Das Fahrrad fährt mitten auf der Rille der Tramschiene bei der Haltestelle «Schwert» in Zürich Höngg. Normalerweise wäre ein Sturz jetzt nahezu unvermeidlich. Doch eine Kunststoffeinlage in der Rille verhindert dies.

Tramgleise VBZ

Tramgleise VBZ

Europapremiere

Velofreundliche Tramschienen haben Verkehrsbetriebe in verschiedenen Städten bereits früher erprobt. Bisher allerdings ohne Erfolg, wie Guido Schoch, Direktor der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) gestern vor den Medien sagte. Die Abnutzung sei jeweils zu stark gewesen.

Um dieses Problem zu lösen, liessen die VBZ ein neues System entwickeln. Die Europapremiere präsentierten sie gestern den Medien. Der Clou dabei: Die Rille der Tramschiene, die normalerweise 47 Millimeter tief ist, wurde auf 67 Millimeter vertieft. So entstand eine grössere Knautschzone für die Kunststoffeinlage. Dies soll die Abnutzung am Kunststoff verringern, die entsteht, wenn täglich rund 160 Trams darüber fahren. Während der Kunststoff von einem sechs Tonnen schweren Tram stark eingedrückt wird, bleibt er fast unverändert, wenn ein Velo darüber rollt.

Ob sich das System bewährt, wird sich nächsten Frühling zeigen. Dann wollen die VBZ den Versuch auswerten. Eine flächendeckende Einführung der neuartigen Schiene ist laut Hansruedi Imhof, Leiter Bauten und Erhaltung bei den VBZ, allerdings nicht geplant: «Das wäre aus Kostengründen und technisch nicht möglich.» Stattdessen sei vorgesehen, die velofreundlichen Tramschienen an «neuralgischen Punkten» einzusetzen. Gemeint seien damit insbesondere Tramhaltestellen, durch die Velowege führen.

Mit der laufenden behindertengerechten Neugestaltung der Tramhaltestellen nehme das Gefahrenpotenzial für Velofahrer zu. Grund sind die abgesenkten Trassees mit den höheren Randsteinen. Diese liessen den Raum zwischen Tramgleis und Randstein noch enger erscheinen, was Velofahrer ins Schlingern bringe, erklärte Imhof.

Kostenpunkt: 415 000 Franken

Die Neuentwicklung und den Einbau auf der 90 Meter langen Teststrecke in Zürich Höngg liessen sich die VBZ 415 000 Franken kosten. Der Laufmeter Gleis kommt mit dem neuen System laut Imhof doppelt so teuer zu stehen wie bei herkömmlichen Gleisen.

Für die Kunststoffeinlagen rechnet er mit einer Lebenserwartung von einem Jahr. Danach seien sie einfach und kostengünstig zu ersetzen, da der Kunststoff den kleinsten Teil der Kosten ausmache.

«Sicherheit hat für uns oberste Priorität», erklärte VBZ-Direktor Schoch das Engagement. Es stehe auch im Zusammenhang mit dem Masterplan Velo. Mit einem Bündel velofreundlicher Massnahmen, das auch bessere Velowege und Pumpstationen beinhaltet, peilt der Zürcher Stadtrat eine Verdoppelung des Gebrauchs von Fahrrädern auf Stadtgebiet bis zum Jahr 2025 an. Zusätzlichen Druck für die Entwicklung velofreundlicher Tramgleise setzte der Zürcher Gemeinderat mit zwei Postulaten auf.

Pro Jahr werden in Zürich laut Imhof rund fünf Unfälle von Velofahrern auf Tramschienen registriert. Hinzu komme eine Dunkelziffer in unbekannter Höhe.

Für den Fall, dass sich die velofreundlichen Tramschienen nicht bewähren, haben die VBZ bereits vorgesorgt: Mit einer eigens angefertigten Hartgummieinlage würde die Rillentiefe der Schienen auf der Teststrecke wieder auf Normalmass verringert.