Zürich
Stadt plant Arbeitsstipendien: bessere Arbeitsmarktchancen für Geringqualifizierte

Wer wenig Bildung hat, soll Mittel zur Weiterbildung erhalten, um seine Arbeitsmarktchancen zu verbessern. Der Stadtzürcher Sozialvorsteher Raphael Golta (SP) präsentierte am Montag die neue Bildungsstrategie der Stadt Zürich.

Matthias Scharrer
Merken
Drucken
Teilen
Die Initiative von Zürichs Sozialvorstand Raphael Golta (SP, im Bild) könnte laut Skos-Präsident Christoph Eymann Signalwirkung haben.

Die Initiative von Zürichs Sozialvorstand Raphael Golta (SP, im Bild) könnte laut Skos-Präsident Christoph Eymann Signalwirkung haben.

Matthias Scharrer

Rund 280'000 Menschen werden in der Schweiz derzeit von der Sozialhilfe unterstützt. Davon sind etwa 190'000 im erwerbsfähigen Alter. Die Hälfte von ihnen hat keinen Berufsabschluss. Fehlt es daran oder an einem Schulabschluss, sind der Einstieg und die Rückkehr in den Arbeitsmarkt besonders schwierig. Denn die Bildungsanforderungen auf dem Arbeitsmarkt steigen. Zum einen trägt dazu die Digitalisierung bei; zum anderen die Automatisierung, die dazu führt, dass einfache Arbeiten zunehmend verschwinden.

Vor diesem Hintergrund präsentierte der Stadtzürcher Sozialvorsteher Raphael Golta (SP) am Montag die neue Bildungsstrategie der Stadt Zürich. Sie zielt darauf ab, Sozialhilfebezügern, aber auch Menschen, deren Arbeitsplatz als gefährdet gilt, Aus- und Weiterbildungen zu ermöglichen.

Neu soll die Stadt gemäss Golta Stipendien ausrichten, um die Arbeitsmarktchancen von schlecht ausgebildeten Menschen zu verbessern. Er rechnet mit Ausgaben von jährlich fünf Millionen Franken.

Einen ersten Schritt in diese Richtung wolle der Stadtrat Ende Jahr machen, wenn es gilt, die städtische Stipendienverordnung an jene des Kantons anzupassen. Ein separates Gefäss für Arbeitsmarktstipendien will Golta dann ein Jahr später schaffen.

Neben den Stipendien sollen auch Beratungen dazu beitragen, die Chancen von Menschen ohne grossen Bildungsrucksack auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Im Fokus dieses Gesamtpakets der Bildungsstrategie stehen laut Golta drei Hauptzielgruppen:

Erstens Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 25 Jahren. «Da müssen wir am meisten investieren», sagte der Stadtzürcher Sozialvorsteher. Solange die Jugendlichen in die Schule gingen, seien gezielte Fördermassnahmen relativ einfach zu ergreifen. Danach verliere man die schwierigen Fälle aber oft aus den Augen. Dies solle sich ändern, «das ist der entscheidende Punkt», sagte Golta.

Die zweite Hauptzielgruppe seien Menschen im Arbeitsmarkt, deren Job aufgrund ihres tiefen Bildungsniveaus gefährdet sei.

Dritte Hauptzielgruppe sind laut Golta Sozialhilfebeziehende über 25 Jahren. Sie werden bereits heute von den Behörden vergleichsweise eng begleitet.

Wer hat Anrecht auf Stipendien?

Die neue Bildungsstrategie der Stadt Zürich wirft Fragen auf. Zum Beispiel diese: Wer hat Anrecht auf Stipendien zur Förderung seiner Arbeitsmarktfähigkeit – und wer nicht? «Das werden wir in der Umsetzung klären», sagte Golta auf Nachfrage. Im Vordergrund stehe primär das Nachholen von Schulabschlüssen, dann auch Weiterbildung. Dies sei zu rechtfertigen, da die Bildungslaufbahn der Betroffenen bislang vergleichsweise wenig gekostet habe.

Fraglich ist auch, ob Firmen Hand bieten zur Weiterbildung ihrer weniger qualifizierten Angestellten – und um was für Weiterbildungen es konkret geht. Golta nimmt an, dass vor allem kleine und mittlere Unternehmen individuelle Förderung unterstützen. Als Beispiele für mögliche Weiterbildungen nannte er Kurse zum Lastwagen- oder zum Gabelstaplerfahren.

Unterstützung erhält er von Christoph Eymann: Der Basler LDP-Nationalrat und Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) lobte Goltas Initiative als «Präventionsmassnahme, die über das Land hinausstrahlen könnte».

Sie sei im Einklang mit der letztes Jahr von der Skos mitlancierten Weiterbildungsinitiative «Arbeit dank Bildung». Eymann fordert auch vom Bundesrat im Rahmen der Botschaft für Bildung, Forschung und Investition für 2021 bis 2024 einen substanziellen Beitrag für die Qualifizierung von Sozialhilfebeziehenden. Er geht davon aus, dass sich durch gezielte Förderung die Chancen von 70'000 Sozialhilfebeziehenden auf dem Arbeitsmarkt nachhaltig verbessern liessen. Solche Investitionen würden sich langfristig auszahlen, meinte auch Golta.