Zürich
Spital-Mitarbeiterin wirbt für umstrittene Züchtigungskurse «Childwise»

Eine Mitarbeiterin des Kantonsspitals Winterthur macht in Kursen für junge Mütter Werbung für die umstrittene Organisation «Childwise». Die Gründer lehren Erziehungsmethoden nach dem Alten Testament.

Lisa Aesch
Merken
Drucken
Teilen
«Körperliche Züchtigung ist etwas, was die Eltern für das Kind tun», steht in den umstrittenen Erziehungsratgebern von «Childwise».

«Körperliche Züchtigung ist etwas, was die Eltern für das Kind tun», steht in den umstrittenen Erziehungsratgebern von «Childwise».

Grenchner Tagblatt

Die junge Mutter Sabine Meier* hatte nach der Geburt ihres Kindes einen Kurs am Kantonsspital Winterthur (KSW) gebucht. Dieser war schon fast zu Ende, als die Kursleiterin, eine Mitarbeiterin des KSW, von Erziehungskursen zu schwärmen begann, die sie selbst leitet. Sie wollte die jungen Mütter davon überzeugen, sich für einen dieser Kurse anzumelden. Erst nach mehrmaligem Nachhaken verriet die Kursleiterin, dass es sich um Kurse des amerikanischen Freikirchler-Paares Gary und Anne Marie Ezzo handelt, deren Lehren in der Schweiz der Verein Childwise vertritt.

«Childwise» ist für umstrittene Erziehungspraktiken bekannt. Die Ezzos haben Erziehungsratgeber herausgegeben, in denen sie sich auf das Alte Testament beziehen: Kinder werden geschlagen, wenn sie nicht gehorchen. Babys werden schreien gelassen und nur nach striktem Plan gefüttert. Ihre Erziehungsgrundsätze sind in den beiden Ratgebern «Kindererziehung nach Gottes Plan» und «Schlaf gut, mein kleiner Schatz» festgehalten. «Kindererziehung nach Gottes Plan» ist laut Experten das Herzstück der Ezzo-Programme. Es lehrt unter anderem die Züchtigungspädagogik. So schreiben die Ezzos in Kapitel 13 , dass Züchtigung eine «global gültige Form der Korrektur sei» und im biblische Sinn etwas, «das die Eltern für das Kind tun» und den «kindlichen Charakter fürs Leben forme».

Kinder weinen lassen

Auf der Website des Vereins findet sich nur noch der Ratgeber «Schlaf gut, mein kleiner Schatz». Dieser ist im deutschen Sprachraum weit verbreitet, die deutsche Version liegt in der achten Auflage vor, die englische hatte sechs Jahre nach Erscheinen bereits eine Auflage von einer Viertel Million. In der Schweiz hat die konservative Freikirche «Gemeinde für Christus» das Buch herausgegeben. Hier ist nicht mehr explizit von Züchtigung die Rede, auch alle religiösen Verweise wurden entfernt. Das Buch empfiehlt jedoch die umstrittene Methode des «elterngelenkten Fütterns (EGF)». Diese besagt, dass Eltern Babys nicht nach Bedarf stillen und schlafen lassen sollen, sondern in einem von den Eltern vorgegebenen Rhythmus: Das Kind wird geweckt, wenn es den Rhythmus verschläft und wenn es weint, wird es weinen gelassen. «Wenn Ihr Baby 15 bis 20 Minuten schreit, schadet ihm das weder körperlich noch seelisch», schreiben die Ezzos dazu.

Gemäss der Website von «Childwise» finden die Erziehungskurse in Winterthur und Region jeweils «auf Anfrage» statt. Ob in den Kursen in Winterthur die umstrittenen Ansätze der Ezzos gelehrt werden, ist nicht bekannt. «Childwise» hat auf keine der telefonischen und schriftlichen Anfragen dieser Zeitung reagiert.
Sabine Meier sagte der Name «Childwise» zuerst nichts, darum informierte sie sich dazu im Internet und erschrak, als sie auf einen Artikel des «Beobachters» stiess, der die Praktiken der Ezzos ausführlich beschreibt. Auf der Website des Vereins war in keiner Weise von solchen Ansätzen zu lesen.

In der Tat lassen sich auf der Website weder Hinweise auf körperliche Züchtigung noch auf religiöses Gedankengut finden. Die Angebote und Leistungen des Vereins stünden grundsätzlich allen Eltern offen, unabhängig von deren weltanschaulichem und sozialem Hintergrund, schreibt der Verein. Auf der in einem unschuldig pinkem Design gehaltenen und mit Herzchen-Symbolen verzierten Website stellt sich «Childwise» als Verein fürsorglicher, liebender Eltern dar.

Die Ezzos: Prügel, Plagiate und Pleiten

Das Ehepaar Gary und Anne Marie Ezzo, er mit theologischer Ausbildung, sie Krankenschwester, lebt in Kalifornien und leitet dort seit knapp 40 Jahren die kommerzielle Organisation Growing Family International (GFI). Wie Infosekta schreibt, haben sie diese in einer evangelikalen Gemeinschaft mit anderen Paaren aufgebaut. Die Ezzos verliessen die Kirche jedoch bald im Streit, aufgrund ihrer Erziehungsprogramme sei es zu heftigen Konflikten gekommen. Eltern, die ihre Kinder «nach Ezzo» erzogen, lehnten jede andere Art der Erziehung als nicht-biblisch ab. Der GFI wurde immer wieder sektenhafte Aspekte vorgeworfen. Es gibt Berichte von Gary Ezzos schwierigem Führungsstil. Von anderen Gemeinden wurde ihm vorgeworfen, nicht die Wahrheit gesagt zu haben. So gab er vor, einen Universitätsabschluss zu haben, was nicht stimmte. Ausserdem wurde er eines Plagiats überführt. Die Ezzos betonten
immer wieder, «gute Kinder» seien eine reine Funktion der Erziehung – und zogen ihre Kinder
immer wieder als positive Beispiele heran. Im Jahr 2002 kam es wegen andauernder Streitigkeiten zum Bruch mit zwei
Töchtern.

Unzählige Statements von begeisterten Eltern sollen Besucher von den Kursen überzeugen. So schreibt die 28-jährige Barbara: «Für mich ist es eine grosse Bestätigung, dass man die Früchte dieses Kurses sieht, wenn mir Freunde sagen: ‹Du bist die einzige Mutter, die ich kenne, die nicht über den Schlafmangel und das weinende Kind jammert, sondern begeistert von ihrem rundum zufriedenem Baby erzählt! So ein liebes Kind will ich auch mal haben›». Pfarrer Jonas Oesch, 31, aus Steinmaur-Neerach meint: «In Erziehungsfragen vertritt ‹Childwise› eine gesunde Linie. Die Führungsrolle in der Erziehung liegt dabei klar bei den Eltern.»

Spital distanziert sich

Über den Verein mit Sitz in Gattikon, Kanton Zürich, ist wenig bekannt. Seit er 2011 in der Schweiz aktiv wurde, sind lediglich vier Artikel in der Schweizer Mediendatenbank erschienen, in denen «Childwise» namentlich erwähnt wird. Eine direkte Kontaktmöglichkeit auf der Website fehlt. Es sind zwei Familien angegeben, die die Erziehungskurse leiten. Eine davon stammt aus Winterberg bei Brütten. Auch diese war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.
Mit dem Fall konfrontiert, sagt KSW-Mediensprecher Michael Baumann: «Grundsätzlich macht das KSW nie Werbung für Dritte.» Würde das trotzdem passieren, sei das weder im Sinn, noch im Interesse oder Wissen des Spitals. Zum Fall selbst kann Baumann nicht mehr sagen: «Wir klären das momentan ab.» Die betreffende Kursleiterin meldete sich nach mehreren Anfragen schriftlich bei dieser Zeitung. Sie wollte zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen: «Sie haben schon eine Stellungnahme von meinem Arbeitgeber erhalten, dabei bleibt es.»

Bücher mit Anleitung zu Gewalt

Infosekta, die Fachstelle für Sektenfragen, hat sich 2013 in einem 21-seitigen Bericht genauer mit den Erziehungspraktiken von Gary und Anne Marie Ezzo auseinandergesetzt. Sie kommt zum Schluss: «Die Ratgeber sind eine systematische Anleitung zu körperlicher und psychischer Gewalt an Kindern.»

Kein Züchtigungsverbot in der Schweiz

Artikel 11 der Bundesverfassung schreibt vor, dass Kinder ein Anrecht auf besonderen Schutz ihrer Unversehrtheit haben. Ein ausdrückliches
Züchtigungsrecht existiert in der Schweiz seit 1978 nicht mehr. Wie der Menschenrechtsverein Humanrights.ch schreibt, existiert aber gleichzeitig kein Verbot von Körperstrafen, die nicht zu
sichtbaren Schäden führen. Die Rechtsprechung des Bundesgerichts hat das bestätigt, indem sie körperliche Züchtigungen im Rahmen der Familie nicht als physische Gewaltakte betrachtet, wenn sie ein gewisses von der Gesellschaft akzeptiertes Mass nicht überschreiten und die Bestrafung nicht allzu häufig wiederholt wird. Die Winterthurer Nationalrätin Chantal Galladé (SP) forderte 2015 in einer Motion, dass die Gesetzgebung so umformuliert wird, dass Körperstrafen und andere erniedrigende Behandlungen, die die physische oder psychische Integrität des Kindes beeinträchtigen könnten, im Zivilgesetzbuch verboten werden. Der Nationalrat hat die Motion im Mai 2017 abgelehnt, mit der Begründung, dass die
aktuelle Gesetzgebung den Kindern ausreichend Schutz biete.

Das Buch «Schlaf gut, mein kleiner Schatz» führte laut Infosekta in den USA zu vielen Fällen von Gedeihstörungen und Dehydrierung bei Babys, sowie Entwicklungsstörungen bei Kleinkindern. Aus Schilderungen gehe zudem hervor, dass die Babys, die elterngelenkt gefüttert wurden, sich nicht mehr meldeten, weil sie bereits so geschwächt waren. Infosekta schreibt: «Alle erwähnten Praktiken haben mit dem Grundgedanken der Ezzos’ zu tun: Das Kind muss beherrscht werden, sein blosses Wollen muss unterdrückt werden.»
«Kindererziehung nach Gottes Plan» stuft Infosekta als «explizit evangelikales Programm ein, das in verschiedenen evangelikal-christlichen Gemeinschaften in der Schweiz zur Anwendung kommt». Die Anweisungen im Buch zielten auf die Frustrierung grundlegender Bedürfnisse: Essen, schlafen, sich sicher fühlen. Das Buch sei deshalb nichts anderes, als eine Unterweisung darin, «einem Kind sämtliche Voraussetzungen zu nehmen, die es ihm erlauben würden, sich als wollend, eigenständig und legitim zu erleben». Ezzos Erziehung ziele bewusst auf die Zerstörung der sich entwickelnden Persönlichkeit.

Wie viel Einfluss hat «Childwise» in der Schweiz? Laut Georg O. Schmid, Sektenexperte und Leiter der evangelischen Infostelle Relinfo ist dieser gering: «Nach unseren Informationen ist die Reichweite der Ezzos beschränkt.» Die von «Childwise» gelehrten hochproblematischen Erziehungspraktiken würden heute von den meisten Freikirchen abgelehnt. «Dass es ‹Childwise› seither in irgendeiner Form gelungen wäre, im freikirchlichen Bereich Fuss zu fassen, darauf finde ich keine Hinweise», sagt Schmid. Während andere konfessionsübergreifende Werke im Freikirchenbereich von lokalen Freikirchen zu Vorträgen eingeladen würden, scheine dies bei «Childwise» nicht der Fall zu sein. «Ich finde auch keine positive Berichte in freikirchlichen Magazinen, wie sonst bei solchen Werken üblich ist.» Deshalb vermutet Schmid, dass die Zahl der Menschen, die sich für den Verein engagieren in der Schweiz sehr klein ist — «vermutlich deutlich unter 100 Leuten».

«Seine Kinder zu schlagen, ist einfach nur furchtbar. Damit möchte ich nichts zu tun haben.»

Sabine Meier, junge Mutter und Besucherin des KSW-Kurses

Für Sabine Meier ist klar: «Seine Kinder zu schlagen, ist einfach nur furchtbar.» Sie möchte mit einer solchen Erziehungspraxis nichts zu tun haben. Andere Kursteilnehmerinnen seien aber auf das Angebot eingegangen und hätten sich für die Kurse angemeldet.
*Name geändert.