Die Zürcher Stadtmission feiert dieses Jahr ihr 150-jähriges Bestehen. Dies könnte Anlass sein für einen Rückblick auf die lange Tradition des Engagements für Menschen am Rande der Gesellschaft, das immer noch ein Hauptanliegen des kirchlich geprägten privaten Hilfswerks ist; oder Anlass fürs Nachdenken über den Wandel vom religiösen Missionieren hin zur (Über-)Lebenshilfe im Alltag, bei der das religiöse Motiv zunehmend in den Hintergrund rückt.

Aber Regula Rother blickt lieber nach vorne, das wird im Gespräch mit der Leiterin der Stadtmission schnell klar. Ihr neustes Projekt: Sie plant ein Hotel am Zürcher Limmatquai, das als Sozialfirma geführt werden soll. Sozialhilfebezüger und IV-Rentner sollen dort arbeiten können. Laut Rother sind für den Anfang drei bis vier Arbeitsplätze vorgesehen für Menschen, die ansonsten kaum noch eine Stelle fänden.
Noch sind nicht alle Details geklärt, doch Rother geht davon aus, dass das Low-Budget-Hotel im kommenden Frühling eröffnet wird.

Loch in der Kasse gestopft

Vor vier Jahren trat die gelernte Sozialarbeiterin ihre Stelle als Leiterin der Stadtmission an. Die heute 61-Jährige war die erste Frau und Nicht-Theologin an der Spitze der Organisation. «Mein Ziel war es, die Stadtmission aus ihrem leicht verstaubten Image herauszuholen. Das gelingt zunehmend», sagt sie. Ein Beleg dafür sei der Werbefilm, den Vertreter der Kreativwirtschaft der Stadtmission zum 150-Jahr-Jubiläum schenkten und der nun in der Kinowerbung anläuft.

Rother gelang es auch, die Stadtmission finanziell besser abzusichern. Bei Amtsantritt stand sie zunächst vor der Aufgabe, das Budget in Ordnung zu bringen. In der Kasse klaffte ein Loch von rund 300 000 Franken bei einem Gesamtetat von 1,8 Millionen.

Rother handelte mit den Stadtverbänden der reformierten und der katholischen Kirche einen Leistungsauftrag aus: Pfarrer konnten fortan Bedürftige, die an die Pfarrhaustüren klopften und um Hilfe baten, ans Café Yucca verweisen, das die Stadtmission im Zürcher Niederdorf führt. Dort erhalten sie für ein paar Franken warmes Essen, soziale Kontakte und Beratung. Zur Not stehen auch sechs Betten als Übernachtungsgelegenheit zur Verfügung.

Das 2009 lancierte Angebot Yucca Plus wird rege genutzt. Pro Abend kommen gemäss Rother etwa 15 Leute. Zumeist handle es sich um Wanderarbeiter aus Ost- und Südeuropa, die kaum Deutsch sprächen und mit der vagen Hoffnung auf ein besseres Leben in die Schweiz eingereist seien.

«Das hat in den letzten eineinhalb Jahren enorm zugenommen», sagt Rother. Daneben gebe es etwa 250 Stammgäste, für die das Café Yucca eine Art Wohnstube sei, darunter viele Sozialhilfeempfänger und IV-Rentner. «Einige von ihnen sind psychisch angeschlagen und werden in normalen Restaurants nicht so gerne gesehen», erklärt Rother.

Hilfe für Prostituierte mit Kindern

Auch die Beratung von Prostituierten zählt zum Kerngeschäft der Stadtmission. In der Anlaufstelle Isla Victoria im Zürcher Kreis 4 erhalten sie neben warmem Essen Tipps zur gesundheitlichen Prävention, aber auch zu aufenthalts- und arbeitsrechtlichen Fragen, in Scheidungsangelegenheiten und zu Vaterschaftsabklärungen.

Seit die Stadt Zürich die Reglementierung der Prostitution verschärft hat, leistet die Stadtmission zudem auch aufsuchende Beratung im übrigen Kantonsgebiet. «Immer mehr Prostituierte arbeiten ausserhalb von Zürich, weil es dort nicht so strenge Vorschriften gibt», sagt Rother.

Seit einem Jahr führt die Stadtmission zusammen mit dem Marie-Meierhofer-Institut zudem ein Projekt für sich prostituierende Mütter. Oft fehle es ihnen an Kenntnissen im Umgang mit Kindern. Und deren Betreuung sei in der Nacht, wenn die Mütter anschaffen, vielfach schlecht geregelt.

Um Abhilfe zu schaffen, schwebt Rother das Projekt einer Nachtkrippe vor. «Aber das ist erst eine Vision.» Und noch eine Vision hat Rother: «Ich will auch ein Ausstiegsprojekt für Prostituierte schaffen. So langsam ist die Zeit reif dafür», sagt sie. Und fügt lachend an: «Wenn das steht, gehe ich in Pension.»