Occupy-Bewegung
St. Jakob-Pfarrerin: «Auch Jesus war ein Provokateur»

Wegen der Occupy-Bewegung geriet die Pfarrerin Verena Mühlethaler von der Kirche Offener St.Jakob am Stauffacher ins Scheinwerferlicht. Die Gemeinde ist bekannt für ihre unkonventionelle Art, Religion zu leben.

Anna Wepfer
Merken
Drucken
Teilen
Es wäre jeder Kirchgemeinde gut angestanden, die Okkupisten aufzunehmen, findet Pfarrerin VerenaMühlethaler. Melanie Duchene

Es wäre jeder Kirchgemeinde gut angestanden, die Okkupisten aufzunehmen, findet Pfarrerin VerenaMühlethaler. Melanie Duchene

Viel ist nicht zurückgeblieben vom Zeltdorf der Anhänger von Occupy-Paradeplatz. Nachdem die Polizei das Camp auf dem Lindenhof geräumt hatte, gastierten sie bis zum 1.Dezember vor der Kirche Offener St.Jakob am Stauffacher. Ein paar Stellwände stehen noch da, daran haften zahlreiche Zeitungsartikel. Platz hätte es auch für Mitteilung der Occupy-Arbeitsgruppen. Doch der Grossteil der Pinnwände ist verwaist. Daneben steht ein alter Waggon, der als Aufenthaltsraum dient. Menschen sind an diesem nasskalten Morgen aber keine zu sehen. Nur ein überdimensionales Pappschwein bringt etwas Farbe ins Grau.

Ein paar Häuserblocks die Stauffacherstrasse hinunter liegt das Kirchgemeindehaus Aussersihl, ein unscheinbares Gebäude. Im vierten Stock hat Verena Mühlethaler ihr Büro. Die 39-jährige Pfarrerin hält engen Kontakt zu den Occupy-Aktivisten, seit sie Mitte November erstmals an einer Vollversammlung teilnahm. Sie weiss: Auch wenn die Bewegung aus dem öffentlichen Fokus verschwunden ist, ist sie «im Hintergrund noch immer sehr aktiv». Mühlethaler findet es gut, dass sich die Paradeplatzbesetzer vom Ruf nach schnellen Forderungen nicht beeindrucken lassen. «Sie nehmen sich Zeit, um Know-how zu erarbeiten. Gerade das zeigt, dass die Bewegung seriös ist.»

Mit ihrer Sympathie für die Okkupisten stösst die Pfarrerin nicht nur auf Verständnis. Rund 20 Personen haben sich schriftlich darüber beschwert, dass Occupy am Stauffacher Asyl erhielt. Sie fanden, die Kirche mische sich da zu sehr in die Politik ein. Drei Austritte gab es in der Kirchgemeinde Aussersihl. Auch der Stadtzürcher SVP-Präsident Roger Liebi kündigte öffentlich an, der Kirche den Rücken zu kehren.

«Wieder glaubwürdig»

Doch das ist nur die eine Seite. Die andere Seite sind über 60 Personen, die der Citykirche per Mail ihre Unterstützung zusicherten. «Endlich nimmt die Kirche das Evangelium wieder ernst», schrieben sie zum Beispiel. Oder: «So wird die Kirche wieder glaubwürdig.» Allerdings war es nicht Mühlethalers Idee, das Zeltlager an den Stauffacher zu holen.

Es war ein Occupy-Anhänger, der rund zwei Wochen vor der Räumung des Lindenhofs beim Pfarramt Aussersihl anfragte, ob es eine Möglichkeit gebe, dort unterzukommen. Mühlethaler besprach die Sache mit Amtskollege Andreas Bruderer und der Kirchenpflege. «Wir waren uns schnell einig, dass wir zusagen. Unter der Bedingung, dass alles ordentlich und sauber bleibt und in der Kirche kein Alkohol getrunken wird», sagt sie.

Bekannt für unkonventionelle Art

Den Entscheid begründet sie nicht politisch, sondern theologisch: «Vieles, wofür sich Occupy einsetzt, ist biblisch.» Die Frage etwa, was Gerechtigkeit sei, oder auch das Bestreben, die Schwachen zu schützen. Eine auffällige Parallele besteht auch zu den biblischen Propheten, die, so Mühlethaler, «im Namen Gottes Missstände anprangerten und die Oberschicht anklagten, wenn sie sich auf Kosten des Allgemeinwohls bereicherte». Auch Jesus habe sich in dieser Tradition verstanden und mit seiner Kritik provoziert, etwa als er die Händler aus dem Tempel verjagte.

Dass die Okkupisten ausgerechnet im «Chreis Cheib» unterkamen, ist kein Zufall. Seit der umtriebige Pfarrer Anselm Burr 1991 die Kirche St.Jakob in die Citykirche verwandelte, ist die Gemeinde bekannt für ihre unkonventionelle Art, Religion zu leben. So finden in der Kirche am Stauffacher neben Gottesdiensten auch Konzerte, Tanzanlässe, Händeauflegen und Yogastunden statt. Vor zwei Jahren gewährte Burr in der Kirche rund 70 Sans-Papiers Gastrecht, die gegen die Asylpraxis des Kan-
tons protestierten. «Natürlich haben wir den Ruf einer etwas schrägen Kirchgemeinde», sagt Mühlethaler, die 2010 Burrs Nachfolge angetreten hat. «Es wäre aber jeder Kirchgemeinde gut angestanden, Occupy zu unterstützen.»

Gerade weil die Bibel auch ein politisches Buch sei, müsse sich die Kirche zu politischen Fragen äussern, findet sie. Insofern ist ihr die Occupy-Bewegung ein Vorbild. «Mit ihrem unkonventionellen Aufbegehren hat sie uns in Erinnerung gerufen, dass auch die Kirche die Aufgabe hat, wo nötig lautstark zu protestieren – nicht nur auf der Kanzel, sondern in der Öffentlichkeit.» Für diese Lektion haben sich Pfarrschaft und Kirchenpflege Aussersihl in einem Brief bei den Empörten bedankt.