhof fahren und dann auf den Zug umsteigen. Doch der Trend ist eindeutig: Seit dem Jahr 2000, als der Mikrozensus erstmals mit der heutigen Methodik durchgeführt wurde, ist der MIV-Anteil in Zürich alle fünf Jahre um rund fünf Prozentpunkte gesunken. Parallel dazu stieg der öV-Anteil kontinuierlich an.
Damit ist Zürich bei der Umsetzung der Städteinitiative «auf Kurs», wie Leutenegger sagte. Die 2011 vom Stadtzürcher Stimmvolk knapp angenommene Initiative verlangt, dass der MIV-Anteil innert zehn Jahren um zehn Prozentpunkte von 30 auf 20 Prozent sinkt.

In der Abstimmungszeitung hatte der Stadtrat dieses Ziel damals noch als unrealistisch bezeichnet. Nun hält Leutenegger fest: «Wir haben den ersten Teil erreicht.» Und fügt an: «Ich gehe davon aus, dass wir im öV und Veloverkehr noch eine Steigerung erleben.» So werde sich die Eröffnung der Durchmesserlinie und die damit verbundene Erweiterung des S-Bahn-Angebots aus dem Jahr 2015 erst im Mikrozensus 2020 voll niederschlagen, ebenso die neue Tramverbindung über die Hardbrücke und die erste Etappe der Limmattalbahn. Das Umsteigen aufs Velo fördern dürften die geplanten neuen Veloparkplätze beim Hauptbahnhof und beim Bahnhof Stadelhofen sowie die Veloroute um das Seebecken.

Verkehrsforschung: Wirken Signale?

Die Einführung von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen treibt der Zürcher Stadtrat derzeit in acht Quartierzentren voran. Wie sich die Art der Signalisation auf solchen Strassen auswirkt, soll nun ein Forschungsprojekt der Schweizerischen Vereinigung von Verkehrsingenieuren und -experten aufzeigen.

Als Fallbeispiel aus Zürich dient dabei die Asylstrasse im Bereich Römerhof, wie die Stadt Zürich gestern mitteilte. Dort soll getestet werden, ob Tempo 30 auch ohne bauliche Massnahmen eingehalten wird. (mts)

Allerdings sei dabei immer auch mit Verzögerungen zu rechnen. So gebe es gegen die Veloroute Seebecken zahlreiche Einwendungen, die zu Rekursen werden könnten. Auch die Einführung von Publibike, einem System zur Selbstausleihe von Velos, verzögert sich in Zürich rekursbedingt.

Trotz solcher Rückschläge sagt Markus Knauss, Co-Geschäftsführer des VCS Zürich und Gemeinderat der Grünen: «Wir erleben eine Revolution im Verkehr.» Er spricht den Umstand an, dass der MIV-Anteil in Zürich seit dem Jahr 2000 von 40 auf 25 Prozent gesunken ist. Damit die Rede von der Revolution nicht zu euphorisch klingt, fügt Knauss an: «Man muss noch viel mehr machen.» Zentrale Bedeutung misst er dem Veloverkehr zu: «Wir brauchen breitere Velowege und ein flächendeckendes Velowegnetz.» Für den öV und den MIV gebe es bereits ein funktionierendes Netz. «Für Velos haben wir nur Bruchstücke», so Knauss.

Hier gehts zum Kommentar des Redaktors

Versprechen nicht eingehalten

Silas Hobi, Geschäftsleiter des Vereins Umverkehr, der die Städteinitiative lanciert hatte, doppelt nach: Der Stadtrat habe sein im Masterplan Velo 2012 gemachtes Versprechen, bis Ende 2016 Haupt- und Komfortrouten für Velos entlang der Sihl und Limmat sowie ums Seebecken zu realisieren, nicht eingehalten. Auch scheue er davor zurück, die vom Bund bis März 2018 verlangten Lärmschutzmassnahmen konsequent umzusetzen. So seien in Zürich 140 000 Menschen von der verkehrsbedingten Überschreitung von Lärmgrenzwerten betroffen. Umverkehr fordert mit einer Petition die konsequente Einführung von Tempo 30 auf Strassenabschnitten, an denen die Lärmgrenzwerte überschritten werden.

Obwohl noch viel zu tun sei, gibt sich Hobi erfreut über die Zwischenbilanz zur Umsetzung der Städteinitiative: «Es zeigt sich, dass wir realistische Forderungen gestellt haben, die den Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechen.» Nun gelte es, den MIV auch in absoluten Zahlen zu senken. Was angesichts des anhaltenden Bevölkerungswachstums kein leichtes Unterfangen sein dürfte.