Wolff
SP teilt Euphorie für Sprengkanditaten Wolff nicht

Die SP bleibt bei der Stimmfreigabe. Wenn der freiwillige Proporz in Frage gestellt werden soll, dann wenn schon mit jemandem aus der eigenen Partei. Die Jungsozialisten hingegen unterstützen den Kandiaten der Alternativen Liste.

Michael Rüegg
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Marco Camin (FDP, links) und Richard Wolff (AL, rechts). Keystone

Marco Camin (FDP, links) und Richard Wolff (AL, rechts). Keystone

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Eigentlich hatten die Delegierten der städtischen SP am 17. Januar beschlossen, keinen der drei Kandidaten um den Sitz des zurücktretenden FDP-Stadtrates Martin Vollenwyder zu unterstützen. Gestern Abend traten sie nun zusammen, um ebendiese Angelegenheit neu zu verhandeln. Formell nötig war die Versammlung, weil mehrere Sektionen danach verlangt hatten.

Die Frage, die nun am gestrigen Abend immer wieder auftauchte, war: Hat sich seit dem ersten Wahlgang etwas geändert?

Marco Camin als Sieger

Nüchtern betrachtet heisst der Sieger des ersten Wahlgangs Marco Camin (FDP). Allerdings lag er nur knapp vor dem Sprengkandidaten der Alternativen Liste, Richard Wolff. Der dritte im Bunde, GLP-Kandidat Daniel Hodel, lag weit dahinter und zog sich zurück.

Kampf gegen hohe Steuern

Ist das nun eine neue Ausgangslage? Ja, meinte Kantonsrätin Monika Spring, die den Antrag auf Unterstützung eines der beiden Kandidaten stellte. Und das beste Argument gegen sich lieferte ihr Camin gleich selber. In der gestern erschienenen linken Wochenzeitung «P.S.» wirbt der FDP-Kandidat auf der Titelseite mit der Schlagzeile: «Kämpft konsequent gegen höhere Steuern.» Das kommt bei den Genossen schlecht an.

Ja, die Ausgangslage sei eine andere, fanden auch zahlreiche andere Redner. Ein Delegierter verwies darauf, was Camin «in letzter Zeit rausgelassen» habe. Es sei nun nicht mehr egal, welchen von beiden Kandidaten man wähle. Damit spielte er auf die rhetorischen Versuche Camins an, bei rechtsbürgerlichen Kreisen zu punkten.

Von Anfang an Unterstützung hatte Wolff bei den Jungsozialisten

(Juso) gefunden. Deren Sprecher Nikolai Prawdzic deutete Wolffs hohe Stimmenzahl so: «Tausende Wählerinnen und Wähler haben Mut zur Erneuerung gezeigt. Jetzt geht der Ball zurück an uns Delegierte.» Auch Gemeinderat Hans Urs von Matt plädierte dafür, nun Wolff zu unterstützen: «Wir wollen linke Politik im Stadtrat. Das ist Richard Wolff, alles andere bringt nichts.»

Parteileitung für Freigabe

Die Co-Präsidentin der SP Stadt Zürich, Andrea Sprecher, mochte der Euphorie für den Kandidaten der linken Kleinpartei nichts abgewinnen. «Wenn wir den freiwilligen Proporz infrage stellen wollen, dann mit einem eigenen Kandidaten.» Die SP habe genug eigene fähige Leute und müsse nicht einen Kandidaten einer anderen Partei unterstützen, wenn sie das Machtgefüge in der Exekutive verändern wolle, so Sprecher.

Sympathie für Wolff

Die Mehrheit der Redner sprach zwar Wolff die Sympathie aus, plädierte jedoch für die Beibehaltung der Stimmfreigabe. «Ich rede nicht mit dem Herzen, sondern mit dem Kopf», räumte alt Kantonsrat Yves de Mestral etwa ein.

Finanzielle Unterstützung

Das Abstimmungsprozedere sah erst eine Ausmarchung zwischen den Kandidaten vor, in einer zweiter Runde dann den Entscheid über die Stimmfreigabe. Erwartungsgemäss siegte Wolff mit 58 gegen Camin mit 10 Delegiertenstimmen. Doch in der Schlussabstimmung blieb es dabei: 60 Delegierte votierten für die Stimmfreigabe, 36 wollten Wolff unterstützen.

Als Tüpfelchen auf dem i rief zum Schluss ein Genosse dazu auf, Wolffs Wahlkampf wenigstens finanziell zu unterstützen – dazu platziere er nun seinen Velohelm gut sichtbar am Ausgang. Fazit: Die Herzen waren mehrheitlich bei Wolff, die Köpfe bei der Parteiräson.