In der Pubertät verwandeln sich Teenager in Eulen. So nennen Schlafforscher Menschen, die abends spät ins Bett gehen und morgens kaum aus den Federn kommen. Grund ist nicht ein ausschweifender Lebenswandel, sondern die Biochemie, die ihre innere Uhr verstellt. Viele Teenager können gar nicht anders – und sitzen um 8 Uhr früh zerknittert und teilnahmslos in den Schulbänken.

Obwohl dies in der Schlafforschung längst bekannt und unbestritten ist, plädieren Wissenschafter hierzulande bislang vergebens für einen späteren Schulanfang. Anders als in Ländern wie England oder Finnland, wo die Schule erst um 9 Uhr beginnt.

Jetzt hat sich die Zürcher SP des Themas angenommen. Sie glaubt damit nicht nur die Teenager von ihrem Leid zu erlösen, sondern auch die Kapazitätsengpässe im öffentlichen Verkehr zu entschärfen. Wenn Sekundarschüler, Gymnasiasten und Berufsschüler die Züge später in Beschlag nehmen, bleibt zwischen 7 und 8 Uhr mehr Platz für die Berufspendler.

«Wir hängen zu stark an der Tradition, dass die Schule um 8 Uhr morgens beginnt», sagt SP-Kantonsrätin Renate Büchi. Sie verlangt als Erstunterzeichnerin eines gestern eingereichten Postulats vom Zürcher Regierungsrat, er solle prüfen, welche Konsequenzen ein späterer Schulanfang hätte.

Bern und Basel sind weiter

Im Kanton Bern hat ein fast identischer SP-Vorstoss die Regierung vor einem Jahr dazu bewegt, auf die Gymnasien und Berufsschulen zuzugehen. Die Widerstände sind dort zwar beträchtlich, aber es seien entsprechende Massnahmen in Vorbereitung. In Bewegung gekommen ist der Schulanfang auch im Kanton Basel Stadt: Die Sekundarschule soll dort künftig anstatt um 7.40 erst um 8 Uhr beginnen.

Marc Kummer, Chef des Zürcher Mittelschul- und Berufsbildungsamts, war gestern für eine Einschätzung nicht zu erreichen. Dafür nahm sein Kollege Martin Wendelspiess Stellung, als Chef des Volksschulamtes zuständig für die Sekundarschulen. Obwohl er diesen eine Umstellung nicht vorschreiben könnte, weil dies in der Autonomie der jeweiligen Gemeinde liegt, ist er vertraut mit den Argumenten gegen einen späteren Schulanfang.

Da ist etwa der zusätzliche Betreuungsaufwand, der anfallen könnte, weil die Eltern am Morgen früh zur Arbeit gehen müssen und sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern können. Ein anderes Gegenargument zielt auf die Folgen für alle ausserschulischen Aktivitäten und das ganze komplexe Freizeitsystem, das damit zusammenhängt. Ein Beispiel: Wenn die Sekschüler eine Stunde später auf dem Fussballplatz auflaufen, müssen auch die Senioren länger warten.

Die SBB sind interessiert

Der Chronobiologe Christian Cajochen von der Psychiatrischen Uniklinik Basel sieht darin eine ignorante Haltung. Es gebe kein einziges Argument, warum Jugendliche so früh aufstehen sollten. Gegen Infrastruktur-Engpässe am Abend empfiehlt er kürzere Mittagspausen. Ambivalenter ist Oskar Jenni, Leiter Schlafzentrum am Zürcher Kinderspital. Jugendliche seien nicht reine Sklaven ihrer Biologie. Einen Einfluss habe auch, ob die Eltern auf die Bettzeiten acht gäben. Vor allem aber gebe es «wenig bis keine Studien», die sich mit den Schweizer Verhältnissen befassten und mit den Folgen, die ein früherer Schulanfang hier für Teenager und ihr Umfeld hätte.

Auf fruchtbaren Boden fällt der Vorstoss der SP bei den SBB. Diese Diskussion müsse in der Öffentlichkeit geführt werden, sagt ein Sprecher. Mit einem späteren Schulanfang könnte man das Eisenbahnnetz entlasten. Spezifische Zahlen zu pendelnden Schülern gibt es nicht. Belegt ist aber, dass zwei Drittel der breiter gefassten «Ausbildungspendler» auf Zug, Bus oder Tram setzen. Im Kanton Zürich gehen 11 Prozent aller Fahrten auf ihr Konto – und sie sind heute zur gleichen Zeit unterwegs wie die Arbeitspendler.