Zürich
Stadtrat fällt Entscheidung: Der Pfauensaal soll doch weg

Der Zürcher Stadtrat hat verschiedene Varianten für die Modernisierung des Schauspielhauses ausarbeiten lassen – und will den historischen Pfauensaal von 1926 immer noch opfern. Das sorgt für Ärger.

Michel Wenzler
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Ein historisches Prunkstück soll verschwinden: der Zuschauersaal im Schauspielhaus.

Ein historisches Prunkstück soll verschwinden: der Zuschauersaal im Schauspielhaus.

zvg

Mit seiner Idee stiess der Zürcher Stadtrat vor zwei Jahren auf ähnlich viel Resonanz wie ein gewagtes Theaterstück in einem rappelvollen Saal. Allerdings erntete er Buhrufe statt Applaus für sein Vorhaben, bei der Modernisierung des Schauspielhauses Pfauen den historischen Saal von 1926 abzureisen. Der Heimatschutz sowie die SVP und die AL waren empört.

Gestützt auf eine Motion der beiden Parteien entschied der Gemeinderat schliesslich, den Stadtrat zu einer breiteren Auslegeordnung zu zwingen: Die Exekutive sollte Varianten zum Abriss des Saals aufzeigen. Dies hat sie nun getan – und an einer Medienkonferenz am Mittwoch noch einmal beteuert, wie wichtig der Umbau der renommierten Zürcher Institution sei.

Dass etwas getan werden muss, ist weitgehend unbestritten. Das zeigt auch ein Rundgang im Schauspielhaus. Das Foyer beispielsweise dient gleichzeitig als Fluchtweg, weshalb es nicht richtig genutzt werden kann. Dort ein Bankett aufstellen, während im Saal noch die Vorführung läuft? – Besser nicht.

Seitenplätze haben keinen Überblick über die ganze Bühne

Im Saal selbst hat nicht jeder im Publikum gleich viel Genuss: Wer in der vordersten Reihe sitzt, sieht direkt auf die Schuhe der Schauspieler. Ganz hinten schneidet einem der Balkon die Sicht ab. Und auf den Plätzen auf der Seite müsste man um die Ecke des neun Meter breiten und sechs Meter hohen Schmuckportals schauen können, um die ganze Bühne zu überblicken.

An die Arbeitsbedingungen der 300 Angestellten des Schauspielhauses mag man gar nicht erst denken. Die Verhältnisse hinter der Bühne sind beengend. Im Bühnenvorraum, wo die Schauspieler auf ihren Auftritt warten und weiteres Personal herumwuselt, stehen sich alle auf den Füssen. Für ein richtiges Orchester hat es keinen Platz, für die Techniker nur wenig.

Auch Rotationsflächen für Bühnenbilder sind Mangelware. Und Anlieferungen mit einem grossen Sattelschlepper sind in der kurzen Einfahrtsgasse fast nicht möglich, ohne dass der Verkehr auf der Hottingerstrasse zum Erliegen kommt. Was also tun? Die vier Szenarien, die der Stadtrat ausarbeiten liess, sehen unterschiedlich einschneidende Massnahmen vor:

Minimale Eingriffe

Der Zuschauersaal und die Bühne bleiben bei dieser Sanierungsvariante unverändert. Sie werden aber modernisiert, unter anderem neu bestuhlt. Die Anlieferung für Sattelschlepper wird, wie in den übrigen Varianten auch, verbessert. Die Originalsubstanz bleibt erhalten, es gibt aber nur wenige betriebliche Verbesserungen. Die Kosten: 122 Millionen Franken.

Wenig Eingriffe

Bei dieser Variante wird zusätzlich die Bühne abgesenkt, damit die Zuschauer eine bessere Sicht haben. Auch die Akustik wird damit etwas verbessert. Kosten: 126 Millionen. Für den Stadtrat ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis aber ungünstig.

Starke Eingriffe

Die Bühne sowie das Parkett der Sitzreihen werden abgesenkt, die Pfeiler im Saal beseitigt und das Bühnenportal wird verbreitert. Es kommt also zu massiven Eingriffen, die denkmalpflegerisch wohl problematisch wären. Kosten: 132 Millionen.

Umfassende Erneuerung

Die Hofüberbauung, in der sich Bühne und Zuschauersaal befinden, wird durch einen Neubau ersetzt. Der Saal wird abgerissen und eine Etage höher gelegt, dafür hat es darunter Platz für ein grosses Foyer und für Technikräume. Möglich werden dadurch auch eine zweite Seitenbühne sowie eine Hinterbühne, es gibt also mehr Rotationsfläche. Auch Sicht und Akustik werden besser. Kosten: 115 Millionen. Verbunden mit dieser Variante sind allerdings mögliche Rekurse gegen den Abriss des Saals.

Der Stadtrat und die Verantwortlichen des Schauspielhauses sprechen sich für die letzte Variante aus. Nur sie könne den künstlerischen und betrieblichen Erfolg des Pfauen langfristig ermöglichen. Stadtpräsidentin Corine Mauch und Hochbauvorsteher André Odermatt (beide SP) sagten am Mittwoch, sie seien sich des wichtigen Erbes des Schauspielhauses durchaus bewusst. «Der legendäre Saal mit seinem Rot-Gold ist ein besonderer Ort», sagte Mauch. Trotzdem ist sie der Ansicht, dass man nicht um den Abriss des Saals herum kommt.

Auch Schauspielhaus-Intendant Nicolas Stemann sagte: «Ich verstehe, dass man diesen Saal mag.» Er erzeuge eine schöne Atmosphäre. «Aber wir haben es hier mit einem Betrieb unter schwierigen Umständen zu tun.» Stemann fragte deshalb: «Ist Sentimentalität ein guter Ratgeber in dieser Frage oder versperrt sie nicht den Blick auf das Wesentliche?»

Der Stadtrat will dem Gemeinderat nun einen Projektierungskredit von 13,9 Millionen Franken beantragen. Ohne Nebengeräusche wird das Geschäft aber kaum durchkommen, wie schon die heutigen Reaktionen vermuten lassen (siehe Kasten). Und das letzte Wort wird dereinst die Stimmbevölkerung haben. Will heissen: Der Vorhang in diesem Stück mit mehreren Akten ist noch längst nicht gefallen.