Grippe
Spitäler sind gegen Impfzwang, erhöhen aber den Druck

Nur 10 bis 20 Prozent des Personals in den Zürcher Spitälern lassen sich gegen Grippe impfen. Die Spitäler zwingen ihre Angestellten aber nicht zur Impfung, weibeln aber dafür,

Thomas Münzel
Merken
Drucken
Teilen
In manchen Zürcher Spitälern sind die Impfaktionen für das eigene Personal noch immer in Gang.

In manchen Zürcher Spitälern sind die Impfaktionen für das eigene Personal noch immer in Gang.

Keystone

Sie ist offenbar bereits wieder am Anrollen, die Grippewelle. Statt wie üblich im Januar, hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in einzelnen Kantonen schon jetzt eine erhöhte Zahl an Grippefällen registriert. In der Region 3, zu der die Kantone Aargau, Baselland, Basel-Stadt und Solothurn gehören, wurde die Grippeaktivität aufgrund der neuesten Zahlen vom BAG bereits als «verbreitet» eingestuft. Die Rate der neu auftretenden Erkrankungen lag in dieser Region bei 45 Fällen pro 100'000 Einwohner (bei 70 Fällen ist der epidemische Schwellenwert erreicht).

Dabei gilt der November eigentlich als der klassische Impfmonat. In manchen Zürcher Spitälern sind die Impfaktionen für das eigene Personal deshalb noch immer in Gang. Aufgrund einer ersten Schätzung gehen jedoch viele Spitäler schon heute davon aus, dass die Impfraten in etwa ähnlich hoch beziehungsweise tief sein werden wie im Vorjahr.

Grosse Unterschiede

Dabei variiert die Impfbereitschaft des Personals von Spital zu Spital stark. Während die See-Spitäler Horgen und Kilchberg mit einer Impfquote von «über 30 Prozent» obenausschwingen, bildet das Spital Bülach mit einer Impfrate von «rund 10 Prozent» das vorläufige Schlusslicht im Kanton; dieser Wert ist sogar noch tiefer als die durchschnittliche Impfrate bei der Gesamtbevölkerung (13 Prozent). Im Mittelfeld liegen das Spital Männedorf (20 bis 29 Prozent), das Universitätsspital Zürich (rund 20 Prozent) und das Kantonsspital Winterthur, das als einziges Spital gruppenspezifische Zahlen bekannt gab (Ärzte: 53 Prozent, Pflegende: 18 Prozent, und Personal ohne Patientenkontakte: 13 Prozent).

Keine konkreten Angaben zur Impfquote machten das Spital Limmattal («Im Schnitt liegen die Impfquoten im Spital Limmattal im Bereich anderer Spitäler»), die Klinik Hirslanden und das Spital Uster. «Eine Durchimpfungsrate von über 80 Prozent wäre dienlich», sagt auf Anfrage Jana Eichenberger, Sprecherin des Spitals Uster. «Aufgrund der Persönlichkeitsrechte unserer Mitarbeitenden wird jedoch keine detaillierte Erfassung durchgeführt.»

Wie ungemein wichtig es sein kann, dass Krankenhäuser und Alters- und Pflegeheime eine möglichst hohe Impfquote aufweisen, darauf deuten gleich mehrere, den Zürcher Spitälern durchaus bekannte Studien hin. Deren Kernaussage lautet: Ist das Personal in Heimen und Spitälern geimpft, vermindert dies das Sterberisiko der Patienten – je nach Studie – um 20 bis 40 Prozent.

Die Spitalleitungen wissen: Wer krank im Spital liegt, ist ohnehin schon geschwächt, und wer dann noch zur Risikogruppe gehört (Personen ab 65, Personen mit chronischen Erkrankungen, Schwangere und Frühgeborene) ist ganz besonders gefährdet.

Die Spitäler haben deshalb in den letzten Jahren denn auch viel unternommen, um insbesondere das eher impfskeptische Pflegepersonal für die Grippeimpfung zu gewinnen. Doch viele zeigen sich gegenüber diesen Argumenten immun. Denn nach wie vor werden von der Mehrheit des Personals in Umfragen vor allem die nachfolgenden Aussagen gegen die Grippeimpfung ins Feld geführt: «Dieses Gift will ich nicht in mir drin», «Ich habe ein Recht auf körperliche Unversehrtheit» oder «Ich hatte noch nie im Leben eine Grippe».

Allergische Reaktionen selten

Laut BAG kann aber die Grippe auch symptomfrei oder mit nur wenig Anzeichen verlaufen. Gerade dann bestehe jedoch die Gefahr, «dass man die Erkrankung falsch einschätzt und Patienten ansteckt». Die Impfstoffe enthalten laut dem Bundesamt keine Gifte. Zu schweren allergischen Reaktionen komme es zudem nur in äusserst seltenen Fällen. Tatsache sei hingegen, so das BAG, dass man wegen der Grippe und deren Folgen jedes Jahr bis zu 5000 Hospitalisationen und bis zu 1500 Todesfälle registriere. Um den Pflegenden ein weiteres plausibles Argument, das für die Grippeimpfung spricht, entgegenhalten zu können, erfasst das Universitätsspital Genf seit einigen Jahren jene Fälle, welche im Spital eine Grippe auflesen. Fazit: Allein in der letzten Grippesaison haben im Genfer Universitätsspital 147 Personen im Spitalbett eine Grippe eingefangen. Ein beträchtlicher Teil der Patienten dürfte jedoch durch Besucher angesteckt worden sein. Denn in keinem anderen Schweizer Spital greift die Spitaldirektion in Sachen Grippeimpfung so rigoros durch wie in Genf.

Jeder Angestellte im Genfer Unispital, der sich nicht impfen lassen will, muss eine Schutzmaske tragen und den Button «Ich trage eine Maske, um Sie zu schützen». Eine Kennzeichenpflicht gilt aber auch für die Geimpften. Diese tragen den Button «Ich bin geimpft, um Sie zu schützen.»

So weit wollen die Zürcher Spitäler jedoch (noch) nicht gehen. Viele begrüssen zwar im Grundsatz das Vorgehen des Genfer Universitätsspitals, setzen aber dennoch auf Freiwilligkeit. Wobei einzelne Aktionen der Spitäler klarmachen, dass zumindest der moralische Druck auf das Personal erhöht wird. Im Spital Uster beteiligen sich beispielsweise in diesem Jahr zahlreiche Mitarbeitende an der Motivationsaktion «Wir impfen uns, weil ...». Die entsprechenden Porträts mit den Slogans sind zurzeit an verschiedenen Orten im Spital platziert. Eine ähnliche Aktion findet derzeit auch in Bülach statt – allerdings nur im Zusammenhang mit gewöhnlichen Erkältungen. Im ganzen Spital hängen dort Plakate, auf denen verschiedene Mitarbeitende sagen: «Ich trage einen Mundschutz, weil ich erkältet bin und sie nicht anstecken möchte.» Wer möchte, kann sich freiwillig einen Button mit dem entsprechenden Slogan anheften.

Klartext aus Winterthur

Das Kantonsspital Winterthur unterstützt nach Aussagen von Chefarzt Jacques Gubler, Direktor des Instituts für Labormedizin und Leiter der Infektiologie und Spitalhygiene, «aktiv die Befolgung der Impfempfehlungen der Behörden für das Gesundheitspersonal». Alle Mitarbeitenden würden bei der Anstellung auf die entsprechende Erwartung des Spitals hingewiesen. «Vorgesetzte in Abteilungen mit besonders gefährdeten Patienten haben das Recht, bei Impfverweigerung die Anstellung zu verweigern», sagt Gubler. Seine generelle Botschaft ist denn auch unmissverständlich: «Eigentlich sollten Patienten in der Grippezeit verlangen, dass sie nur von geimpftem Personal oder solchem mit Mundschutz betreut werden.»

Einen Button mit der Aufschrift «Ich bin grippegeimpft» habe er bereits Mitte der 90er-Jahre an seinem damaligen Arbeitsort im Triemlispital kreiert und verteilt, erzählt Gubler. «Dessen Auslieferung wurde mir aber im zweiten Jahr auf Druck der Pflege verboten, weil Ungeimpfte gegenüber Patienten in Erklärungsnot gerieten.»