Fall Carlos
Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Bildern von Carlos' Zelle

Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren gegen Unbekannt wegen Amtsgeheimnisverletzung eingeleitet. Sie will herausfinden, wer dem "SonntagsBlick" im Fall Carlos die Bilder von verwüsteten Zellen und Gängen zuspielte.

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Der leitende Oberjugendanwalt Marcel Riesen (l.) und Zürcher Justizdirektor Martin Graf an einer Medienkonferenz zum Fall Carlos im vergangenen September. (Archiv)

Der leitende Oberjugendanwalt Marcel Riesen (l.) und Zürcher Justizdirektor Martin Graf an einer Medienkonferenz zum Fall Carlos im vergangenen September. (Archiv)

Keystone

Am 16. Februar bildete der "SonntagsBlick" zahlreiche Aufnahmen ab, die im Massnahmenzentrum Uitikon (MZU) aufgenommen worden waren. Sie zeigten Zellen und Gänge, die offenbar von "Carlos" verwüstet wurden.

Wie die Fotos aus dem MZU in einer Redaktion des Ringier-Verlages landeten, ist bis heute unklar. Weil die Bilder aber ohne Wissen des MZU geschossen wurden und nicht hätten herausgegeben werden dürfen, ermittelt die Staatsanwaltschaft nun wegen Amtsgeheimnisverletzung.

Eine Sprecherin bestätigte eine entsprechende Meldung der "Neuen Zürcher Zeitung" vom Mittwoch. Das Verfahren sei am Dienstag aufgenommen worden, die Ermittlungen würden bereits laufen.

Belastende Aussagen und wirres Dementi

Die Recherchen der NZZ zeigen, dass möglicherweise Roger Huber, PR-Berater des Oberjugendanwalts Marcel Riesen, für die Veröffentlichung der Bilder verantwortlich ist. Auf Nachfrage der NZZ bestätigt Huber, dass er die Bilder von Riesen zugeschickt bekam. Das Weiterleiten an den «Sonntagsblick» verneint er, allerdings mit einem etwas abenteuerlichen Dementi. Weil aktive Medienarbeit nicht in seinen Tätigkeitsbereich falle und es verboten sei, der Presse interne Dokumente zuzuspielen, stelle sich die Frage nach seiner Schuld gar nicht.

Auf telefonische Nachfrage der NZZ hin wunderte er sich dann selbst, wie die Bilder von seinem Computer zur Redaktion des "Sonntags-Blicks" gelangen konnten und behauptet, an den infrage kommenden Tagen gar keinen Zugang zu seinem Arbeitscomputer in Zürich gehabt zu haben, weil er von zu Hause aus arbeitete.

Dem Bericht zufolge liegt der NZZ eine mehrfach bestätigte Aussage eines Kadermitglieds vor, die Huber direkt belastet. Pikanterweise verfügt der PR-Berater von seiner Zeit als Wirtschaftsjournalist für Ringier-Publikationen über beste Kontakte zum Verlag.

Seit Ende Februar in neuem Sondersetting

Der unter dem Pseudonym "Carlos" bekannt gewordene Straftäter befindet sich seit Ende Februar in einem neuen Sondersetting. Es ist deutlich günstiger als die erste, viel kritisierte Massnahme. Nach einer ersten Phase im Ausland wird "Carlos" in einer einfachen Wohnung mit enger sozialpädagogischen Betreuung untergebracht.

Die Tagesstruktur wird aus Schule, Arbeit und Praktika bestehen. Sporttrainings kann "Carlos" nur noch in seiner Freizeit besuchen. Auslöser für das neue Sondersetting war ein Urteil des Bundesgerichtes, das die Zürcher Justiz harsch kritisierte und die Freilassung aus dem geschlossenen Vollzug anordnete.

Die Zürcher Regierung hätte "Carlos" eigentlich gerne in einer institutionellen Massnahme untergebracht. Dazu zeigte sich "Carlos" jedoch nicht bereit. Er beharrte auf einem neuen Sondersetting. (flo/sda)