Zürich
Stadtgärtner lassen Baubrachen und Balkone erblühen

Urban-Gardening-Projekte boomen in Zürich. Was mit Guerilla-Gärtner-Aktionen in Zürich begonnen hat, wuchs sich zu einem richtigen Trend aus. Eine Ausstellung im Museum Mühlerama geht dem Phänomen auf den Grund.

Matthias Scharrer
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Cornel Rüegg hat seinen Balkon mitten im Langstrassenquartier zum Gemüsegarten gemacht.

Cornel Rüegg hat seinen Balkon mitten im Langstrassenquartier zum Gemüsegarten gemacht.

Partrick

Dorothea Müller hat keinen eigenen Garten, ist aber leidenschaftliche Gärtnerin. Die Psychologin gärtnert auf der Stadionbrache, wo eigentlich schon längst ein neues Hardturmstadion stehen sollte. Statt Fussbällen kullern nun bestenfalls mal Kürbisse auf dem Rasen, der mit SBB-Kisten bestückt ist, die zu Beeten umfunktioniert wurden. Und die Akteure bleiben manchmal wie angewurzelt stehen, um über den Anbau von Gemüse in der Stadt zu diskutieren – oder das nächste Gartenfest zu planen.

2012 von Anwohnern aus der Genossenschaftssiedlung Kraftwerk gegründet, ist der Stadiongarten auf dem Zürcher Hardturmareal ein Musterbeispiel für «Urban Gardening». Wann genau der Begriff aufkam, kann Sibylle Gerber nicht sagen. Doch die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums Mühlerama und Initiantin der dort gestern eröffneten Ausstellung «Stadtgemüse» weiss, woher das Phänomen kommt: natürlich aus New York. «In den 1970er-Jahren entstand im Stadtteil Brooklyn der erste Community Garden – gemeinsam bewirtschaftet auf öffentlichem Grund.» Später erfasste der Trend via Berlin-Kreuzberg auch europäische Städte.

Erdbeeren reifen in Einkaufswagen

In Zürich ist in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Urban-Gardening-Projekten entstanden: Es begann mit den Guerilla-Gärtner-Aktionen von Maurice Maggi, der öffentlichen Raum mit Saatgut bombardierte. «Anfangs versuchte die Stadt, das zu unterbinden», sagt Gerber. Inzwischen folgt sie Maggis Beispiel: Grün Stadt Zürich bepflanzt diesen Frühling erstmals Tram-Endstationen und andere öffentliche Anlagen mit Ziergemüse. Und mit dem Quartiergarten Hard unterstützt die Stadt ein Projekt, das dem Trend zum gemeinschaftlichen Gärtnern ohne Abgrenzung durch Gartenzäune entspricht. Ein Schrebergartenareal wurde dafür aufgelöst und als Gemeinschaftsgarten zur Verfügung gestellt.

Ein anderes Beispiele ist der Brauergarten mitten im Langstrassenquartier: Erdbeeren reifen in alten Einkaufswagen, Kartoffeln und Tomaten wachsen im Reissack – und Tetrapacks dienen als Setzlingsboxen. Typisch fürs Urban Gardening ist laut der Volkskundlerin Gerber denn auch das Provisorische: Die Gärten müssen mobil sein, damit sie weggeschafft und andernorts wieder aufgestellt werden können, falls Bauprojekte den urbanen Gärtnern den Boden entziehen.

Diesem Muster entspricht auch «Frau Gerolds Garten» auf dem Ge-roldareal nahe beim Bahnhof Zürich Hardbrücke: Trendbewusste Gastronomen schufen auf dem Hof eine Mischung aus Bier- und Kräutergarten. Die in den charakteristischen SBB-Kisten gezogenen Kräuter werden im angegliederten Restaurant gleich verarbeitet.

Eine andere Form von Urban Gardening betreibt Cornel Rüegg auf seinem Balkon im Stadtkreis 4: Er baut Kräuter in aufeinandergestapelten Blumentöpfen verschiedener Grösse an, Gemüse in einem Weinregal und Kartoffeln im Sack. Rüegg nutzt den knappen Platz auf dem Balkon optimal aus, indem er möglichst viel in vertikal angeordneten Gefässen anbaut. «Doch ich betreibe keine Anbauschlacht», sagt er. Grundsätzlich sei der Balkon für ihn ein Erholungsort – und die von Gemüse und Kräutern umgebene Liege der meistbesuchte Aufenthaltsort seiner Wohnung.

Was unterscheidet eigentlich den trendbewussten urbanen Gärtner vom herkömmlichen Schrebergärtner? «Am meisten überrascht hat mich, dass die Motivationen gar nicht so unterschiedlich sind», sagt Ausstellungsmacherin Gerber. «Alle möchten sehen, wie Gemüse entsteht. Und alle eint das Bedürfnis, etwas Handfestes zu machen.»

Die Ausstellung «Stadtgemüse» im Mühlerama (Seefeldstrasse 231, Zürich) dauert bis 2. November (Di–Sa, 14–17 Uhr, So 10–17 Uhr). Nebst Porträts über Stadtgärtner bietet sie viel Wissenswertes über Artenvielfalt und Saatgut.