Verkehr
Stadt Zürich will auf der Zebra-Safari keine Fussgängerstreifen erlegen

Mit dem Projekt«Zebra-Safari» will die Stadt Zürich bis Ende 2016 alle Fussgängerstreifen erfassen und beurteilen. Grundsätzlich will sie an jedem Übergang festhalten – selbst wenn ergemäss der nationalen Norm aufgehoben werden müsste.

Heinz Zürcher
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Gross und Klein soll künftig in der Stadt überall über sichere Fussgängerstreifen gehen können. Symbolbild: HR. Aeschbacher

Gross und Klein soll künftig in der Stadt überall über sichere Fussgängerstreifen gehen können. Symbolbild: HR. Aeschbacher

Hansruedi Aeschbacher

Der Kanton Zürich hat bereits vor zwei Jahren damit begonnen, die Fussgängerstreifen zu sanieren. Er orientiert sich dabei an einer nationalen Norm, die derzeit überarbeitet wird. Seit vergangenem Herbst ist die Stadt Zürich daran, erstmals ihre Fussgängerstreifen zu erfassen. Rund 3500 sollen es sein, so genau weiss sie das erst, wenn sie im Dezember 2016 ihre «Zebra-Safari» beendet. Das Projekt dient dazu, alle Übergänge der Stadt zu erfassen, zu beurteilen und wo nötig zu sanieren, wie gestern Zürichs Polizeivorsteher Richard Wolff (AL) und die Verantwortlichen der Dienstabteilung Verkehr vor den Medien erklärten.

45 Minuten pro Übergang

Seit Projektstart haben Stadtpolizisten bereits 3000 Zebrastreifen erfasst. Diese haben sie zudem mittels einer Software mit Luftaufnahmen und Geodaten vom Büro aus anhand von 50 Kriterien beurteilt. Dazu gehören etwa die Abstände zum nächsten Fussgängerstreifen, die bestehende Signalisierung oder die Grösse der Warteräume. In einem weiteren Schritt werden vor Ort Fotos gemacht und ein Bericht erstellt. Pro Fussgängerstreifen rechnet die Stadt mit einem Aufwand von 45 Minuten. 15 Angestellte der Dienstabteilung arbeiten daran – pro Person durchschnittlich einen Tag pro Monat. Die Projektkosten könnten dadurch tief gehalten werden. Sie belaufen sich auf 100 000 Franken. Die konkreten Sanierungen werden als Unterhaltskosten abgerechnet und würden das Budget nicht zusätzlich belasten, sagt Wolff.

Fussgängerstreifen vorher und nachher: nun strahlt er wieder.

Fussgängerstreifen vorher und nachher: nun strahlt er wieder.

Keystone

In einer Kurve und ohne Insel

Einfache und schnell zu realisierende Massnahmen werden gleich in Angriff genommen. Beispielsweise werden Signalisationen, die verblichen sind oder die Sicht versperren, umgehend ersetzt oder versetzt. Oder es werden Markierungen erneuert, Trottoirkanten abgesenkt oder Grünwuchs zurückgeschnitten. Wie viele Übergänge verbessert werden müssen und wo bauliche Massnahmen nötig werden, lasse sich noch nicht abschätzen, sagt Wernher Brucks, Leiter Verkehrssicherheit. «Ich wäre aber nicht überrascht, wenn etwa die Hälfte aller Fussgängerstreifen kleinere Mängel aufweisen würde.»

Als Beispiel zeigte Brucks den Medien den Fussgängerstreifen an der Mühlegasse 18. Er liegt direkt vor dem Gebäude der Dienstabteilung Verkehr. Die Markierung ist noch gut, doch es fehlt eine Schutzinsel, und der Übergang befindet sich in einer Kurve. «Laut der Norm sieht hier der Autofahrer den Fussgänger zu spät», sagt Brucks. Gemäss den Empfehlungen der Schweizerischen Strassenverkehrsfachleute (VSS) würde eine Schutzinsel die Sicherheit erhöhen. «Aber das ist in diesem Fall schwierig, weil wir die Strasse verbreitern müssten.»

«Zurückschneiden von Grünwuchs» nennt die Stadt diese Radikalaktion.

«Zurückschneiden von Grünwuchs» nennt die Stadt diese Radikalaktion.

Keystone

Wenn der Lenker zögert

Eine andere Möglichkeit wäre, den Fussgängerstreifen ganz aufzuheben. Schliesslich befindet sich 35 Meter weiter oben ein weiterer Übergang. Und gemäss Norm sollten innerhalb von 50 Metern keine zwei Fussgängerstreifen liegen. Der Grund: Je kürzer der Abstand von einem Übergang zum nächsten, desto geringer ist tendenziell die Bereitschaft der Lenker, für Fussgänger auf die Bremse zu treten.

Weil die Stadt aber an der Mühlegasse ein erhöhtes «Querungsbedürfnis» ausmacht, hält sie am Fussgängerstreifen fest – auch wenn sie damit von der Norm abweicht. «Lieber lassen wir einen Fussgängerstreifen mit kleinen Mängeln, als ganz auf ihn zu verzichten», sagt Brucks. Oder wie Wolff es formuliert: «Mit der Zebra-Safari wollen wir die Fussgängerstreifen nicht erlegen – wir wollen sie sicherer machen.» Aufhebungen seien in speziellen Fällen aber möglich. In Tempo-30-Zonen brauche es beispielsweise keine Übergänge, ausser bei Querungen zu Schulen und Heimen.

Kritik an der Norm

Pascal Regli von Fussverkehr Schweiz begrüsst die Haltung der Stadt. «Sie geht situationsbedingt vor und auf die Bedürfnisse der Fussgänger ein.» Kritisch beurteilt er dagegen die Norm. Diese sei sehr technisch und führe dazu, dass in vielen Gemeinden Fussgängerstreifen stillschweigend aufgehoben würden. «Die Norm ist zu stark aus der Fahrzeugoptik formuliert. Die Bedürfnisse der Fussgänger werden zu wenig gewichtet.» Zieht man die Unfallstatistik herbei, brauchte es beispielsweise an der Mühlegasse auch gar keine Anpassungen. «In den letzten zehn Jahren ist dort kein einziger Fussgänger verunfallt», sagt Brucks. Stadtrat Wolff ergänzt: «Zürich ist in Bezug auf die Verkehrssicherheit weltweit in den vordersten Rängen klassiert.»

Die Unfallzahlen sind in den letzten Jahren leicht gesunken. Wolff erwähnt das Jahr 1971, als auf Zürichs Strassen 81 Fussgänger starben – in einer Zeit, als sich noch weniger Autos und Fussgänger in der Stadt bewegten. «Ich erinnere mich noch gut an dieses Jahr und die damalige Kampagne», sagt Wolff. «Auf schwarzen Fahnen stand: Hier starb ein Mensch als Opfer des Verkehrs.»

Auslöser war Unfallserie

So drastisch wie damals wolle die Stadt nicht vorgehen, sagt Wolff – auch wenn die Unfallserie auf Schweizer Fussgängerstreifen im Herbst 2011 ein ähnliches Medienecho auslöste. Der Kanton Zürich reagierte und begann bald damit, alle Übergänge zu überprüfen. Die Stadt zögerte. «Wir sahen damals noch keinen akuten Handlungsbedarf», sagt Wolff. «Es handelte sich vor allem um Unfälle bei Dämmerung. Und in der Stadt ist die Beleuchtung generell besser als auf dem Land.»

Dennoch wolle der Stadtrat den Sicherheitsstandard verbessern. Eine Gesamtbeurteilung aller Fussgängerstreifen auf Stadtgebiet soll im ersten Halbjahr 2017 vorliegen. Bis dann wird die Stadt auch exakt beziffern können, wie viele Fussgängerstreifen sie nun hat.

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