Ein grosser Glückskäfer aus Schokolade, dazu ein kleines Töpfchen mit Glücksklee – die 15 000. Patientin im Notfall des See-Spitals Horgen wurde Ende des vergangenen Jahres nach der stationären Aufnahme mit diesem Geschenk überrascht. Medienwirksam freut sich das See-Spital über diesen Besucherrekord – und das in Zeiten, in denen sich Gesundheitspolitiker einig sind: Zu viele Patienten besuchen mit einem kleinen Wehwehchen den Spitalnotfall. Das blockiert nicht nur wichtige Ressourcen für die richtigen Notfälle, sondern ist auch noch sündhaft teuer.

Das See-Spital rechtfertigt das Geschenk an die 15 000. Patientin: «Das war eine spontane Aufmerksamkeit und keine geplante Aktion», teilen die Verantwortlichen mit.
Doch beim Schoggi-Glückskäfer bleibt es nicht: Derzeit läuft eine gross angelegte Werbekampagne des See-Spitals, welche etwa an Bahnhöfen und in Bussen der Region zu sehen ist. «Offen. Rund um die Uhr. Notfall für Versicherte aller Klassen», steht da zu einem Bild des Notfalleingangs.

Das See-Spital wirbt also nicht mit besonders freundlichem Pflegepersonal oder besonders kompetenten Ärztinnen und Ärzten, sondern ausgerechnet mit dem Notfalldienst. Dabei merkte Stiftungsratspräsident Lorenzo Marazzotta schon 2017 an, der Notfall sei oft überlastet.

Entsprechend erzürnt die Werbung viele. Einer, der sich besonders stört, ist der Horgner GLP-Nationalrat Thomas Weibel. Er hat jüngst im Nationalrat einen Vorstoss eingereicht, der eine direkt vor Ort zahlbare Notfallgebühr von 50 Franken für Bagatellfälle fordert. Nirgends würden die Kosten so rasant steigen wie im ambulanten Spitalbereich, sagt Weibel. «Eine Konsultation auf der Notfallstation kostet mindestens doppelt so viel wie eine Notfallkonsultation beim Hausarzt oder Notfallarzt», argumentiert der Politiker, der auch Mitglied der Gesundheitskommission ist.

Er sagt: «Das See-Spital torpediert direkt die Bemühungen der Politik auf kantonaler und eidgenössischer Ebene, diese Kosten einzudämmen.» Beim See-Spital kann man über die Kritik des Nationalrates nur den Kopf schütteln: «Wir können die Vorwürfe nicht nachvollziehen und weisen diese entschieden zurück», sagt der Mediensprecher des Spitalstiftungsrates Christian Bretscher, ohne jedoch Zahlen zu den Kosten eines Notfalls liefern zu wollen.

Die Plakate seien Bestandteil einer Kampagne zur Information der Bevölkerung über das See-Spital und seine Dienstleistungen. «Dazu gehört auch die in vielen Fällen lebensrettende Notfallstation. Deren Betrieb ist fester Bestandteil des kantonalen Leistungsauftrages des See-Spitals.»

Kanton zurückhaltend

Für Weibel ist das kein Argument. Denn auf der Website informiere das See-Spital korrekt, meint der Nationalrat. Dort heisst es nämlich: «In nicht lebensbedrohlichen Notfällen kontaktieren Sie bitte Ihren Hausarzt. Ist dieser nicht erreichbar, wählen Sie die Notfallnummer des Kantons Zürich: 0800 33 66 55.»

Ende des vergangenen Jahres bezeichnete der Zürcher Regierungsrat die Entlastung der Spitalnotfälle denn auch als «Daueraufgabe für alle Akteure». Geht es dann aber um die konkrete Werbekampagne, gibt sich die Gesundheitsdirektion des Kantons zurückhaltend. Mediensprecher Daniel Winter sagt lediglich: «Es steht allen Spitälern frei, in sachlichem Rahmen ihre eigenen Kommunikations- und Marketingmassnahmen zu treffen.»

Nationalrat Weibel hofft, dass spätestens mit dem geplanten Neubau des See-Spitals in Horgen das Buhlen um Notfallpatienten ein Ende hat. «Die neue Notfallpraxis soll sich als Triagestation vor der Notaufnahme positionieren und nur die schwerwiegenden Fälle an das Spital weiterleiten», sagt er. Ein solches Modell bewähre sich an anderen Spitälern bereits.

In diesem Punkt macht das See-Spital Weibel Hoffnung: «Genau dies ist Absicht und Ziel der neuen Notfallpraxis in Horgen», sagt Mediensprecher Bretscher. Nach Möglichkeit wolle man diese Praxis mit Hausärzten aus der Region besetzen. Der Neubau soll bis 2022/2023 fertiggestellt sein.

Der Vorstoss von Nationalrat Weibel zur 50-Franken-Gebühr für Bagatellnotfälle liegt derzeit bei der Gesundheitskommission des Ständerates zur Bearbeitung. Der Kanton Zürich könnte allein keine solche Gebühr einführen – sie würde gegen Bundesrecht verstossen.