Wie präsentiert sich die Ausgangslage der SP nach dem Rückzug von Stadträtin Claudia Nielsen?

Im Stadtrat verliert die SP damit ihren vierten Sitz, den sie seit 1998 besetzt. Das schwächt natürlich ihren Einfluss, obwohl die linke Mehrheit im neunköpfigen Gremium weiterhin gegeben ist. Nebst den Wiederkandidierenden der SP – Corine Mauch (Stadtpräsidentin), André Odermatt und Raphael Golta – zählen Daniel Leupi (Grüne) und Richard Wolff (AL) zum linken Quintett der Bisherigen. Sofern es der vereinigten Linken gelingt, den durch Claudia Nielsen verloren gegangenen Sitz mit Karin Rykart (Grüne, neu) zu ersetzen – was wahrscheinlich scheint – hat sie nach den Wahlen sechs von neun Sitzen im Stadtrat. Und wenn es die GLP ausserdem versteht, mit Stadtratskandidat Andreas Hauri die Gunst der Stunde zu nutzen, hätten grüne Anliegen im Stadtrat immerhin sieben Fürsprecher.

Wie beeinflusst Nielsens Rückzug die Chancen der SP im Gemeinderat?

Ob der Imageschaden zu einem Negativeffekt durchschlägt, lässt sich derzeit nicht abschätzen. Es kann auch sein, dass es der Partei gelingt, mit einer Jetzt-erst-recht-Offensive Sitzverluste im Parlament abzuwenden. Schon vor Nielsens Rückzug priorisierte die Partei die Parlamentswahlen: Dort gelte es, die linke Mehrheit zu erlangen. Nach den jüngsten Turbulenzen hat die SP dies bekräftigt. Heute fehlt zur Mehrheit eine Stimme. Von den 125 Sitzen gehören 39 der SP, 14 den Grünen und 9 den Alternativen, was 62 Stimmen entspricht. Dank der GLP kommen bei Umweltthemen allerdings schon heute Mehrheiten zustande.

Welche Rolle spielt die SP in der Stadt Zürich?

Sie ist mit einem Wähleranteil von 29,2 Prozent (2014) und mit den erwähnten 39 Sitzen im Parlament mit Abstand die stärkste Partei in der Stadt. Und dies in allen Wahlkreisen ausser im Kreis 7+8, wo die FDP dominiert.

Welche Wahlziele hat sich die SP fürs Parlament gesetzt?

Sie will einen Wähleranteil von 30 Prozent erreichen sowie mindestens einen Sitz mehr im Gemeinderat (also 40).

Welche Chancen haben die drei Wiederkandidierenden SP-Stadtratsmitglieder?

Stadtpräsidentin Corine Mauch, Hochbauvorsteher André Odermatt und Sozialvorsteher Raphael Golta müssen sich um ihre Wiederwahl sicher nicht sorgen. Sie sind von Skandalen verschont geblieben, leisten solide Arbeit und erhalten von den meisten Beobachtern gute Noten.

Ist Filippo Leutenegger, der für das Stadtpräsidium kandidiert, eine Gefahr für Corine Mauch?

Nein. Filippo Leutenegger ist zwar der populäre Oppositionsführer des Bündnisses Top 5 und fährt in dieser Funktion Corine Mauch im Wahlkampf kräftig an den Karren. Aber eine ernsthafte Konkurrenz ist er für sie nicht. Dafür fehlt ein offensichtlicher Missstand in der Stadt. Zürich geht es wirtschaftlich recht gut. Daran ändert Leuteneggers Vorwurf nichts, wonach die Linke den Erfolg lediglich verwaltet. Mauch war zu Beginn ihrer Amtszeit 2009 angreifbar. Sie musste Kritik einstecken wegen ihrer blassen öffentlichen Auftritte. Davon ist mittlerweile nichts mehr zu hören. Das Stadtpräsidium befindet sich übrigens seit 1990 ununterbrochen in der Hand der SP.

Was hat die Linke dem rechten Wahlbündnis Top 5 von SVP, FDP und CVP entgegenzusetzen?

Das traditionelle Linksbündnis, das SP, Grüne und AL umfasst. Dieses ist bis jetzt aber nicht so offensiv aufgetreten wie Top 5. Trotzdem funktioniert das linke Bündnis eher besser, weil die inhaltlichen Positionen der Beteiligten näher beieinander liegen als im rechten Lager – bei allen Differenzen etwa zwischen SP mit der AL. Dem gegenüber stechen die Unterschiede zwischen FDP und SVP in Europa- und Wirtschaftsfragen ins Auge. Dies erklärt, dass die Wähler der drei bürgerlichen Parteien ihre Kandidaten trotz dem zur Schau gestellten Bündnis gegenseitig nur schwach unterstützen.

Auf welche Themen setzt die SP in ihrem Wahlkampf?

Die Forderung nach mehr bezahlbarem Wohn- und Gewerberaum gehört zu den populären Kernanliegen. Die SP kann sich dabei auf einen Auftrag in der Gemeindeordnung stützen. In der Verkehrspolitik setzt die SP auf den Schutz vor Strassenlärm – unter anderem mit Tempo-30 auch auf Hauptstrassen. Zum Forderungskatalog gehören ausserdem Veloschnellrouten. Um Wähler zu gewinnen, arbeitet die Partei mit breit angelegten Telefonkampagnen.

Wie gross ist das Wahlkampfbudet der SP?

Die Partei nennt auf Anfrage den Betrag von 850'000 Franken, der für die Stadt - und Gemeinderatswahlen budgetiert sei. Bei den Geldern handelt es sich um Mitgliederbeiträge, Spenden und Abgaben von Mandatsträgern.