Schenken
Sozialpsychologe Johannes Ullrich: «Das Geschenk zeigt, wer ich bin»

Mit einem Geschenk sagt man, was man über den anderen denkt. Aber auch, welches Bild man von sich selbst hat.

Seraina Sattler
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Dem Schenken kann man sich nicht einfach entziehen – insbesondere an Weihnachten nicht. Walter Schwager

Dem Schenken kann man sich nicht einfach entziehen – insbesondere an Weihnachten nicht. Walter Schwager

Walter Schwager

Der Sozialpsychologe Johannes Ullrich von der Universität Zürich erklärt, warum ein Geschenk, das vom Christkind kommt, ein Zeichen bedingungsloser Liebe ist.

Vor Weihnachten ist die Suche nach Geschenken für viele ein Stress – wieso beschenken wir uns eigentlich?

Johannes Ullrich: Schenken bringt die Beziehung in Gang und erhält sie aufrecht. Mit einem Geschenk vermittelt man das Bild, das man vom anderen hat – aber auch jenes, das man von sich selbst hat. Wir merken nur durch andere, wer wir sind. Wir können zwar in den Spiegel schauen, da sehen wir, ob wir eine neue Faltencreme brauchen, aber nicht, was für eine Person wir sind. Dazu schauen wir in den Spiegel der Mitmenschen. Und da ist das Geschenk ein symbolischer Akt, mit dem kommuniziert wird, wer ich bin. Ein Geschenk ist eine besondere Ausdrucksform, die uns zeigt, wie der andere über uns denkt.

Bitte machen Sie ein Beispiel.

Sagen wir mal, Sie schenken Ihrem Partner ein Pferd. Dann kommunizieren Sie: Ich habe es ernst genommen, dass du dir dieses neue Hobby ausgesucht hast. Ich unterstütze dich dabei, dass du dich in diese Richtung entwickeln willst.

Es kann auch als Aufforderung gemeint sein: «Mach mehr Sport!»

Genau – was ein Geschenk bedeutet, muss ausgehandelt werden. Man könnte mit dem Pferdegeschenk auch sagen: Ich bin so ein toller Reiter und jetzt sollst du das auch lernen. Vielleicht kommuniziert man auch das Bild eines genialen Schenkenden. In manchen Geschenken versteckt sich nämlich der Versuch, zu beeindrucken. Wir finden in den Ergebnissen unserer Onlinebefragung (siehe Vermerk am Schluss, die Red.) Hinweise darauf, dass es hier einen Geschlechterunterschied gibt.

Inwiefern?

Frauen nutzen das Geschenk stärker als Möglichkeit, die Beziehung zu gestalten. Sie investieren mehr Zeit und Mühe, um das richtige Geschenk zu finden. Es ist auch so, dass Frauen mehr Kreativität in die Geschenke stecken, indem sie Geschenke selbst anfertigen.

Je mehr Zeit ich investiere und je mehr Geld ich ausgebe, desto mehr Wertschätzung drücke ich aus?

Geld spielt eher keine grosse Rolle. Wenn ich zeige, dass ich viel über das Geschenk nachgedacht habe, ist das mehr wert als Geld.

Aber wenn mir jemand etwas für 500 Franken schenkt und ich ihm umgekehrt nur für 20 Franken, dann ist das schon ein grosses Ungleichgewicht.

Es gibt solche Ungleichgewichte, die völlig in Ordnung sind. Wenn es zum Beispiel um Geschenke zwischen den Generationen geht. Da ist es natürlich, dass die Eltern mehr Geld in die Hand nehmen als die Kinder. Oder wenn die Oma von ihrer Rente lebt, kann sie auch nicht so viel Geld für Geschenke ausgeben.

Und wenn Schenker und Beschenkter auf der gleichen Stufe sind?

Dann werden sie sicherlich über die Diskrepanz nachdenken.

Muss es ein persönliches Geschenk sein? Was bedeutet es, wenn ich meinem Partner etwas Unpersönliches wie Pralinés schenke?

Es könnte sein, dass die Pralinés nur von aussen gesehen ein unpersönliches Geschenk sind, es aber eine Geschichte zwischen dem Schenkenden und dem Beschenkten gab, die dieses Geschenk zu einem persönlichen machen.

Gut, aber wenn man nicht weiss, was man schenken soll, dann schenkt man Pralinés, Blumen oder eine Flasche Wein.

Die unpersönliche Praliné-Packung aus der Migros erfüllt immerhin den Zweck, dass man etwas geschenkt hat, dass man also die Norm erfüllt. So etwas findet man eher in Austauschbeziehungen.

Was ist eine Austauschbeziehung?

In der Sozialpsychologie unterscheiden wir zwei grobe Arten von Beziehungen: Austauschbeziehungen und Freundschaftsbeziehungen. In einer Austauschbeziehung geben wir etwas und erwarten auch etwas zurück. Man schenkt sich abwechselnd etwas zu bestimmten Anlässen und erwartet, dass das fortgesetzt wird. In einer Freundschafts- oder Liebesbeziehung hingegen gibt man, ohne etwas zurückzuerwarten. Man schenkt, um den anderen glücklich zu machen. Am Schenken sieht man, in welcher Beziehung man sich befindet.

Kommen an Weihnachten beide Beziehungen zum Zug?

Es ist nicht so, dass man entweder eine Austauschbeziehung oder eine Freundschaftsbeziehung hat mit jemandem. Das ist ein Kontinuum, in dem uns selbst nicht klar ist, ob der Akt des Schenkens gerade die eine oder andere Art von Beziehung widerspiegelt. Im Alltag denkt man eher in Austauschbeziehungen – im Beruf und allgemein in der Konsumwelt, in der wir leben. Das färbt ab auf die Art, wie wir schenken.

Das heisst, wir erwarten auch in der Freundschaftsbeziehung, dass wir ein Geschenk zurückbekommen?

Das Potenzial für Missverständnisse und Ärgernisse ist gross, wenn die Sphären von Austausch- und Freundschaftsbeziehung vermischt werden. Dazu ein Beispiel: Wenn man bei der Familie der Schwiegereltern zum grossen Weihnachtsessen eingeladen wird und hinterher 200 Franken auf den Tisch legt, dann kommt das wahrscheinlich nicht gut an. Denn durch das Geldgeschenk hat man das typische Geben und Nehmen einer Austauschbeziehung in eine Beziehung hineingetragen, in der man normalerweise gibt, ohne etwas zurückzuerwarten.

Wenn mir mein Partner nichts zu Weihnachten schenkt, bin ich aber doch beleidigt – obwohl wir eine Liebesbeziehung haben und ich demnach selbstlos schenken sollte.

Sie erwarten nicht, dass er Ihnen etwas schenkt, weil Sie ihm in der Vergangenheit etwas geschenkt haben, sondern weil Sie denken, dass die Beziehung auf gegenseitiger Liebe beruht. Und diese kommt dadurch zum Ausdruck, dass man dem anderen etwas schenkt, das seine Bedürfnisse erfüllt und das seine Persönlichkeit widerspiegelt.

Geschenke sind heikel, man kann viel falsch machen dabei.

Das Geschenk ist dann richtig, wenn es das Bild erfüllt, das der Beschenkte von sich selbst hat. Falsch ist es, wenn Selbst- und Fremdbild nicht übereinstimmen. Man kann jemanden auch beleidigen mit einem Geschenk. Zum Beispiel wenn man etwas schenkt, das mit einer Aufgabe verbunden ist, etwa eine Gartenschere. Die Schere kann ausdrücken: Setz dich mehr für unseren Garten ein. Ist aber das Selbstbild des Beschenkten das eines Gärtners, ist alles in Ordnung.

Kann ein Geschenk eine Machtdemonstration sein?

Ja, wenn das Geschenk grösser ist als die Beziehung, wie etwa bei Geschenken an entfernte Bekannte oder Verwandte – damit kann man diese schon unter Druck setzen. Sie bleiben einem durch das Geschenk etwas schuldig oder verlieren sogar das Gesicht, weil sie nicht in der Lage sind, sich zu revanchieren.

Kann man einfach nichts schenken? Oder sogar von anderen verlangen: Wir schenken einander nichts?

Man kann sich dem Schenken nicht einfach entziehen, sondern man muss mit dem Umfeld reden, wenn man nichts schenken möchte, damit keine Enttäuschung entsteht.

An Weihnachten bringt das Christkind den Kindern die Geschenke. Wieso engagieren wir eine mythische Gestalt, statt den Kindern zu sagen: Dieses Geschenk ist von mir?

Das Christkind ist nicht die einzige Figur, die Geschenke bringt – es gibt ja auch noch den Osterhasen und den Samichlaus. Durch diese Figuren verlagert man den Akt des Schenkens in eine unpersönliche Sphäre. Mit den Kindern hat man am ehesten eine bedingungslose Beziehung – also gibt man, ohne etwas zurückzuerwarten. Den Kindern schenkt man selbstlos und das zeigt man, indem man dem Kind nicht einmal sagt, von wem das Geschenk ist. Die Geschenkübergabe durch eine dritte Person ist auch die Möglichkeit, das Geschenk von Bedingungen zu trennen. Das Kind bekommt es, egal ob es Streiche spielt oder schlechte Noten schreibt. Das vom Christkind überbrachte Geschenk ist Ausdruck von bedingungsloser Wertschätzung.

Letztes Jahr haben Johannes Ullrich, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Zürich, und seine Doktorandin Sonja Heller eine Studie zum Thema Schenken gemacht. An der Onlinebefragung nahmen 200 Personen aus der ganzen Schweiz teil. Die Studie ist nicht repräsentativ und wird dieses Jahr erweitert. An der Befragung teilnehmen kann man im Internet unter https://ww3.unipark.de/uc/Schenken2015.