Zürich
Stadtzürcher FDP gibt auch als Verliererin eine schlechte Figur ab

Der Stadtzürcher Freisinn leckt nach der Pleite bei der Stadtsrats-Wahlen Wunden. Auch als Verliererin gibt die Partei dabei eine schlechte Figur ab. Statt eigene Fehler etwa bei der Kandidatenkür einzugestehen, fährt. sie dem Wahlvolk an den Karren.

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Marco Camin: Als FDP-Grossrat abgewählt, als Stadtrat gar nicht erst gewählt.

Marco Camin: Als FDP-Grossrat abgewählt, als Stadtrat gar nicht erst gewählt.

Keystone

«Bei allem Ärger und aller Enttäuschung: es war ein knappes Ergebnis mit nur knapp 700 Stimmen Unterschied», relativiert der Präsident der FDP des Kantons Zürich, Beat Walti. Die Zeit nach Wahlen sei halt immer auch die Zeit der Besserwisser. «Das Modell der Konkordanz, nach dem alle Teile der städtischen Bevölkerung angemessen in der Regierung vertreten sein sollten, hat ausgedient», zieht Walti ein ernüchterndes Fazit. «In Richtung Mutterpartei ist das kurzfristig sicher kein hilfreiches Signal.» Bessere Zeiten Wirtschaftsliberale Aushängeschilder goldener, vergangener Tage wie Spoerry erinnern sich an Zeiten, an denen der FDP nicht wie heute ein Verlierer-Image anhaftete. Als sie 1983 ins nationale Parlament gewählt wurde, hatten noch neun der 34 Zürcher Nationalräte ein liberales Parteibuch. Heute sind es noch deren vier. «Die Zürcher FDP hat ganz schön Haare lassen müssen», bedauert sie die Negativ-Entwicklung.

Die FDP-Vertreter sind sich einig: eine sorgfältige Analyse der Niederlage tut Not. Eine mögliche Ursache sieht Vreny Spoerry, von der Politbühne abgetretene Grande Dame des Zürcher Freisinns, in der fehlenden Mobilisierung der bürgerlichen Wähler. Die tiefe Stimmbeteiligung beschäftigt auch die ehemalige freisinnie National- und Ständerätin Trix Heberlein. Eine Stimmbeteiligung von 28,3 Prozent findet sie «bedenklich». «Die Bevölkerung in der Stadt Zürich hat sich sehr verändert», stellt Heberlein überdies fest. Wer heute in der Stadt wohnt, sei nicht unbedingt klassischer FDP-Sympathisant.

Auf den Falschen gesetzt

Auch die Begeisterung bei potentiellen Kandidaten wird offenbar nicht grösser. «Exekutivämter werden immer unattraktiver», beobachtet Heberlein. Wer im Berufsleben in einer guten Position steht, überlegt sich gut, ob er sich der ständigen Kritik und Vorverurteilungen in klassischen und neuen Medien aussetzen will, glaubt Heberlein. Sie setzt auf den Ausgleich durch das Parlament. Das Parlament soll verhindern, dass die linke Regierung zu viele Akzente in der Limmatstadt setzen kann.

Ganz andere Gründe für die «Riesen-Blamage» der Zürcher FDP macht PR-Berater Klaus J. Stöhlker aus. «Camin war der falsche Kandidat», ist er sich sicher. Wolff sei im Wahlkampf sehr viel lebendiger, präsenter und näher beim Volk aufgetreten. «Zwei Drittel der bürgerlichen Wähler haben da nicht mitgemacht und sich enthalten oder gar nicht erst gewählt», glaubt der Insider.

Viel lieber hätte Stöhlker die Präsidentin der FDP-Frauen Schweiz, Carmen Walker-Späh, als Kandidatin gesehen. Ihn erinnert die parteiinterne Ausmarchung an die Wahl von Bundesrat Johann Schneider- Ammann, der sich gegen Karin Keller-Sutter durchsetzte. Identisches Muster: eine eigentlich beliebtere Frau verliert gegen einen Mann.

Weckruf für die Bürgerlichen

Beim Freisinn ist man bemüht, den Blick nach vorne zu richten. «Das muss ein Weckruf für die Bürgerlichen sein, mehr zusammenzustehen und gemeinsam an einem Strick zu ziehen», fordert Spoerry. «Es ist fraglich, ob Richard Wolff in dieser knappen Zeit bis zu den nächsten Wahlen viel erreichen kann», fügt Heberlein relativierend hinzu. Die nächsten Wahlen stehen quasi vor der Tür. Bei den Gesamterneuerungswahlen des Stadtrates vom Februar 2014 will die FDP mit zwei Kandidaten antreten. Ob der unterlegene Marco Camin wieder antreten wird, lässt er im Moment noch offen. Der Wahlkampf - auch für die FDP - ist eröffnet.