Studie der Universität Zürich
Staatsbeiträge an Zürcher Kirchen lohnen sich - sie geben mehr als sie nehmen

Der Geldwert der gesellschaftlichen Leistungen der beiden grossen Kirchen im Kanton Zürich beträgt jährlich 61 Millionen Franken belegen erstmals Forscher der Uni Zürich

Thomas Schraner
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Für die gesamte Gesellschaft wertvoll: ein von den Kirchen veranstalteter Mittagstisch im Kirchgemeindehaus Liebestrasse in Winterthur.

Für die gesamte Gesellschaft wertvoll: ein von den Kirchen veranstalteter Mittagstisch im Kirchgemeindehaus Liebestrasse in Winterthur.

Melanie Duchene

Seit 2010 erhalten fünf anerkannte Religionsgemeinschaften im Kanton Zürich vom Staat pro Jahr rund 50 Millionen Franken. Dies für Leistungen in den Bereichen Soziales, Kultur und Bildung. So will es das Kirchengesetz von 2007, das die Kirchenfinanzierung auf eine moderne Grundlage stellt. Die Kirchen erhalten seither das Geld vom Staat nicht mehr aufgrund historischer Rechtstitel, sondern wegen ihrer Tätigkeiten, die sie zum Nutzen der gesamten Gesellschaft erbringen.

Eine erste Studie im Jahre 1999 schätzte den Wert dieser Leistungen, konnte ihn aber nicht exakt beziffern. Auf dieser Basis bewilligte der Kantonsrat die besagten 50 Millionen für mehrjährige Beitragsperioden. Die aktuelle läuft 2019 aus. Verteilt werden die Mittel je nach Leistungsumfang und gemäss den Mitgliederzahlen der Kirchen. Die fünf Bezüger sind die Evangelisch-reformierte Landeskirche, die Römisch-katholische Körperschaft, die Christkatholische Kirchgemeinde, die Israelitische Kultusgemeinde und die Jüdische Liberale Gemeinde. Die Reformierten und Katholiken erhalten den Löwenanteil mit 49,5 Millionen Franken. Der Rest geht an die Übrigen.

Kultisches zählt nur wenig

Weil sich diese Frage nach der gerechten Verteilung immer wieder stellt und exakte Zahlen fehlen, hat Kirchenministerin Jacqueline Fehr (SP) mit den beiden grossen Kirchen eine Studie beim Politologen Thomas Widmer von der Uni Zürich bestellt. Die Ergebnisse wurden gestern präsentiert. Regierungsrätin Fehrs Fazit: «Die Beiträge des Staats an die Kirchen sind mehr als gerechtfertigt.»

Kirchenvertreter: «Die Kirchen sind ihr Geld wert»

Michel Müller, Präsident des reformierten Kirchenrates, zeigte sich mit der Studie zufrieden. Allerdings habe er den Umfang der gesellschaftlichen Leistungen der Kirchen höher erwartet. Gut sei aber, dass man über objektive Daten verfüge. Als Knackpunkt bezeichnete Müller die schwierige Definition, was kultisch ist und was nicht. Den Religionsunterricht werteten Kirchenvertreter als Beitrag zur Persönlichkeitsbildung, während die Forscher diesen als kultisches Angebot taxierten.

Müller sagte, man müsse sich vor Augen halten «dass Kirche immer mehr ist, als sich dokumentarisch feststellen lässt.» Für Benno Schnüriger, Synodalpräsident der katholischen Körperschaft, bestätigt die Studie, dass die Kirchen ihr Geld wert sind. Die Studie habe einen strengen Massstab zur Bewertung der gesellschaftlichen Leistungen angewandt. Laut Schnüriger können auch Leistungen nur für Kirchenmitglieder für die gesamte Gesellschaft bedeutend sein. Deutlich werde dies bei der Migrantenseelsorge. (tsc)

Laut der Studie erbringen die Reformierten gesellschaftliche Leistungen im Umfang von 35,4 Millionen Franken pro Jahr. Vom Staat erhalten sie «lediglich» 26,8 Millionen. Bei den Katholiken beträgt der Geldwert der gesellschaftlichen Leistungen 25,9 Millionen. Vom Staat beziehen sie 22,7 Millionen. Die Studie beschränkt sich auf Angaben zu den beiden grossen Kirchen. Insgesamt erbringen die beiden Kirchen 86 366 Angebote. Die Forscher beantworten auch die Frage, ob kultische Tätigkeiten wie Gottesdienste, Hochzeiten oder Bestattungen einen Wert für die gesamte Gesellschaft haben. Die Antwort lautet ja.

Dies aber nur dann, wenn sich diese Angebote nicht nur an Kirchenmitglieder, sondern an alle Leute zu gleichen Bedingungen richten – und dann auch genutzt werden. Bei der Beurteilung, welche kultischen Leistungen für die Gesellschaft wertvoll sind, war die Studie laut Widmer streng. Liturgien nur für Mitglieder zählen nicht. Von den berechneten 35,4 Millionen Franken der Reformierten entfallen 3,3 Millionen auf diese Leistungen mit gesellschaftlichem Wert. Bei den Katholiken beträgt dieser Anteil 4,5 Millionen. Fazit: Was einschenkt, sind die nicht-kultischen Leistungen für die Gesellschaft: Sozialberatung, Mittagstische, Krabbelgruppen, Migrantenseelsorge oder Bildungsangebote zählen dazu.

Position stärken

Die Studie hat auch die freiwillige und ehrenamtliche Arbeit erhoben, die bei Kirchen geleistet wird. «Was die Kirchen machen, entspricht etwa 415 Vollzeitstellen», sagte Widmer. Seinen Berechnungen zufolge sind bei beiden Kirchen im Jahr 1,9 Millionen Stunden von Freiwilligen geleistet. Der Geldwert dafür liegt bei 86 Millionen Franken.

Weil ein Ergebnis immer von Grundannahmen abhängt, hat Widmer auch Varianten berechnet. Fazit: Definiert man die für die Gesellschaft nützlichen Leistungen sehr eng, erhalten die Kirchen heute zu viel Geld vom Staat. Eine weite Definition führt zum Ergebnis, dass die Kirchen viel zu kurz kommen. Widmer hält den Mittelweg, seine Hauptvariante, für hieb- und stichfest.

Dem Staat empfiehlt Widmer, zu prüfen, wie Leistungen anderer Religionsgemeinschaften abgegolten werden könnten. Justizministerin Fehr versprach, hier am Ball zu bleiben. Widmer rät ausserdem, noch mehr Transparenz von den Kirchen einzufordern. An die Adresse der Kirchen geht der Rat, ihr umfangreiches nicht-kultisches Leistungsangebot stärker auch für Nicht-Mitglieder zu öffnen. So könnten sie ihren Nutzen für die Gesellschaft stärken. Bis 2019 sind die Staatsgelder für die Kirchen bewilligt. Für die nächste Beitragsperiode (2020 bis 2025) entscheidet der Kantonsrat 2018.