"Ich möchte, dass ihr wisst, wie es sich anfühlt, mit den Kleidern ins Wasser zu fallen", sagt Peter Skolik, Schwimmlehrer an der Schule am Uetliberg, an diesem Morgen zu seinen Viertklässlern. Falls sie je einmal in den See oder einen Fluss fallen, sollen sie in Zukunft wissen, dass sie auch schon mit Kleidern geschwommen sind.

Skolik rät den Kindern, im Ernstfall nicht zu versuchen, im Wasser die Kleider auszuziehen, sondern sofort an Land zu schwimmen. "Wenn ihr erschöpft seid, legt euch einfach auf den Rücken."

Ertrinken ist in der Schweiz immer noch die zweithäufigste nicht natürliche Todesursache bei Kindern. "Wir wollen, dass jedes Kind in der Stadt Zürich nach der 4. Klasse schwimmen kann", sagt Urs Kessler, Leiter Schwimmsport beim Sportamt der Stadt Zürich.

Und mit "schwimmen kann" meine er nicht, sich über Wasser zu halten mit einer Art "Hundeschwumm", sondern das Beherrschen aller drei Hauptschwimmstile Kraul, Rückenkraul und Brustschwimmen. "Zürich ist eine Bäderstadt mit einem See und Flüssen. Ein Zehnjähriger muss sich selber retten können, wenn er irgendwo ins Wasser fällt."

Weit über Lehrplan-Vorgaben hinaus

Die Stadt Zürich ist denn auch sehr engagiert was den Schwimmunterricht betrifft. Von der 1. bis zur 4. Klasse ist eine Stunde pro Woche obligatorisch und ein fester Bestandteil des Stundenplans. Das Sportamt hat dazu mit dem Schwimmheft ein eigenes Ausbildungsprogramm entwickelt - mit ausformulierten Zielen, wie das im Lehrplan 21 in allen Fächern vorgesehen ist.

Mit vier Jahren Schulschwimmen geht Zürich deutlich über die Vorgaben des kantonalen Lehrplans hinaus. Dieser schreibt von der 1. Klasse bis zum Ende der Oberstufe 76 Lektionen Schwimmunterricht vor. Findet die Stunde regelmässig statt, hat eine Stadtzürcher Schulkind dieses Ziel bereits nach der 2. Klasse erreicht.

Die Viertklässler an der Schule am Uetliberg bewegen sich denn auch trotz der Kleider am Körper wie Fische im Wasser. Bei den Erstklässlern gebe es aber immer einige, die noch nie eine Badehose trugen, sagt Schwimmlehrer Skolik. "Die ersten drei Monate sind brutal anstrengend." Die Unterschiede seien riesig.

"Jedes Kind soll die Chance erhalten, schwimmen zu lernen", sagt Urs Kessler vom Sportamt. In gewissen Schulkreisen hätten viele Eltern weder die Zeit noch das Geld, die Kinder in Kurse zu schicken oder ihnen das Schwimmen beizubringen. "Viele Eltern können selber gar nicht schwimmen."

Zürich setzt auf Schwimminstruktoren

Voraussetzung für einen Schwimmunterricht, wie Zürich ihn bietet, ist aber auch eine gute Infrastruktur. Die Stadt unterhält neben den sieben Hallenbädern 17 Schulschwimmanlagen. Im kommenden Schuljahr werden 621 Klassen unterrichtet, Tendenz steigend. 29 Schwimmlehrerinnen und Schwimmlehrer sind dafür angestellt.

Hier geht der ganze Kanton einen Schritt weiter: Gemäss Björn Blaser von swimsports.ch unterrichten ausschliesslich ausgebildete Schwimminstruktoren. "Zürich ist visionär in diesem Bereich", sagt Blaser. Als einziger Kanton anerkenne Zürich den Schwimminstruktor, die höchste mögliche Ausbildung in diesem Bereich, als Fachlehrer.

Das intensive Programm hat aber auch seinen Preis: Rund 8 Millionen Franken lässt sich die Stadt Zürich ihren Schwimmunterricht kosten. "Wir kämpfen immer wieder für dieses Geld und müssen uns rechtfertigen", sagt Urs Kessler vom Sportamt. Mit dem Schwimmheft habe man für diese Diskussionen etwas in der Hand.

Eine Reduktion der Schwimmstunden als Sparübung würde gemäss Kessler gar nichts bringen. Weil der Bund drei Lektionen Sport pro Woche vorschreibt, müssten die Kinder statt ins Schwimmen ins Turnen. Und dafür hat es in der Stadt zu wenig Turnhallen. "Die Schwimmlektion ist sehr beliebt", sagt denn auch Schwimmlehrer Skolik.

Neben dem Schwimmen in Kleidern gehören auch das Rettungsschwimmen und die Baderegeln zum Unterrichtsstoff. Bestehen die Kinder in der 4. Klasse den so genannten Wasser-Sicherheits-Check (WSC), erhalten sie zudem einen Ausweis. Zehnjährige dürfen in der Stadt Zürich denn auch bereits alleine ins Frei- oder Hallenbad.

Die 22 Viertklässler der Schule am Uetliberg haben am Ende der Stunde alle den Test bestanden: Mit Kleidern sind sie 25 Meter geschwommen - und haben ihren Spass gehabt. "Die Kinder gewinnen so auch Selbstvertrauen, nicht nur fürs Schwimmen, sondern fürs ganze Leben", sagt Urs Kessler.