Die Freude war gross, als pünktlich aufs Sechseläuten 2014 der Umbau fertig war. 17 Millionen Franken hatte die Stadt investiert, 4200 Tonnen Valser Quarzit waren verlegt worden. Der Zürcher Sechseläutenplatz, früher eine Wiese und nach dem Circus-Knie-Gastspiel jeweils ein Acker, strahlte mit einem Mal mondäne Weite und Eleganz aus. Das wollte gefeiert werden – 14 Tage war der Platz mit Ständen und Attraktionen belegt.

Damit nicht genug: Auch für die Leichtathletik-EM, die Zürich in jenem Jahr ausrichtete, gab er das ideale Setting ab, um die Gäste aus nah und fern zu beeindrucken; 46 Tage war der Platz verstellt. Vorausgegangen waren da bereits 37 Tage Circus Knie, der während des Umbaus auf die Landiwiese verbannt gewesen war. Hinzu kamen in der Belegungsbuchhaltung 5 Tage Street Parade, 29 Tage Herbstzirkus, 18 Tage Zurich Film Festival und diverse kürzere Anlässe. Das alles ergab ein Jahrestotal von 163 Tagen, mit eingerechnet 74 Auf- und Abbautage.

Möglichst gratis

Das kam nicht überall gut an. Es wurde eine Volksinitiative «Freier Sechseläutenplatz» lanciert. Sie fordert eine maximale Belegung von 65 Tagen pro Jahr, inklusive Auf- und Abbau. Zudem sollen die bewilligten Veranstaltungen gratis sein müssen, mit möglichen Ausnahmen insbesondere für Zirkusse. Am 10. Juni kommt die Initiative zur Abstimmung, zusammen mit einem Gegenvorschlag. Letzterer sieht eine Höchstgrenze von 180 Tagen vor (davon höchstens 45 von Anfang Juni bis Ende September). Unentgeltlichkeit wird nicht verlangt. Der Gegenvorschlag entspricht in etwa dem bestehenden Nutzungsreglement, das der Stadtrat bereits 2011 festgelegt hatte mit einem Maximum von 185 Tagen.

Im Gemeinderat wurde die Initiative nicht unterstützt. Nur Grüne, AL und Teile der SP waren dafür. Keine Mehrheit fand auch ein Maximum von 125 Tagen, das der Stadtrat als möglichen Gegenvorschlag präsentiert hatte. Diese Variante hätte auch beinhaltet, dass die Vermietung kleinerer Flächen in der Belegungsbuchhaltung nur halb gezählt hätte (das Filmfestival wäre daruntergefallen). Der Gemeinderat befürchtete, dass so Events an bis zu 250 Tagen in der einen oder anderen Ecke des Platzes am Laufen sein könnten.

Lanciert wurde die Volksinitiative «Freier Sechseläutenplatz» von Samuel Hug, Sozialwissenschafter, Berufsschullehrer und SP-Mitglied im Stadtkreis 3. Dass seine Partei in der vorberatenden Kommission und teilweise im Parlament den Gegenvorschlag mit 180 Tagen unterstützte, führt er auf Druck aus dem Stadtrat zurück, der sich kommerziellen Interessen beuge. Mittlerweile verabschiedete die SP-Gesamtstadtpartei neben der Ja-Parole zum Gegenvorschlag Stimmfreigabe zur Volksinitiative. Die Partei ist gespalten, so wie es auch bürgerlicherseits Abweichler gibt.

Für die Initianten geht es um eine Rückeroberung des öffentlichen Raumes und das Ermöglichen von Begegnung. Aus der gegnerischen bürgerlichen Sicht ist die Initiative eine «Spassbremse», wie FDP-Gemeinderat Andreas Egli sagte. Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) plädierte via Kolumne im Tagblatt für den Gegenvorschlag. Auch mehrere Gastrounternehmer und das umliegende Gewerbe setzen sich gegen die Initiative und für den Gegenvorschlag ein. Vor allem die Belebung durch den Weihnachtsmarkt, der den Platz seit 2015 jeweils rund 50 Tage lang beansprucht, wird von den umliegenden Geschäften geschätzt.
Ihn gäbe es nach einer Annahme der Initiative wohl nicht mehr. Die Initianten halten dagegen, dass ab diesem Jahr ja auch noch ein Weihnachtsmarkt auf dem Münsterhof stattfinden wird. Das sei ohnehin des Guten zu viel. Traditionsanlässe wie das Sechseläuten und der Circus Knie – allenfalls mit verkürztem Gastspiel – oder auch die Freiluftveranstaltung «Oper für alle» blieben aus ihrer Sicht ungefährdet.

Ein Literaturwettbewerb

Die meisten Veranstaltungen auf dem Platz haben im engeren oder weiteren Sinn einen kulturellen Hintergrund. So finden sich im Komitee gegen die Initiative auch prominente Namen aus Kunst und Unterhaltung: zum Beispiel die Komiker Victor Giacobbo und Marco Rima, aus dem Fach Regie Sabine Boss, Xavier Koller oder Rolf Lyssy, ausser dem Hechtplatz-Theaterleiter Dominik Flaschka, Bandleader Pepe Lienhard oder Zirkusdirektor Fredy Knie junior.

Aber auch die Initianten können prominente Unterstützer vorweisen, allen voran Schriftsteller Charles Lewinsky. Er hat sogar einen Literaturwettbewerb lanciert. Gefragt sind Kurzgeschichten vom und um den Sechseläutenplatz. Mit in der Jury sitzen die Schriftstellerinnen Ruth Schweikert und Dana Grigorcea. Auch Kuratorin Bice Kuriger hat sich als Unterstützerin eingetragen.

Der Stadtrat hatte eingestanden, dass er es im Eröffnungsjahr 2014 übertrieben hatte mit der Vermietung des Platzes. Im vergangenen Jahr war er an 149 Tagen belegt. Ein Herbstzirkus hat seit 2015 nicht mehr stattgefunden. Mit einer Gastspieldauer von insgesamt 29 Tagen wie zuletzt 2014 wäre die Obergrenze gemäss Gegenvorschlag dann so gut wie erreicht.