Stadtärztlicher Dienst

Stadtarzt Wettstein: «Sie glauben nicht, was ich antreffe»

Albert Wettstein: Der Chefarzt des stadtärztlichen Dienstes Zürich und Privatdozent an der Universität Zürich wohnt in Oberrieden.

Stadtarzt Albert Wettstein

Albert Wettstein: Der Chefarzt des stadtärztlichen Dienstes Zürich und Privatdozent an der Universität Zürich wohnt in Oberrieden.

Zürichs scheidender Stadtarzt, Albert Wettstein, blickt in die Abgründe der Gesellschaft. Bei seinen «Hausbesuchen» trifft er schon einmal auf eine Frau, die im Pissoir auf der Werdinsel lebt.

Sie müssen Ihr Amt als Stadtarzt diesen Herbst, mit 65 Jahren, abgeben. Was geht Ihnen durch den Kopf?

Albert Wettstein: Ich bin ein vehementer Gegner der Zwangspensionierung. Das Menschenrecht auf Arbeit hört nicht einfach auf. Wenn immer ich mit Menschen spreche, die selbstbestimmt arbeiten, höre ich fast nie, dass sie freiwillig mit 65 Jahren aufhören. Ärzte, Anwälte, Bauern, Putzfrauen - also Menschen aus allen sozialen Schichten - machen weiter.

Die Putzfrau kann aber wohl eher aus finanziellen Gründen nicht aufhören.

Die Putzfrau meiner Grossmutter hatte es nicht nötig, kam aber einmal pro Woche vorbei, bis sie 80 Jahre alt war. Sie wurde zu einem Teil der Familie. Die soziale Komponente der Arbeit ist extrem wichtig. Man sollte das Recht auf eine Rente vom Recht auf Arbeit trennen. Idealerweise sollten wir den stressreichen Teil der Arbeit - zum Beispiel Vorgesetztenaufgaben - frühzeitig abgeben, als Fachleute aber weiterhin zur Verfügung stehen können.

Und Sie dürfen nicht weiterarbeiten, weil Sie bei der Stadt angestellt sind?

Ja genau. Nur meinen Nebenberuf als Privatdozent an der Uni darf ich noch etwas weiterführen. Ich hätte grosse Lust, meinen Arbeitgeber zu verklagen wegen Verletzung der Bundesverfassung, die das Recht auf Arbeit garantiert und die Diskriminierung wegen des Alters verbietet.

Weshalb tun Sie es nicht?

Ich bin in der privilegierten Lage, so bekannt zu sein, dass man mir spannende Projekte anbietet. Meine Frau hat sogar Angst, dass ich nach der Pensionierung noch weniger zu Hause bin als jetzt.

Was machen Sie konkret?

Ich übernehme das Präsidium der Fachkommission der unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter. Daneben bleibe ich Vizepräsident der Alzheimervereinigung. In dieser Funktion halte ich Vorträge über Altersfragen. Wir wollen dafür sorgen, dass auch in den Gemeinden eine Demenzpolitik umgesetzt wird.

Welches ist die Stossrichtung dieser Politik?

Die Leute sollen nicht frühzeitig ins Heim müssen, nur weil niemand die Schwierigkeiten versteht, die mit einer Demenz einhergehen. Die Spitex muss damit umgehen können, die Angehörigen und die Patienten selbst. Sie sollen wissen, womit sie es zu tun haben.

Mit Information ist es bereits getan?

Im Zusammenhang mit Demenz existieren zwei Ängste. Wenn ich mich abklären lasse, fürchte ich erstens die stigmatisierende Diagnose Alzheimer. Zweitens existiert der sogenannte Rumpelstilzcheneffekt. Beängstigend ist, wenn ich Verhaltensstörungen zeige und sie nicht benennen kann. Wenn ich dem Teufel Alzheimer aber einen Namen geben kann, verliert er seine Macht.

Haben Sie Angst davor, selber dement zu werden?

Natürlich besteht diese Möglichkeit. Familiär bin ich jedoch nicht sehr belastet. Mein Vater ist jetzt 92 Jahre alt und fit. Er zeigt ein Stück Altersweisheit und konnte gewisse Dinge abgeben, zum Beispiel die Verwaltung seines Hauses. Daneben kümmere ich mich aktiv darum, keinen Alzheimer zu kriegen.

Wie tun Sie das?

Indem ich aktiv bin, ganz nach der Devise: «Use it or lose it.» Körper, Geist und soziale Aktivitäten sind wichtig. Mein Hauptprojekt ist das da (er zeigt auf das Bild eines Märchenschlosses, das an der Wand hängt). In einem grossen Haus sollen sich rund 1000 junge Pensionierte treffen, Aktivitäten planen und für alle Generationen durchführen. Ein Angebot könnte zum Beispiel eine Spielgruppe für fremdsprachige Kinder sein, ein anderes ein Schreibcoaching für Schüler.

Noch arbeiten Sie aber als Stadtarzt und machen jährlich 120 Hausbesuche. Was treffen Sie an?

Zustände, von denen Sie sich kein Bild machen können. Ein Beispiel: Eine Frau lebte auf der Werdinsel im Pissoir. Sie war chronisch krank und schwierig im Umgang. Sie schien von der Verwaltung traumatisiert. Wir konnten ihr - gerade mit der «bösen Verwaltung» - helfen, eine schöne Wohnung zu besorgen. Es gibt aber Situationen, in denen Hilfe alles verschlechtert.

Ein Beispiel?

Es gab einmal ein Paar. Er war leicht, sie schwer dement. Er hatte den Haushalt im Griff, war aber etwas reizbar. Sie pfuschte ihm immer hinein. Das regte ihn auf, er schüttelte sie, sie schrie wie am Spiess. Die Nachbarn intervenierten etliche Male, und wir versuchten zu helfen, zum Beispiel, indem wir die Frau temporär in ein Pflegeheim gaben. Es nützte alles nichts. Bei einem weiteren Aufgebot, zwei Jahre später, liess ich die Frau in ein Pflegeheim einweisen. Als der Mann merkte, dass ich es ernst meinte, zückte er ein Messer. Schliesslich musste ich ihn ebenfalls einweisen: in die Psychiatrie. Zwei Monate später starben beide eines natürlichen Todes. Hätte ich sie nicht eingewiesen, würden sie vielleicht noch leben und gelegentlich die Nachbarn mit ihrem Geschrei stören.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie einen Menschen per fürsorgerischem Freiheitsentzug (FFE) einsperren lassen müssen?

Ich bin in den Jahren immer zurückhaltender geworden, einen FFE anzuwenden. Ich appelliere vielmehr an die Toleranz der Mitmenschen. Dieser Patient (er hält ein Mäppchen in die Höhe) ist zum Beispiel heute trotz Einladung nicht in meinem Büro erschienen. Er leidet an Verfolgungswahn und schreit nachts: «Fahr in die Hölle!» Deshalb ist ihm die Wohnung gekündigt worden. Wenn er sich nicht helfen lässt, bringt auch ein FFE nichts. Wir können nur intervenieren, wenn es zur Gefährdung von Leib und Leben kommt. Die Nachbarn verstehen jedoch nicht, dass ich nichts unternehme. Aber ich muss das Recht auf Freiheit und jenes auf Nachtruhe gegeneinander abwägen.

Sind Sie mehr Vermittler als Arzt?

Nein, ich stelle zuerst immer eine Diagnose, spreche mit dem Patienten. Ist er geisteskrank? Ist er traumatisiert? Was liegt medizinisch vor? Dann suche ich nach einer angemessenen Therapie. Diese soll nur ausnahmsweise medikamentös sein. In den meisten Fällen kann ich eine sozialmedizinische Massnahme, zum Beispiel eine Beistandschaft oder Unterstützung durch die Spitex, in die Wege leiten.

Braucht es nur in der anonymen Grossstadt einen Stadtarzt, oder haben auch kleinere Zentren wie Horgen, Uster oder Winterthur mit prekären Fällen zu kämpfen?

Alle Gemeinden können bei solchen Fällen auf den Bezirksarzt zurückgreifen. Weil die Stadt Zürich gross und ein Magnet ist, zum Beispiel für Süchtige oder Arbeitslose, hat sich der Job des Stadtarztes hier seit 1319 halten können. Einerseits war er immer Berater für die Regierung, andererseits half er jenen, die zwischen Stuhl und Bank gefallen waren. Im Mittelalter hielt der Stadtarzt Siechenschau, hat die Menschen ausgewählt, die ins Siechenhaus mussten.

Als Stadtarzt sind Sie auch zuständig für Infektionskrankheiten, die sich schnell ausbreiten.

Als ich 1983 Stadtarzt wurde, dachte ich, Epidemien gehören der Vergangenheit an. Kaum war ich im Amt, rollte die Aidswelle an. Zürich hat früh den Gebrauch von Kondomen öffentlich propagiert. Dann kam die furchtbare Drogenepidemie auf dem Platzspitz und dem Letten. Es hiess, medizinische Hilfsstrukturen ins Leben zu rufen. Erst als wir in der Stadt endlich alle zusammenarbeiteten, konnten wir die Katastrophe bewältigen. Ich beschäftige mich weiterhin mit Epidemien: Wenn in China ein neues Virus entdeckt wird, studiere ich Fachliteratur. Oder ich muss mich informieren, wo die Pest noch vorkommt.

Welche Epidemien sind denn heute noch zu befürchten?

Alle möglichen. Einmal wurde uns ein Typhusfall gemeldet. Der Mann hatte sich in einem Zürcher Restaurant angesteckt, an einem Kartoffel-salat. Wir wussten nicht, wie viele Leute noch davon gegessen hatten. Es war kurz vor Pfingsten. Wir informierten alle Notfallstationen und Notfallärzte. Sie sollten bei künftigen Diagnosen auch an Typhus denken. Glücklicherweise blieb es über die Feiertage ruhig. Wir fanden schliesslich heraus, dass eine Küchenhilfe aus Guinea, die HIV-positiv war, laufend Typhusbakterien ausschied. Wir mussten ihr beibringen, dass sie unter keinen Umständen mehr in der Gastronomie arbeiten durfte.

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