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Stadt Zürich forciert Suche nach Durchgangsplatz für Jenische

Seit Anfang Mai besetzen Jenische das Hardturm-Areal, in der Hoffnung die Stadt Zürich damit zum Handeln zu bringen und einen daurhaften Durchgangsplatz zu finden.

Seit 1. Mai halten Jenische das Areal des ehemaligen Hardturmstadions besetzt. Sie wollen mit ihren 30 Wohnwagen bleiben, bis ihnen die Stadt Zürich dauerhaft einen Durchgangsplatz anbietet – und berufen sich dabei auf die Bundesverfassung und den kantonalen Richtplan. Darin ist festgeschrieben, dass den Jenischen Plätze zustehen, auf denen sie ihre Wohnwagen abstellen können. Nur mit der Umsetzung haperte es bislang. Doch jetzt zeigt die Besetzungs-Aktion Wirkung.

«Wir haben vom Gesamtstadtrat den Auftrag erhalten, einen Durchgangsplatz zu suchen», sagt Mike Sgier, Sprecher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements der Stadt Zürich, auf Anfrage. Er fügt an: «Wir wollen das möglichst rasch erledigen – trotz komplexer Ausgangslage. Dabei stehen wir vor der Herausforderung, dass in der Stadt ein hoher Nutzungsdruck besteht. Es gibt keine Areale auf Vorrat.»

Möglichst rasch heisse: Ein Vorschlag zuhanden des Stadtrats soll vorliegen, bis der Zirkus Royal im Juli seine Zelte auf dem Hardturm-Asphaltplatz aufschlägt. Departementsvorsteher Filippo Leutenegger (FDP) persönlich habe sich letzten Samstag vor Ort ins Bild gesetzt und das Gespräch mit den Jenischen aufgenommen. Er sei bestrebt, eine Lösung zu finden.

Claude Gerzner, Sprecher der Bewegung der Schweizer Reisenden, die die Stadion-Besetzung lanciert hat, bestätigt das Treffen mit dem freisinnigen Stadtrat. Leutenegger habe allerdings betont, er könne nichts versprechen. Und die Stadt Zürich sage schon seit 2011, sie kümmere sich um das Problem. Doch noch immer fehle in Zürich ein Durchgangsplatz für die Jenischen. Und auch im restlichen Kantonsgebiet sei das Platzangebot mangelhaft.

Blockierte Durchgangsplätze

Als Beispiel nennt Gerzner den Durchgangsplatz auf einem Parkplatz nahe der Autobahn ob Wädenswil: «Jetzt ist er durch einen Pferde-Event blockiert. Wir können nicht drauf.» Ausserdem befinde sich dort auch der Homosexuellen-Strich. Nicht gerade die Umgebung, die sich Gerzner wünscht, der mit seiner Frau und den beiden 11- und 13-jährigen Söhnen auf Achse ist.

Auch andere Durchgangsplätze im Kanton Zürich – etwa der Schlieremer Chilbiplatz, ein Platz auf dem Pfannenstil und einer in Rorbas – würden immer wieder anderweitig verwendet, sodass sie dem reisenden Volk zeitweise nicht zur Verfügung stünden.

«Ein Durchgangsplatz müsste von Frühling bis Herbst durchgehend benutzbar sein», sagt Gerzner. «Annehmbar» sei die Situation in Winterthur, wo bei der Kehrichtverbrennungsanlage ein Platz zur Verfügung steht. Allerdings sorgte dort eine Überwachungskamera für Unmut. Und vor zwei Jahren gab es auf dem Winterthurer Durchgangsplatz Ärger, weil Gerzner das Wohnmobil, in dem seine Söhne schlafen, nicht neben seinen Wohnwagen stellen durfte. Dies war der Auslöser für die Gründung der Bewegung der Schweizer Reisenden, die seither den Druck für neue Durchfahrtsplätze erhöht hat. So besetzte sie letztes Jahr in Bern die Allmend, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Mit Erfolg: «Bern gibt sich jetzt Mühe», anerkennt Gerzner. Auch der Kanton Jura habe seine Bemühungen um gute Lösungen für das Platzproblem der Jenischen verstärkt. Im Aargau sei die Situation ohnehin schon akzeptabel.

«Wir sind ein Volk ohne Heimat»

Doch gesamtschweizerisch werde es für die Jenischen schwieriger: Durchgangsplätze verschwänden oder würden anderweitig verwendet. «Wir zahlen hier Steuern und Krankenkassenbeiträge wie alle anderen», sagt Gerzner über die Jenischen, das Schweizer Völkchen der Fahrenden. «Doch wir sind ein Volk ohne Heimat.» Dabei würden sie selbstverständlich auf den Durchgangsplätzen auch Platzmiete bezahlen und für Ordnung und Sauberkeit sorgen.

Gerzner, dessen Vorfahren ihr Leben ebenfalls auf Achse verbrachten, arbeitet als Textilhändler. Während der warmen Jahreszeit bleibt er jeweils zwei bis vier Wochen am gleichen Standort. Dann zieht er weiter, zum nächsten Durchgangsplatz. Seine Kinder unterrichte er in dieser Zeit selbst. Den Winter verbringt Familie Gerzner auf dem Standplatz Eichrain in Zürich Seebach. Dort gehen die Kinder während der kalten Jahreszeit in einem nahe gelegenen Schulhaus zur Schule. Andere der Hardturm-Besetzer hausieren als Scheren- und Messerschleifer, als Korbflechter oder arbeiten im Alteisen-Recycling.

Die Hardturm-Besetzer sind laut Gerzner gewillt, auf dem Areal auszuharren, falls nötig auch länger als bis im Juli, wenn der Zirkus Royal kommt. «Die Zirkusleute sind auch Fahrende. Wir kennen die Gassers», sagt Gerzner. Er sei überzeugt, dass sie sich das Hardturmareal auch teilen könnten.

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