Frau Seidler, sind Sie für das Hardturm-Stadion?

Christine Seidler: Ich bin grundsätzlich für das Stadion. Auch wenn mir die Architektur nicht gefällt und ich die Finanzierung problematisch finde.

Die Hardturmbrache lebt, sie ist zu einem Treffpunkt geworden. Mit dem Stadionprojekt soll nun alles weg.

Das ist hart. Aber man wusste von Anfang an, dass die Zwischennutzung auf Zeit ist.

Falls das Stadion kommt: Was wird bleiben?

Eine Zwischennutzung generiert Ausstrahlung und Identität. Sie verwebt das Alte mit dem Neuen. Nehmen Sie das Gebäude der alten Maschinenfabrik beim Bahnhof Oerlikon. Das hat man erhalten und für 3,8 Millionen Franken verschoben. Weshalb? Weil es das letzte bisschen Identität von Oerlikon und seiner Geschichte bewahrt und erzählt.

Wann gelingen Zwischennutzungen?

Immer dann, wenn sie von einer Idee geprägt sind, von einer gemeinsamen Sprache. Von der Vision, einen gemeinsamen Beitrag für die Gesellschaft und ein besseres Zusammenleben zu leisten. Dazu braucht es aber auch Regeln sowie Verträge, die Rechts- und Planungssicherheit garantieren.

Funktioniert das in Zürich gut?

Zwischennutzungen dauern in Zürich im Durchschnitt sieben Jahre. Probleme gibt es kaum. Jene mit den Besetzern des Koch-Areals sind Ausnahmen. Da haben Vereinzelte nicht begriffen, worum es geht. Was seitens der Stadt noch zuwenig gelingt, ist die Partizipation: Der Wille, die Anwohner in die Planung einzubeziehen.

Wieso geschieht das zu wenig?

Die Raumplanung ist noch stark von der Zeit nach dem Krieg geprägt. Als alles zerstört war, bestand beim Wiederaufbau ein grosser Bedarf nach Ordnung. Die Städte wurden designt. Heute kann man sie nicht mehr nach diesem Top-down-Prinzip bauen. Klar, die Rahmenbedingungen müssen vorgegeben werden. Aber wie man den Raum bespielt, muss von unten, von der Bevölkerung definiert werden. Was sonst passiert, sieht man beim Sihlcity, der Roten Fabrik oder beim Gerolds Garten.

Was ist dort falsch gelaufen?

Die klassische Gentrifizierung. Orte wurden anfangs von Anwohnern, Besetzern und Künstlern in Beschlag genommen. Es entstand eine Subkultur mit Clubs, Kunst und innovativen Projekten. Investoren merken das, weil sie wissen, dass diese Subkultur ihren Reiz hat, cool ist, dass sie Leute anzieht. Also bauen sie teure Wohnungen hin. Deren Bewohner stören sich dann am Lärm. Es gibt Klagen. Die Subkultur wird verdrängt, die Clubs verschwinden oder werden kommerzialisiert. Das Sihlcity ist heute ein Kommerztempel, die Rote Fabrik hat längst nicht mehr den Groove von damals und dem Gerolds Garten droht dasselbe ...

... genauso wie der Hardturmbrache. Was raten Sie den Benutzern?

Sie sollten mit den Investoren das Gespräch suchen und mit ihnen darüber diskutieren, wie ihre Ideen weiterbestehen könnten. Vielleicht gibt es auch neue Brachen. Wichtig ist, dass sie ihre Vision nicht aufgeben.