Zürich
Spitäler sehen nur noch den Lockdown als Ausweg – «Wir dürfen nicht so tun, als würden bei dieser Belastung die Fehler nicht zunehmen»

Die Zürcher Spitäler müssen jeden Tag entscheiden, ob sie Operationen verschieben müssen, um die Intensivstationen nicht zu überlasten.

Michel Wenzler
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Eine Behandlungskoje auf dem Notfall des Universitätsspital Zürich am 19. November – seither sind die Betten noch knapper geworden.

Eine Behandlungskoje auf dem Notfall des Universitätsspital Zürich am 19. November – seither sind die Betten noch knapper geworden.

Keystone

Nach zwei Stunden wurde es André Zemp schlecht. Der Direktor der beiden Stadtzürcher Spitäler Triemli und Waid (STW) hatte sich ein Bild davon machen wollen, wie seine Leute auf den Covid-Stationen arbeiten: in Schutzanzügen, während neunstündiger Schichten. «Die Wärme war mir zu viel», sagte Zemp, der selbst in einen solchen Anzug geschlüpft war. Er illustrierte damit, welchen Belastungen die Pflegenden derzeit ausgesetzt sind. «So zu arbeiten, verlangt körperlich viel», sagte er.

Eindrücklich ist auch die zweite Schilderung, die der Spitaldirektor an einer gemeinsamen Medienkonferenz mit dem Universitätsspital Zürich (USZ) und dem Kantonsspital Winterthur (KSW) machte. Zemp las aus einem Brief vor, den ein Herzinfarkt-Patient an das Spital verfasst hatte, nachdem seine Bypass-Operation aufgrund eines Kapazitätsengpasses verschoben worden war. Der Mann gestand darin, er habe Angst, dass er nicht rechtzeitig medizinische Hilfe bekomme.

Der Patient ist kein Einzelfall. Für Schlagzeilen sorgte in der vergangenen Woche, dass das Unispital die Operation eines jungen Krebspatienten verschob, weil es mit Covid-­Kranken ausgelastet war. «Am Montag konnten wir ihn nun operieren, die OP ist gut verlaufen», sagte Gregor Zünd, CEO des USZ.

Vier Plätze für 250'000 Einwohner

Von Engpässen berichtete auch der Direktor des Kantonsspitals Winterthur, Rolf Zehnder. Das KSW ist schon länger am Anschlag. Am Wochenende waren 14 der 18 Intensivplätze mit Covid-Patienten belegt. «Für die ganze Region Winterthur mit rund 250'000 Einwohnern standen somit nur noch vier Plätze auf der Intensivstation zur Verfügung», sagte Zehnder.

Zehnder, Zemp und Zünd – die Direktoren der drei grössten Covid-Spitäler im Kanton – informierten am Dienstag über die Lage in ihren Spitälern. Und sie glätteten mit ihrem Auftritt vermutlich auch Wogen. Nicht jene der zweiten Pandemiewelle. Sondern diejenigen, die beim Zürcher Regierungsrat wegen eines Interviews in der «NZZ am Sonntag» hochgegangen sein dürften.

Drei Chefärzte der besagten drei Spitäler, alle Infektiologen, hatten darin mit äusserst scharfen Worten das zögerliche Handeln des Regierungsrats und des kantonalen Sonderstabs kritisiert. Keiner von ihnen war nun – im Gegensatz zu anderen Ärzten – an der Medienkonferenz anwesend. KSW-Direktor Zehnder sagte: «Die Spitalleitungen distanzieren sich vom Eindruck einer pauschalen Kritik am kantonalen Sonderstab.»

Spitäler machen keine Politik mehr

Offenbar gab es in der Zwischenzeit eine Aussprache. USZ-Direktor Zünd betonte, wie gut die Zusammenarbeit mit der kantonalen Gesundheitsdirektion sei. Die Botschaft der Spitaldirektoren: Es gibt keinen Graben zwischen den Spitälern und der Politik. Und: Die Spitäler machen keine Politik. Vor einigen Tagen hatte sich Zünd noch anders geäussert. Auch er hatte schweizweit die Schliessung von Restaurants, Läden, Museen, Kultur- und Sporteinrichtungen gefordert. Inzwischen ist er zurückhaltender. «Es ist nicht an uns Spitälern, vom Bundesrat etwas zu fordern», sagte er. Auf seine früheren Forderungen angesprochen, sagte er nur noch: «Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Schweiz um einen Lockdown herumkommt.»

Zünd verwies dabei auf den hohen Reproduktionswert. Im Kanton Zürich beträgt er 1,16. Das bedeutet: 100 Infizierte stecken weitere 116 Personen an. Die Pflicht der Spitalverantwortlichen sei es nun, auf die dramatische Lage aufmerksam zu machen, sagte Zünd. Die drei Spitäler müssen sich inzwischen jeden Tag überlegen, welche Operationen sie nun tatsächlich durchführen können. Manche Patienten müssten nach einer schweren Operation geplant auf eine Intensivstation, sagte Zehnder. Hier stelle sich jeweils die Frage: «Haben wir gerade genügend Plätze auf der Intensivstation? Oder verschieben wir eine Operation besser, um einen Platz mehr frei zu halten?» Die Abteilungen am KSW würden täglich aushandeln, wer welche Eingriffe durchführen könne.

Ein Problem ist, dass Covid-Patienten zunehmend länger auf der Intensivstation liegen. Im USZ sind es durchschnittlich neun Tage, Tendenz steigend. Es gibt inzwischen Patienten, die sich bereits seit 50 Tagen in Intensivpflege befinden.

Um mehr Kapazitäten zu haben, hat das Unispital nun eine zusätzliche Intensivstation mit acht Betten eröffnet. Zudem gibt es neu eine grosse allgemeine Abteilung für Covid-Patienten. Weil es dafür zusätzliches Personal braucht, mussten acht Operationssäle geschlossen werden.

Der Druck auf die Mitarbeiter in den Spitälern nimmt zu. «Wir sind nicht darauf eingestellt, über Monate einen Dauermarathon zu leisten», sagte STW-Direktor Zemp. Er äusserte die Sorge, dass ein Teil des Personals irgendwann kündige, weil es schlicht nicht mehr könne. Auch KSW-Direktor Zehnder wurde deutlich: «Wir dürfen nicht so tun, als würden bei dieser Belastung die Fehler nicht zunehmen.»

Skifahren ist nicht empfohlen

Trotz der hohen Auslastung rufen die Spitaldirektoren die Bevölkerung dazu auf, bei medizinischen Problemen weiterhin den Notfall aufzusuchen. Situationen wie im Frühling, als Patienten nach Herzinfarkten und Schlaganfällen aus falscher Rücksichtnahme oder Angst die Spitäler mieden, soll es nicht mehr geben.

Die Bevölkerung soll zudem mithelfen und auf möglichst viele Kontakte verzichten. Grossen Respekt haben die Spitaldirektoren davor, dass sich in den Weihnachtsferien viele Menschen infizieren werden. Kritisch sind sie dem Skifahren gegenüber eingestellt. Rolf Zehnder, der selbst gerne auf die Piste geht, sagte mit Blick auf mögliche Ansteckungen und Unfälle: «Jetzt Ski zu fahren, kommt für mich nicht in Frage.»